Ukraine rückt an mehreren Fronten vor

Ob Kherson im Süden oder Charkiw im Nordosten: Zum Monatsanfang können ukrainische Einheiten wichtige Erfolge in mehreren Regionen vorweisen und die russische Frontlinien an mehreren Orten durchbrechen. Die qualitativen und quantitativen Defizite der russischen Streitkräfte machen sich an allen Enden bemerkbar, während zumindest der Personalmangel durch die anhaltende Mobilmachung ausgeglichen werden soll. Bis dahin aber dominiert die Ukraine aber klar auf dem Schlachtfeld und steht entlang einer rund 100 Kilometer langen Front an den Toren zum Oblast Luhansk, nachdem Charkiw wohl in näherer Zeit wieder vollständig unter ukrainischer Kontrolle stehen wird. Die unüberlegte Annexion der von Russland besetzten Gebiete entpuppt sich bereits jetzt zu einem reinen Fiasko, was sich selbst Moskau eingestehen muss.

Nach den Erfolgen bei der Eroberung der Stadt Lyman und der letztendlichen Vertreibung der russischen Präsenz aus dem Norden der Region Donezk dringen ukrainische Verbände weiterhin in der Region vor. Aktuell gibt es zwei Vorstoßrichtungen: Einmal gibt es eine Offensive in östliche Richtung, also auf den Weg in den Oblast Luhansk, welcher aktuell zu etwa 97% von Russland kontrolliert wird. Das ukrainische Militär soll nur noch etwa sieben Kilometer von Kreminna entfernt stehen, der ersten größeren Stadt in Luhansk und zudem die erste russische Verteidigungslinie, welche entlang der T-1303-Hochstraße in nördliche und südliche Richtung verläuft. Vor Ort stationierte Soldaten der russischen Armee und Kriegsreporter geben wenig Anlass für Optimismus, dass diese Region mittelfristig gehalten werden kann, alleine wegen der schieren Übermacht der Ukraine und unzureichenden Verteidigungslinien.

Die Region fiel in den ersten Wochen des Krieges an Russland, ein großer Teil davon nahezu kampflos. Aufgrund dessen schien das Land bisher auch wenig Gründe gesehen zu haben, dort sekundäre Verteidigungspositionen aufzubauen. Nun in Aussicht auf kommende Angriffe wären solche Maßnahmen viel zu spät, die russische Armee wappnet sich also auf die schlimmsten Fälle. In den nächsten Tagen wird wahrscheinlich zunächst die bereits erwähnte T-1303 überrannt werden, womit auch die Versorgung in die etwa 40 Kilometer nördlich gelegene Ortschaft Swatowe erschwert werden würde. Denn dabei handelt es sich wohl um das zweite Operationsziel der Ukraine. Die andere Offensivrichtung von Lyman aus geht nämlich in Richtung Norden, entlang des Oskil-Stausees. Dort konnte die Ukraine mehrere Siedlungen, darunter die Kleinstadt Borowa sichern. Diese werden in Zukunft wohl weiter in Richtung Kupjansk vorrücken, wo sie dann mit dem bereits errichteten Brückenkopf in Richtung Swatowe gemeinsam operieren werden. Damit befinden sich nur noch einzelne Dörfer im Oblast Charkiw unter russischer Herrschaft, die wohl keine Anstrengungen unternehmen werden, diese zu verteidigen.

Überraschenden Erfolg gibt es wiederum in der südukrainischen Region Kherson zu verzeichnen. Dort gelang der ukrainischen Armee ein Durchbruch am östlichen Ufer des Dnepr. Der große Fluss, welcher die Ukraine zweiteilt und die Region im Süden ebenso. Pro-russischen Berichten zufolge konnte der Gegner bis zu 30 Kilometer vordringen und dabei mehrere kleinere Orte sichern, was sich insgesamt auf bis zu sieben Dörfer summiert. Derzeit soll es Gefechte in der Nähe der Stadt Dudtschany geben, was etwa 60 Kilometer von Nowa Kachkowa entfernt liegt. Die Stadt und der dazugehörige Staudamm gehört zu den wenigen Orten, wo Fähren die russische Armee am anderen Ufer versorgen. Militärschläge in diese Richtung würden also die Logistik Russlands gefährden und eine längere Präsenz in der namensgebenden Provinzhauptstadt Kherson unattraktiver machen.

Zusammen mit dem ukrainischen Vorstoß über den Fluss Inhulets weiter südwestlich könnte die Ukraine sogar einen möglichen Kessel in Nord-Kherson erschaffen, insofern russische Soldaten sich nicht vorab zurückziehen würden. Dieses Szenario bleibt aber bisher weit entfernte Zukunftsmusik und es bleibt ohnehin abzuwarten, ob der Durchbruch am Dnepr erstes Anzeichen eines längeren Trends darstellen könnte. Kiew startete vor zwei Monaten ihre Kherson-Offensive, die vor allem auf eine Abnutzungsschlacht in der Region hindeutet. Bisher geht die Ukraine davon aus, dass Russland bis Ende des Jahres von dort vertrieben werden könnte. Moskau hingegen hat dort ihre besten, noch verfügbaren Einheiten stationiert, die den strategisch wichtigen Brückenkopf über den Dnepr und die prestigeträchtige Stadt Kherson halten sollen.

Die neuesten ukrainischen Fortschritte verursachen einen Dämpfer in dem propagandistisch aufbereiteten und symbolischen Schritt, die ukrainischen Regionen Luhansk, Donezk, Saporischschja und Kherson zu annektieren, obwohl keine einziger Oblast davon vollständig unter russischer Kontrolle steht bzw. die Gebietsverluste nur zunehmen werden. Heute ratifizierte das russische Parlament das Dekret, dass die Annexion ebendieser Gebiete beherbergt. Dabei wurde aber ersichtlich, dass die russische Regierung selber nicht genau weiß, wo die neuen Landesgrenzen nun liegen, da sie sich dank der ukrainischen Erfolge täglich verschieben. Der Kreml möchte deswegen die „lokale Bevölkerung“ dafür befragen, welches ursprünglich laut eigener Legitimation mit den Referenden erfolgt ist.

Zuvor warnte Wladimir Putin und sein Kabinett regelmäßig mit Vergeltungsschlägen, sollten Russlands Grenzen in Frage gestellt bzw. angegriffen werden. Nachdem aber die Ukraine davon unbeeindruckt war, ist offensichtlich: Der überhastete Schritt der Annexion war nicht mehr als ein Versuch des Kreml, Erfolgsmeldungen für die Heimatfront zu produzieren. Diese werden in Zukunft nur rarer werden, gemessen an den aktuellen Erfolgen der ukrainischen Armee.

3 Kommentare zu „Ukraine rückt an mehreren Fronten vor“

    1. In Syrien herrscht seit über einem Jahr faktisch eine Waffenruhe, auf militärischer Ebene gibt es dort keine nennenswerten Entwicklungen, vor allem im Vergleich zum Geschehen in der Ukraine. Ähnliches gilt für den IS, der inzwischen nur noch in relevanter Weise in Afrika agiert, was aber nicht mein Spezialgebiet ist. Am Ende bin ich nur eine Person die das hier als reines Hobby betreibt und habe entsprechend auch nur begrenzte Kapazitäten 🙂

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