Hat der Iran ein ukrainisches Passagierflugzeug abgeschossen?

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Die Nacht zum Mittwoch war von zwei entscheidenden Ereignissen geprägt: Einerseits attackierte das iranische Militär überraschend direkt zwei irakisch-amerikanische Militärbasen im Westen und Nordes des Iraks, andererseits ereignete sich wenige Zeit später der Absturz des ukrainischen Passagierflugzeuges nahe der iranischen Hauptstadt Teheran, die Hintergründe und Ursachen dafür sind weiterhin unklar. Während der iranische Raketenangriff rein symbolischer Natur war und letzten Endes nur in amerikanischen Sanktionen endete, findet inzwischen vielmehr ein Krieg der Narrative rund um das Geschehen des Fluges 752 statt, für dessen Absturz wahlweise ein technischer Defekt oder iranische Luftabwehr verantwortlich gemacht werden. Ein neu veröffentlichtes Video könnte die entscheidende Klarheit schaffen. 

Flug 752 startete in Teheran und hatte das ukrainische Kiew zum Ziel, vermeldete jedoch nur wenige Minuten nach dem Start Kontrollverlust, bis es in etwa 20 Kilometern Entfernung vom Teheran-Flugzeug in einem Vorort am Boden zerschellte. Alle 176, mehrheitlich aus dem Iran und Kanada stammenden Insassen wurden dabei getötet, nachdem es zunächst von Rettungsteams vor Ort Berichte von einigen Verletzten gab. Das Wrack des Flugzeuges ist inzwischen untersucht worden, ein Großteil der Einzelteile wurde durch Planierraupen bereits entfernt. Zunächst ging man international von einem Unfall aus und baute vor allem keinen Zusammenhang zum zeitnahen Geschehen im Irak auf, jedoch änderten sich die Darstellungen schnell.

Die iranische Regierung reagierte direkt und sprach von einem technischen Defekt, wo eine überhitzte Turbine einen Brand verursacht hätte und letztendlich die Ursache des Absturzes war. Auch internationale Organisationen oder Regierungen wie jene von Kanada oder der Ukraine schlossen sich dieser Meldung an. Nach nur wenigen Stunden gab es bereits die ersten Behauptungen, dass das Flugzeug, welches von Teheran aus startete und nach Kiew flog, abgeschossen wurde. Diese Gerüchte wurden vor allem aus der anti-iranischen Opposition gestreut, die keinerlei Zugang zu den nötigen Informationen hätten. Am darauffolgenden Tag wechselte auch die Stimmung in den westlichen Regierung, allen voran die USA, aber auch die Ukraine, Großbritannien oder Kanada sahen einen iranischen Raketenangriff als den tatsächlichen Täter, wobei man von einem „Unfall“ und keiner Absicht ausgeht.

Besonders Kanada und die USA sind von einem iranischen Abschuss überzeugt, auch wenn er nur aus versehen geschehen ist. Dabei berufen sie sich auf Geheimdienstinformationen und den regen Austausch zwischen den verschiedenen westlichen Ländern, auch die Ukraine geht inzwischen von einer iranischen Tat aus. Dabei betonte man auch nochmal die moderne Ausstattung der Boeing 737-800 und dass die letzte technische Überprüfung drei Tage zurücklag. Ein Fehler des Piloten wird ebenso ausgeschlossen.

Die Umstände zu dem gegenwärtigen Zeitpunkt führten sehr wahrscheinlich dazu, dass die iranischen Luftabwehrsysteme auf höchster Alarmbereitschaft waren in der Erwartung, dass die USA direkte Aktionen gegen den Iran fliegen könnte. Ein dafür mögliches Ziel ist das Mahad-Raketensilo, welches sich nahe dem Flughafen von Teheran und damit nahe des Absturzortes befindet und dementsprechende Vorsicht vor Ort gegeben war. Dennoch handelt es sich hier um regulären Zivilluftverkehr, welcher sowohl davor, als auch nach Flug 752 völlige Routine war und dementsprechend eine einplanbare Kalkulation für die iranische Luftabwehr war, auch da sie sich auf vorherbestimmten Routen befinden und vor allem auf Radarsystemen (im Gegensatz zu Kamfpjets etc.) klar identifizierbar als Passagierflugzeuge sind. Ist also eine überhastete Aktion die Ursache für den Absturz?

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Ein Tor-M1-Luftabwehrsystem, welches der Iran auch nutzt

Ein oft vorgetragener Vorwurf westlicher Medien war die Ablehnung des Irans, ihre Untersuchungsergebnisse bzw. die Black Box gegenüber dem Flugzeughersteller Boeing herauszugeben. Tatsächlich aber entspricht das nur der Standardprozedur, denn normalerweise besitzt das Land, in dem sich der Absturz ereignete, auch den Anspruch auf die Investigation, wobei andere betroffene Länder (hier: Kanada und Ukraine) oft hinzugezogen werden, vor allem wenn es um die Auswertung der Black Box geht. Die iranische Regierung hat bereits angekündigt, mit der Ukraine dahingehend zu kooperieren, obwohl die Black Box eigener Darstellung zufolge beschädigt wurde und ein Teil der Informationen zerstört wurden. Außerdem handelt es sich bei Boeing um kein unabhängiges Unternehmen, sondern um einen direkten Lieferanten des US-Militärs welches ebenfalls in der Vergangenheit beschuldigt wurde, Blackbox-Daten zum eigenem Vorteil manipuliert zu haben. Zudem verhindern amerikanische Sanktionen wohl auch einen reibungslosen Austausch, wobei der Iran inzwischen auch eine Beteiligung angeboten hatte.

Viele sahen in den Schäden des Wracks einen weiteren ultimativen Beleg für den Abschuss an, da sich quasi am gesamten Flugzeug entlang ungewöhnliche und unsystematische Löcher befinden, die Schrapnellen zugerechnet werden, die durch die Luftabwehrraketen kurz vor der Detonation verursacht werden. Auch hier gilt: Es ist wesentlich wahrscheinlicher, dass die Löcher durch Kieselsteine verursacht wurden und ein derartiges Schadensbild bei einem am Boden zerschellten Flugzeug völlig gewöhnlich ist. Ebenso gibt es ähnliche Effekte bei explodierten Flugmotoren, wobei diese nicht so einen großen Radius wie in diesem Falle besitzen. Das Wrack wird aber bei der Lösungsfindung nur noch bedingt weiterhelfen, da der Iran aus ungeklärten Gründen das sämtliche Areal planierte und die Einzelteile auf einen Haufen sammelte.

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Satellitenbilder zeigen die weggeräumten Flugzeugteile am Absturzort

Für einen Abschuss sprechen hingegen vor allem folgende Faktoren: Vermutliche gefundene Raketenteile in der Nähe, das Verhalten des Flugzeuges kurz vor dem Absturz und aufgenommene Videos. Mehrere Bilder zeigen Raketenteile, die klar Luftabwehrraketen zugerechnet werden können. Die Frage ist nur, ob diese Bilder auch aus der Umgebung des Absturzortes stammen, oder gänzlich woanders erstellt bzw. gefunden wurden. Bei den betroffenen Teilen handelt es sich um die Kopfteile von 9k331-Raketen, die von dem russischen Luftabwehrsystem „Tor-M1“ genutzt werden, die vor zwei Jahren der Iran erhalten hat. Wie bereits erwähnt ist es aber nahezu unmöglich, den Standort der derzeit veröffentlichten Bilder zu identifizieren bzw. überhaupt dem Iran zuzuschreiben. In dem Zusammenhang behauptet das Pentagon zudem, mithilfe der eigenen Satelliten zwei Raketensignale in dem Gebiet registriert zu haben.

Das Verhalten des Flugzeuges war in keinster Weise ungewöhnlich, wie man auf Flightradar24 beobachten konnte. Es beschleunigte regulär und stieg in ebenso regulärer Geschwindigkeit auf eine Höhe von 2400 Meter, bis man den Kontakt schlagartig verlor. Kurz davor hat das Flugzeug eine scharfe rechte Kurve genommen, unklar ist dabei ob das Flugzeug nicht mehr kontrolliert werden konnte oder der Pilot zum Flughafen zurückkehren wollte. Ohnehin ist dieser plötzliche Kontaktverlust unter anderem zum Piloten sehr ungewöhnlich, was für eine Explosion bzw. dem Treffer durch eine 9K331-Boden-Luft-Rakete spricht.

https://twitter.com/Roman_012/status/1215335999997448195?s=19

Zuletzt wurden auch viele Videos veröffentlicht, die den Absturz des Flugzeuges zeigen sollen. Aufgrund der Dunkelheit ist ein klarer Feuerball identifizierbar, welcher sich auch mit der iranischen Darstellung des brennenden Flugzeuges deckt. Einen Tag später wurde jedoch ein weiteres Video veröffentlicht, welches ganz klar den Abschuss eines Flugzeuges durch ein zweites Projektil (hierbei also eine Luftabwehrrakete) zeigt, welches beim Aufprall explodiert. Das Video konnte sogar sehr schnell lokalisiert werden und deckt sich mit dem Ort des Absturzes: Im Neubaugebiet im Nordwesten der Stadt Pahand, etwa zwei Kilometer von der Absturzstelle entfernt. Sollte sich die Authentizität des Videos bestätigen, kann man es wohl als gesichert betrachten, dass Flug 752 von mindestens einer Boden-Luft-Rakete getroffen wurde, die letzten Endes zum Absturz geführt hat.

Sollte sich dies bewahrheiten, bringt es den Iran in eine sehr schwierige Position. Nicht nur verlor die iranische Revolutionsgarde vor nicht mal einer Woche ihren wichtigsten General und das gesamte Land einen Nationalheld, sondern wird nun international noch weiter gebrandmarkt, die Reputation in der anhaltenden Krise sinkt weiter. In der iranischen Geschichte gab es mit dem Iran-Air-Flug 655 das gleiche Ereignis, nur mit vertauschten Rollen: Im Juli 1988 schoss das amerikanische Militär über den Persischen Golf ein iranisches Passagierflugzeug ab, welches man irrtümlicherweise für einen angreifenden iranischen Kampfjet hielt. Dieses Geschehen wurde innerhalb des Irans immer wie als Beweis für die feindlichen und imperialistischen Aktionen der USA gesehen.

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