Tod türkischer Soldaten führt zu Eskalation in Nordsyrien

Vor zwei Tagen kam es in Nordsyrien zu einem folgenschweren Angriff auf eine türkische Militärbasis unweit der vor drei Jahren vom Islamischen Staat eroberten Stadt al-Bab. Was man zunächst für einen Artillerieangriff der syrischen Armee hielt, stellte sich wenig später als eine Raketenoperation des arabisch-kurdischen Milizenbündnis der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) heraus, die in tiefer Rivalität mit der Türkei stehen. Nach dem Tode mehrerer türkischer Soldaten und dutzenden Verletzten reagierte das nördliche Nachbarland sichtlich ungehalten und bombardierte mit der Unterstützung ihrer islamistischen Stellvertreter etliche SDF-Ortschaften, welche wiederum die Eskalationsspirale weiter vertieften und ihrerseits pro-türkische Territorien in Afrin und Azaz attackierten.

Die türkische Basis befand sich in der Nähe der Stadt al-Bab, einst eine Hochburg des Islamischen Staates im Norden der Provinz Aleppo, seit ihrer Eroberung durch die Türkei unter großen Verlusten aber eine bedeutsame Stadt für den syrisch-türkischen Grenzhandel. Das wenig später veröffentlichte Video der SDF zeigt einen Angriff durch eine Panzerabwehrlenkwaffe (ATGM) auf ein türkischen Truppentransporter, in dessen Folge zwei Soldaten getötet und sieben Weitere verletzt wurden, mitunter schwer. Dies wiederum führte zu einer schnellen Reaktion der Türkei, die mit dem Beschuss von Dörfern und Orten unter der Kontrolle der SDF begannen, welche nur wenige Kilometer östlich und südwestlich von al-Bab Territorien kontrollieren, teilweise auch unter gemeinsamer Administration mit der syrischen Regierung.

Hunderte Artilleriegeschosse, Luftschläge und vereinzelte Drohneneinsätze sollen die Verteidigungsstellungen der Kurden ausgesetzt gewesen sein, das Ausmaß der Schäden und möglichen Verluste ist derzeit unklar. Auch pro-türkische Syrer waren in diesen Bombardements aktiv und leisteten Feuerunterstützung. Zu dem Angriff auf die Türkei bekannte sich kurz darauf die „Afrin Liberation Force“, welche offiziell eine kurdische Widerstands- und Guerillagruppierung in der weiter westlich von al-Bab gelegenen Region Afrin darstellt, die seit der Eroberung des Kantons durch die Türkei Widerstand leisten. Demnach agieren sie unabhängig, faktisch aber erhalten sie direkte Unterstützung durch die SDF in Form von Kämpfern und von der syrischen Regierung in Form von Waffen etc.

Vergeltungsschläge darauf ließen nicht lange warten und man startete mit kleineren, aber ähnlich intensiven Artillerieangriffen auf die Stadt Afrin in der gleichnamigen Region, die im Zuge der türkischen Militäroperation zu den wichtigsten Basen pro-türkischer Milizen geworden ist und inzwischen größtenteils nur noch von syrischen Flüchtlingen aus dem Rest des Landes bewohnt wird, nachdem die originale kurdische Bevölkerung gewaltsam vertrieben wurde. Seitdem kommt es neben Gefechten zwischen verschiedenen, syrischen Kräften regelmäßig zu Anschlägen durch die bereits erwähnten Gruppierungen der „Afrin Liberation Force“ oder der „Wrath of the Olives“, die in Wirklichkeit fast die gleiche Einheit darstellen.

Artillerieschläge und Raketen trafen mehrere Viertel von Afrin, einige Gebäude wurden beschädigt und unzählige Zivilisten verletzt, unter anderem auch ein Wohnkomplex der lokalen Rettungskräfte. Es ist nicht ganz geklärt ob diese Angriffe mit oder ohne der Unterstützung der syrischen Regierung erfolgten, da sie als Einzige über das nötige schwere Equipment verfügen und das am nächsten gelegene Gebiet zu Afrin kontrollieren, wenn auch gemeinsam mit SDF-Verbänden. Kurz darauf drehte sich die Eskalationsspirale zumindest weiter, indem die Türkei nun am Sonntag das von Regierung und Kurden gemeinsam regierte Territorium bombardierte. In den letzten 24 Stunden kehrte wieder langsam Ruhe ein, jedoch könnte die Situation jederzeit wieder eskalieren.

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