Russlands insgeheimes Eingeständnis der Niederlage

Stolz verkündet das russische Verteidigungsministerium, bisher sämtliche Ziele im Kontext der „Spezialoperation“ in der Ukraine erfüllt und somit die erste Phase erfolgreich ausgeführt zu haben, wodurch man jetzt in die nächste Phase – die Eroberung der Ostukraine – übergehen werde. Diese Darstellung der russischen Streitkräfte beherbergt dabei nicht nur mehrere Erfindungen, sondern auch das Eingeständnis, die ursprünglichen Ziele völlig verfehlt zu haben: Obwohl noch zu Anbeginn des Ukrainekrieges dem Land jegliches Souveränitätsrecht abgesprochen und eine allumfassende Militäroffensive mit dem Ziel der „Entnazifizierung“ und „Demilitarisierung“ gestartet wurde, lautet es nun, man sei stets nur an der Eroberung der Ostukraine interessiert gewesen. Man hatte demnach nie die Absicht verfolgt, größere Städte des Landes und andere Regionen zu erobern, geschweige einen Regierungswechsel vorantreiben zu wollen. Diese Behauptung ist nur schwer mit der Realität des letzten Monats vereinbar und zeigt, wie sehr sich Russland in seinem Krieg verrannt hat.

Am vergangenen Freitag veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium eine längere Verlautbarung, wonach die bisherige Militäroffensive in der Ukraine nach Plan verlaufen würde und man deshalb in die nächste Phase dieses „Spezialeinsatzes“ übergehen werde, namentlich die Eroberung der Ostukraine bzw. der von den zwei separatistischen Volksrepubliken beanspruchten Gebiete in den Provinzen Luhansk und Donetzk. Damit einhergehend wurde zudem behauptet, dass sämtliche russischen Angriffe fernab des Ostens lediglich dazu dienten, ukrainische Truppen anderswo zu binden und somit nie das Ziel verfolgten, die z.B. weiterhin in ukrainischen Händen befindlichen Großstädte wie Tschernigow, Sumy, Charkiw oder Kiew zu erobern. Zudem hätte man bisher 1.351 russische Soldaten verloren, während 3.825 verletzt wurden. Anfang März waren es noch 500 Getötete nach eigenen Angaben.

Selbstverständlich decken sich diese genannten Fakten nicht mit der Realität auf dem Boden. Noch am 23. Februar verkündigte Wladimir Putin in seiner Rede, die zur Anerkennung der zwei ostukrainischen Volksrepubliken in denen von ihnen beanspruchten Grenzen führte, dass die Ukraine ein künstliches, durch die Bolschewiki entstandenes, Gebilde darstellt und damit verbunden keine Existenzberechtigung besitzt. Dabei sprach man auch ganz offen von einem Regime Change, um die aus Faschisten bestehende Regierung in Kiew abzusetzen und durch eine Pro-Russische zu ersetzen. Dies wollte man durch einen schnellen Vorstoß auf die Großstädte und vor allem Kiew erwirken, um die wichtigsten Orte kontrollieren zu können.

Diese Ziele wurden aber weitgehend verfehlt, stattdessen kam es an vielen Stadttoren zu erbitterten Abnutzungsgefechten, bei denen die russische Einheiten inzwischen bis zu 14.000 Soldaten verloren haben, insgesamt sollen etwa 15% bis 20% der russischen Verbände kampfunfähig sein. Für reine Ablenkungsmanöver sind die Verluste also viel zu immens, vor allem weil in den ersten 24 Stunden noch versucht wurde Charkiw beispielsweise zu betreten und zu besetzen, bevor sie zurückgeschlagen wurden. Hinzu kommt, dass bis zu diesem Zeitpunkt Russland einen Großteil ihrer Ressourcen in die Eroberung von Kiew investiert haben, wie beispielsweise auch die von Russland veröffentlichten Kontrollkarten der Ukraine illustrieren. Die seit Monaten bereitstehende Landungsflotte für Odessa trat nie in Aktion, da die russischen Einheiten nie in der Südukraine weit genug vorrücken konnten. Dies führte in weiten Teilen der Frontlinien zu einem Stillstand, einzige Ausnahme bildet die Ostukraine, auf die sich nun beide Seiten ihre Kräfte konzentrieren werden.

Auch hat Russland nun kurzerhand die Bedeutung der Formulierungen der „Entmilitarisierung“ und „Entnazifizierung“ verändert, sodass sie bereits jetzt als erfüllt gelten. Dem russischen Militär zufolge konnte man einen Großteil der ukrainischen Militärinfrastruktur und die Streitkräft eliminieren, dabei werden vor allem die vereinzelten Raketenangriffe am ersten Tag der Invasion als Beweisführung genannt. Auch soll man innerhalb von 48 Stunden die Lufthoheit errungen und die ukrainischen Flugabwehrsysteme zerstört haben, obwohl sich die russische Luftwaffe bis heute kaum traut, die Ukraine zu betreten. Die Denazifizierung wurde nicht nochmals näher spezifiziert, wurde aber ebenso als erfolgreiche Mission porträtiert.

Aber was bedeutet das für die Zukunft? Russland hat sich mit dem Narratives einer „Zweiten Phase“ eine Exit-Strategie zurecht gelegt, immerhin könnten sie nach der Eroberung der ostukrainischen Territorien zumindest intern einen Sieg verkünden, wonach man nur die zwei Volksrepubliken verteidigt und unterstützt hätte. Zudem besitzt das Land damit wichtige Verhandlungsmasse, zusammen mit der entstandenen Luftbrücke zwischen der Krim und dem Donbass. Es wäre nicht unwahrscheinlich wenn ein Großteil des russischen Militärs innerhalb der Ukraine deswegen weiter in Richtung Osten verlegt wird, da die Kapazitäten für größer angelengte Angriffe nicht mehr vorhanden sind, geschweige denn die Sicherung/Umkreisung von Städten wie Kiew oder Charkiw absolut unrealistisch bleiben. Die Frage verbleibt, ob die Ukraine dann zu Verhandlungen bereit sind, in denen sie einen weiteren Teil ihres Gebietes aufgeben müssen. Fest steht jedenfalls, dass Russland mit ihren ursprünglichen Plänen kolossal gescheitert sind.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

2 Kommentare zu „Russlands insgeheimes Eingeständnis der Niederlage“

  1. Ich sehe keine Niederlage. Die Strategie der russischen Führung ist aus militärischer Sicht sehr nachvollziehbar. Und welche Wendungen der Konflikt nehmen würde und nehmen wird ist sehr von den Reaktionen der NATO-Staaten abhängig. Es war alles möglich und es ist immer noch vieles möglich. >> Welche ursprüngliche Absicht steht hinter der Militäroperation der russischen Armee – Rede des Leiters der Hauptbetriebsdirektion des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation Generaloberst Sergei Rudskoy https://www.potsdam-aufstehen.de/2022/03/26/welche-absicht-steht-hinter-der-militaeroperation-der-russischen-armee-rede-des-leiters-der-hauptbetriebsdirektion-des-generalstabs-der-streitkraefte-der-russischen-foederation-generaloberst-sergei/

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