Trotz ersten Coronafällen kommt es zu schweren Kämpfen in Libyen

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Trotz den Forderungen der Vereinten Nationen, aufgrund der Gefahr des Coronavirus die Waffen in den Konfliktgebieten niederzulegen und sich stattdessen auf jene Gefahr der Infektion zu konzentrieren, kommt es gerade in Libyen wieder zu schweren Gefechten zwischen der „Libyschen Nationalarmee“ (LNA) unter der Führung der ostlibyschen Tobruk-Regierung und dem General Khalifa Haftar und den verschiedenen Milizen unter dem Schirm der sogenannten „Einheitsregierung“ (GNA), welche nur noch ein kleines Gebiet im Nordwesten des Landes kontrollieren. Ungewöhnlich für den derzeitigen Konflikt kommt es nicht nur in der Hauptstadt Tripolis zu Kämpfen, sondern auch im gesamten Nordwesten, nachdem beide Seiten jeweils ihre eigenen Offensiven gestartet haben.

Vor drei Tagen eröffneten mehrere Milizen unter dem Operationsnamen „Friedensturm“ eine Offensive auf den al-Watiyah-Militärflughafen nahe der libysch-tunesischen Grenze, welcher von der Luftwaffe der Tobruk-Regierung für Bombardements auf Tripolis genutzt wird. Nach anfänglichen Erfolgen startete die Libysche Nationalarmee einen Gegenangriff, der in der Wiedereroberung des Flughafens und umliegender Gebiete endete. Darauf aufbauend startete die Nationalarmee sogar ihre eigene Offensive auf die Küstenstädte weiter nördlich, bisher ist der Erfolg dieser Operation jedoch unklar. Demnach konnte man die Städte Regdalin, al-Azza, Abu Kemash und Zaltan erobern und Zuwahra belagern. Damit wäre die Einheitsregierung über den Landesweg von Tunesien abgeschnitten, einzig der Grenzübergang selber soll sich unter der Kontrolle der GNA befinden. Diese berichtet hingegen, dass Zuwahra nicht eingeschlossen wäre und sich die Orte Abu Kemash und Zaltan weiterhin unter der eigenen Kontrolle befinden.

Der Erfolg der LNA ist wohl in erster Linie darauf zurückzuführen, dass die Einheitsregierung ihre eigenen Kräfte in der Region westlich von Tripolis überschätzt hat. Nach dem kurzzeitigen Erfolg wurden die Einheiten unter Haftar vor Ort zusammengezogen und konnten somit eine effektive Gegenoffensive starten. Mit der Eroberung von al-Watiyah selber überdehnte man die eigenen Kräfte, sodass wohl kaum noch Kräfte zur Verteidigung der Orte verblieben. Einigen Berichten zufolge desertierten sogar einige Milizen wie in Zaltan zur Libyschen Nationalarmee.

In der Hauptstadt Tripolis kam es hingegen kaum zu territorialen Veränderungen, der urbane Häuserkampf hilft den Verteidigern enorm. Zudem trägt hier die Unterstützung der Türkei die meisten Früchte, neben regelmäßigen Drohnenflügen erhalten die Milizen der Einheitsregierung auch Unmengen an Equipment, von Panzerabwehrwaffen bis Aufklärungsfahrzeugen. Auch befindet sich hier das Gros der syrischen Islamisten, die die Türkei als Söldner über den Luft- und Seeweg nach Libyen gebracht hat. Die Anzahl wird inzwischen auf bis zu 5000 Kämpfer geschätzt, die dementsprechend die ausgedünnten Frontlinien verstärken. Gerade Syrer sollen hohe Verluste erleiden, ungefähr 100 von ihnen wurden bereits getötet oder gefangen genommen.

Die dritte Front: Nach einer rund mehrmonatigen Pause eröffnete die Libysche Nationalarmee eine neue Front im Osten des GNA-Territoriums, mehrere Kampfverbände starteten eine Offensive auf die Wüstenstadt und Verkehrskreuz Abu Grayn, welches mitten auf dem Weg zwischen den Städten Sirte und Misrata liegt, letzterer Ort zählt zu den letzten Bastionen der Einheitsregierung in Libyen. Innerhalb der ersten 24 Stunden konnte man mehrere Siedlungen in den Vororten von Abu Grayn sichern und dabei große Mengen an Waffen und Fahrzeugen erbeuten, darunter mehrere T-72-Kampfpanzer, Artilleriegeschütze und Transportpanzer. Die Anzahl der getöteten Kämpfer soll auf Seiten der GNA bis zu 60 betragen und bei der Nationalarmee 20. Die Einheitsregierung behauptet hingegen, den Angriff erfolgreich abgewehrt zu haben.

Unterstützt wurde der Angriff durch die Luftwaffe der LNA, während die verschiedenen Milizen aus Tripolis durch die Türkei Drohnen bereitgestellt bekamen. Zudem sollen mehrere syrische Islamisten in den Gefechten involviert gewesen sein. Sogar ein Kämpfer aus der Türkei wurde getötet, welcher aber nicht im Zusammenhang mit den regulären türkischen Streitkräften steht. Seitdem die Hafenstadt Sirte Anfang Januar durch die LNA überraschend erobert wurde, eröffnet die Tobruk-Regierung von dort aus immer wieder eine neue Front in der Hoffnung, die ohnehin schon überstrapazierten Kapazitäten des Gegners entlang der gesamten Frontlinie zu beanspruchen.

Die neueste Runde an Gefechten fällt gerade in jenem Zeitraum, in dem es die ersten bestätigten Coronafälle in Libyen gibt. Sowohl Einheitsregierung, als auch Tobruk-Regierung vermelden die ersten Fälle, beide Seiten haben erste Maßnahmen eingeleitet und dabei das öffentliche Leben eingeschränkt und Ausgangssperren verhängt. Aufgrund des jahrelangen Konfliktes und der andauernden Gefechte ist aber die Gesundheitsversorgung absolut ungenügend auf eine Pandemie vorbereitet, angeblich gibt es auch nur 100 Testkits im gesamten Land. Zudem gibt es Hardliner (inbesondere islamistische Kräfte), die dem Coronavirus eine untergeordnete Rolle gegenüber dem „Dschihad“ in Libyen zusprechen.

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Neues Equipment der LNA stammt vor allem aus den Vereinigten Arabischen Emiraten & Ägypten

Die Tobruk-Regierung unter Kahlifa Haftar kontrolliert etwa 90% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Auch Griechenland, Saudi-Arabien und Jordanien unterstützen Ostlibyen. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Diese Unterstützung erhalten sie in erster Linie von der Türkei, aber auch der Iran und Katar transportierten bereits Waffen und lieferten finanzielle Hilfe. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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