Der neue russisch-türkische Deal ist ein Alter

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Das Treffen zwischen dem russischen Präsidenten Putin und seinem türkischen Gegenpendant Erdogan in der Stadt Sotschi konnte nach nur wenigen Stunden Früchte tragen: Beide Länder einigen sich auf die Errichtung einer gemeinsamen Sicherheitszone im Norden Syriens, gemeinsame Patrouillen und die Bestätigung des Status Quo. Für die Wahrung des Friedens und die Beendigung der türkischen Invasion müssen sich die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) aus der rund 30 Kilometer breiten Sicherheitszone entlang der Grenze zurückziehen, dafür treten Russland und die syrische Regierung als Schutzmächte auf. Dabei erinnert die türkisch-russische Vereinbarung frappierend an jenen zwischen der Türkei und der USA, welcher ebenfalls den Abzug der YPG und koordinierte Militärpatrouillen entlang der Grenze vorsah.

Die Einigung sieht den Rückzug der YPG aus der 30 Kilometer breiten Sicherheitszone zwischen den Städten Kobane und Qamishli vor und deckt sich damit den jahrelangen Forderungen der Türkei. Andere Teile der SDF werden jedoch weiterhin in der Region stationiert sein. In den ersten zehn Kilometern unternehmen die Türkei und Russland gemeinsame Patrouillen, in dem Gebiet wird zudem die syrische Armee den Abzug der YPG beobachten. Der derzeitige Status Quo der türkischen „Operation Friedensquelle“ wird von allen Seiten anerkannt, was die faktische türkische Kontrolle der Gebiete zwischen den Grenzstädten Ras al-Ayn und Tel Abyad bedeutet und etwa ein Viertel der gesamten Sicherheitszone umfasst. Türkische Truppen oder zumindest ihre islamistischen Stellvertreter werden also langfristig in der Region präsent sein.

Die westlich des Euphrats gelegenen Orte Tel Rifaat und Manbij werden wohl permanent in die Hände der syrischen Regierung fallen. Beide Orte können bereits seit Monaten und Jahren eine Präsenz der Armee vorweisen, dementsprechend fest verwurzelt ist die Region bereits, im Falle Tel Rifaats gibt es sogar bereits gemeinsame Verwaltungen. Besonders in diesem Ort könnte es noch zu wichtigen Entwicklungen kommen, da beide Seiten sich darauf einigten, jegliche „Infiltrationsversuche von terroristischen Elementen“ zu beenden. Tel Rifaat dient als Heimatbasis und Rückzugsgebiet für die verschiedenen, in Afrin agierenden Guerillagruppen und erhält dabei massive Unterstützung von der syrischen Regierung.

Obwohl dieser Deal wohl die vorzeitige Beendigung der türkischen Offensive in Syrien bedeutet, werden die Gefechte weitergehen. Der Konflikt entwickelt sich stattdessen in eine neue Phase, die des Guerillakrieges. Wie bereits im ehemaligen Kanton Afrin werden wohl mehrere kurdische und arabische Guerillagruppierungen auf den Plan treten, welche mithilfe moderner Ausrüstung von der SDF und der syrischen Regierung Attentate, Anschläge und Überfälle auf militärische und zivile Ziele in dem von der Türkei besetzten Gebieten ausführen werden und besonders in den Reihen der syrischen Islamisten, sollten sie die Kontrolle über die Grenzregion übernehmen, für Verluste sorgen. Wie in Afrin ist die Region traditionell von der kurdischen Bevölkerung dominiert, wobei die Türkei jedoch versuchen wird, arabische Flüchtlinge massenweise anzusiedeln und damit die Kurden zu einer Minderheit in ihrer Stammesregion zu machen.

Die Frage bleibt, ob die Vereinbarung in einem möglichen Zusammenhang mit den neuesten Entwicklungen in der Provinz Idlib steht. Bereits heute gibt es Gerüchte und Theorien, dass die Türkei zumindest Teile von Idlib von türkischen Truppen, welche entlang den Frontlinien mehrere vorgelagerte Militärbasen errichtet haben, räumen wird und damit den Weg frei für eine weitere Idlib-Offensive der syrischen Armee macht. Es existieren bereits mehrere Anzeichen, dass eine derartige Operation in den kommenden Wochen oder Monaten folgen könnte, wie Truppenbewegungen oder die neuesten Aussagen von Bashar al-Assad während seines Besuches an den Frontlinien beweisen.

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