Unentwegt in den Untergang

Am Mittwoch Morgen war es dann soweit: Nach tagelangen Gerüchten und einer verspäteten Fernsehrede des russischen Präsidenten Wladimir Putin und Verteidigungsminister Sergei Schoigu kündigt Russland die neueste Eskalation im Ukrainekrieg an, namentlich die Verkündigung einer Teilmobilisierung und weitere Schritte in Richtung Kriegsrecht. 300.000 Reservisten mit „ehemaliger Armeeerfahrung“ sollen in die Gefechte in der Ost- und Südukraine gestürzt werden, wo Russland derzeit auf dem Rückzug ist und mit erheblichen moralischen, logistischen, materiellen und personellen Problemen zu kämpfen hat. Der neueste Schritt soll nun die Wende bringen, gepaart mit den überraschend verkündeten Scheinreferenden in den besetzten Gebieten für den Anschluss an Russland. Gemessen am aktuellen Zustand der russischen Streitkräfte hat die Mobilisierung jedoch ungeahnte Folgen, die bestehende Probleme nur intensivieren werden.

Es ist eine erneute Wende im Ukrainekrieg, die gerade in pro-russischen, ultranationalistischen Kreisen als letzte Hoffnung angesehen wird, den Krieg doch noch zum eigenem Gunsten zu drehen. Eine Mobilisierung ist erstmals die schmerzhafte Erinnerung an die russische Bevölkerung, dass ein von ihnen gestarteter Angriffskrieg im Nachbarland stattfindet. Zwischen russischer Regierung und Bevölkerung besteht seit Kriegsbeginn ein stillschweigender „Vertrag“, der am besten mit Apathie umschrieben werden kann. Solange man, weit entfernt von der ukrainischen Grenze, wenig bis gar nichts von der Invasion mitbekommt und damit in persönlicher Weise nicht betroffen ist, so wagt man keine Kritik am gesamten Unterfangen. Darin könnte sich bereits das erste Konfliktpotential befinden, denn bisher war der Krieg weit weg vom eigenem Leben, maximal im Fernsehen verbarg sich die Erinnerung daran, dass der brutalste Konflikt der letzten Jahrzehnte vor der eigenen Haustüre stattfindet.

Dieser mögliche Faktor wurde aber bereits dadurch begrenzt, dass zunächst nur 300.000 Reservisten eingezogen werden sollen, zumindest laut Schoigu. Diese Maßnahmen können jederzeit ausgeweitet werden, insofern tatsächlich die Ressourcen für 300.000 Soldaten und mehr vorhanden sind. Insgesamt sollen bis zu zwei Millionen Reservisten bereit stehen, solche Unterfangen wären aber nur mit einer wirtschaftlichen und militärischen Basis wie jener der Sowjetunion möglich, derart große Mobilisierungskampagnen wurden aber in den 90ern aufgegeben. Auffällig ist, dass die bisherige Mobilisierung den Oblasten bzw. Provinzen überlassen wird, wer und wie viele Reservisten mobilisiert werden sollen. Darin bestätigen sich bereits bestehende Trends:

Erstens gab es bereits in den letzten Monaten recht erfolglose Versuche, auf provinzialer Ebene Milizen zu bilden, die dann in den Krieg geschickt wurden. Bei diesem freiwilligen Unternehmen wurden je Oblast maximal 1000 Bewohner gefunden, die sich dazu bereit erklärten. Gelockt von überdurchschnittlich hohen Löhnen, die letzten Endes aber nur selten von der klammen Regierung bezahlt wurden. Zudem stammen ein Großteil der russischen Soldaten in der Ukraine aus dem Fernen Osten oder dem Kaukasus, also jenen Regionen, die ärmer sind. Bei der Teilmobilisierung wird dies wohl erneut ein Faktor spielen, die erneut mit überdurchschnittlich hohen Bezahlungen gelockt werden. Für die russischen Eliten aus St. Petersburg und Moskau wird der Krieg wohl weiterhin in weiter Ferne liegen, um die Stabilität der Regierung zu sichern.

Doch selbst wenn sich letzten Endes 300.000 Reservisten finden, immerhin findet momentan zum wiederholten Male eine Massenflucht aus Russland statt, sämtliche Flüge nach Istanbul oder Jerewan sind bereits ausgebucht, ist deren Ausbildung und Ausrüstung der nächste Themenkomplex, bei dem der von Korruption zerfressende Staatsapparat auf Hürden stoßen wird. Das beginnt bereits am Zeitraum. Eine reguläre Mobilisierung und das damit verbundene Training würde mindestens drei bis vier Monate beanspruchen, im Idealfall ein halbes bis ein ganzes Jahr. Letzteres war bei der ukrainischen Mobilisierung der Fall, nach der kurzzeitigen Bildung defensiver „Territorialverteidigungskräfte“ wurden mittelfristig zehntausende Soldaten regulär ausgebildet, die Früchte davon konnte man in den letzten Wochen eindrucksvoll in der Charkiw-Offensive beobachten, wo man innerhalb einer Woche ein Gebiet wiedererobern konnte, wofür Russland vier Monate benötigte.

Russische Reserven würden also mindestens erst im Spätwinter eine sichtbare Veränderung im Kräftegleichgewicht des Krieges bringen. Jedoch benötigt Russland diese neue Truppenstärke sofort. Gemessen an den abgefangenen Telefongesprächen und Interviews von Kriegsgefangenen werden die neuen Soldaten aber wohl maximal ein mehrwöchiges Training erhalten, wonach sie aufgrund der akuten Probleme und dem Personalmangel direkt an die Front geworfen werden. Bei so einem Zeitraum fehlt es gerade an Spezialisierungen, wodurch die Reservisten dann wohl als einfache Fußsoldaten eingesetzt werden. Ein großes Problem für die russische Armee in der Ukraine ist der Mangel an Unteroffizieren, was durch die kommenden Monate sich nur verschlimmern wird. Personen mit minimaler Kampferfahrung werden inzwischen in diese Rollen gezwungen, obwohl es ihnen an den nötigen Qualitäten fehlt.

Diese Problematik wird nochmals dadurch intensiviert, dass zumindest ein größerer Teil der vorhandenen Ausbilder und des Trainingsgerätes bereits in der Ukraine ist, was tatsächliche Ausbildungsmöglichkeiten stark einschränkt. Erst vor kurzem wurden beispielsweise bei der Stadt Izium Dokumente eines Panzerausbilders gefunden, welcher ursprünglich zur Einheit 20155 des Trainings- und Ausbildungszentrums für mechanisierte Kräfte in der Stadt Ostrogoschsk gehörte. Solche Vorfälle gibt es immer wieder, jedoch ist es zu früh, um daraus einen allgemeinen Trend zu lesen.

Darauf folgt das nächste elementare Problem, nämlich die Ausstattung Hunderttausender Soldaten, was sich angesichts der nahenden Winterzeit nochmal verschlimmert. Russland hatte seit Anbeginn des Krieges bereits Schwierigkeiten damit, ihre regulären und professionellen Streitkräfte adäquat auszustatten. Inzwischen mangelt es an allen Fronten, Soldaten beschweren sich über abgelaufene Essensrationen, fehlende Behausungen, Schutzwesten ohne Platten und Helme aus den Zeiten ihrer Großväter. Vermehrt werden nun die alten sowjetischen Bestände aus Sibirien geleert, inzwischen sind die 60 Jahre alten Schützenpanzer des Typs BMP-1 und T-62-Kampfpanzern an jeder Front vorzufinden. Die ost-ukrainischen Volksrepubliken kämpfen teilweise mit Ausrüstung aus dem 1. und 2. Weltkrieg. Unter diesen Umständen scheint es äußerst unwahrscheinlich, Hunderttausende zufriedenstellend auszurüsten.

All das wirkt sich natürlich auch auf die Moral aus, die unter Reservisten nochmals gegenüber den Freiwilligen und Berufssoldaten geschmälert ist. Diese hatten bisher zumindest in der Theorie stets die Gelegenheit, ihren Einsatz jederzeit abzubrechen und nach Hause zurückzukehren. Reservisten hingegen werden so lange eingezogen, wie der Krieg bzw. die „Spezialoperation“ andauern wird, ohne Aussicht auf Heimurlaub. Darin versteckt sich wahrscheinlich auch die Intention der Mobilisierung, neben den offensichtlichen Gründen wie Personalmangel oder unzureichenden militärischen Kapazitäten. Die parallel zur Teilmobilisierung beschlossenen Änderungen des Strafgesetzbuches zeugen davon, dass selbst der russische Staat wenig Optimismus besitzt. Fahnenflucht und Kriegsverweigerung sind nun mit zehn Jahren Gefängnishaft bestraft, die Begriffe Kriegswirtschaft und Mobilisierung stehen wie den Ukrainekrieg Ukrainekrieg zu nennen ebenfalls unter Strafe. Der Ukrainekrieg scheint entschieden, aber noch lange nicht beendet.

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