Rückkehr in die ersten Wochen des Ukrainekrieges

Mit ungeahnter Geschwindigkeit und Kraft bewegen sich die ukrainischen Streitkräfte über die östlichen Felder des Oblast Khersons. Was vor wenigen Tagen noch fest seit Anbeginn des Ukrainekrieges unter russischer Kontrolle stand, ändert sich nun schlagartig: Innerhalb von vier Tagen konnte ukrainische Einheiten über 50 Kilometer tief in den feindlichen Frontlinien vordringen und den dort stationierten Mix aus zwangsrekrutierten Ostukrainern, russischen Soldaten und Polizeieinheiten im Handumdrehen kampfunfähig machen. Seit den ersten Kriegswochen gab es solche Geländegewinne nicht mehr, über 1000 Quadratkilometer wechselten den Besitzer. Die Rückkehr der ukrainischen Regierung wurde von der lokalen Bevölkerung gefeiert, während potentiell tausende russische Soldaten in näherer Zukunft eingekesselt werden könnten. Für die Ukraine scheint es aber nur der Anfang zu sein.

Wie eine Schneelawine nimmt die ukrainische Gegenoffensive im Oblast Charkiw zunehmend an Fahrt auf. Vor zwei Tagen waren es nur vereinzelte Dörfer an den altgedienten Frontlinien, die unter die Kontrolle der Ukraine fielen. Inzwischen hat sich dieses Gebiet vervielfacht, darunter auch die zunächst eingekreiste Stadt Balakiya, welche angeblich von russischen Spezialeinheiten des Militärgeheimdienstes erbitterten Widerstand leisteten. Inzwischen befindet sich die einst 30.000 Einwohner zählende Siedlung vollständig unter ukrainischer Kontrolle, nur kurz kam es zu Gefechten, ein Großteil der Stadt ist unversehrt. Das Schicksal über die angeblich eingeschlossenen Soldaten ist unbekannt, insofern es sie wirklich gab und sie möglicherweise doch noch eine Möglichkeit zur Flucht hatten. Dies ermöglichte auch ein vergleichsweise unblutige Übernahme.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in all jenen Ortschaften, die sukzessive von der Ukraine wiedererobert werden. In den kleinen Dörfern kommt es kaum zu Widerstand, inzwischen wurden dutzende russische Soldaten und ostukrainische Kämpfer gefangen genommen, eine noch größere Menge wurde durch Hinterhalte auf ihrer Fluchtroute getötet. Dabei kann die ukrainische Armee ebenfalls eine hohe Zahl an Militärfahrzeugen oder Waffen erbeuten, welche während der überstürzten Fluchtversuche zurückblieben. Inzwischen wurden dadurch über 100 Fahrzeuge geborgen, darunter etwa 20 Kampfpanzer und 30 Schützenpanzer, aber auch einige Artilleriegeschütze mitsamt Munitionslagern oder Luftabwehrsysteme. Obwohl die Ukraine in der Offensive ist und traditionell die höheren Verluste hat, sieht es in diesem konkreten Fall nach dem Gegenteil aus: Insbesondere durch das Erbeuten neuer Waffen erfährt Kiew einen Nettogewinn, sowas gab es zuletzt in den Monaten April und März.

Insgesamt konnten die involvierten ukrainischen Streitkräfte an allen Frontabschnitten in Charkiw vorrücken. Im Norden kontrollieren sie die strategisch wichtige Stadt Schewtschenkowe, welche auf halben Wege zwischen Charkiw und Kupjansk im Osten liegt. Von dort aus sind es noch etwa 30 Kilometer bis nach Kupjansk, höchstwahrscheinlich dem primären Ziel der gegenwärtigen Militäroffensive. Die Stadt ist nicht nur die provisorische Verwaltungshauptstadt der russischen Kräfte in der Charkiw-Region, sondern vor allem der wichtigste Verkehrsknotenpunkt für den gesamten Nordosten des Landes. Von dort aus führen in alle vier Himmelsrichtungen Schienensysteme, vor allem aber verläuft über Kupjansk die einzige Eisenbahnlinie, die Russland und die Ukraine miteinander verbindet im Nordosten. Das Schienensystem ist die dominante Logistikroute für das russische Militär, ohne sie wären die ohnehin schon überstrapazierte Nachschubsituation noch angespannter. Ein Sieg hier würde zudem tausende russische Soldaten in der Region um Izium von der Außenwelt abschneiden, was neben Kupjansk das Hauptziel zu sein scheint.

Pro-russische Karte über die Situation in Ost-Charkiw. Bereits veraltet, Ukraine kontrolliert Schewtschenkowe und Umgebung im Norden und ist im Süden bereits sehr viel tiefer vorgedrungen.

Möglicherweise ist diese Mission bereits erreicht worden. Denn einige Kriegsbeobachter melden, dass ukrainische Einheiten bereits vor den Toren von Kupjansk oder zumindest einige Dörfer und damit Kilometer vom Verkehrsknotenpunkt entfernt stehen. Gerade pro-russische Netzwerke buhlen besonders um ukrainische Erfolge, wonach sie sogar schon in Kupjansk kämpfen oder mehrere wichtige Brücken über den östlich gelegenen Oskil-Stausee eingenommen haben. Einige veröffentlichten Bilder und Videos zeigen tatsächlich erstaunliche Fortschritte, die die vom ukrainischen Generalstab veröffentlichten Angaben von einem Vorstoß von 50 Kilometer bestätigen. Visuell bestätigt sind damit ukrainische Soldaten im Dorf Boriwske, was auf halben Wege zwischen Schewtschenkowe und Kupjansk steht. Ukr. Einheiten erreichten bereits die administrativen Grenze des Landkreises/Raion Izium von Norden aus, was ein Durchbruch von einer Länge von 25 Kilometer von Balakliya auf direktem Wege bedeuten würde.

Am beeindruckendsten ist aber wohl eine Drohnenaufnahme, wo ein Funkturm in dem Weiher namens Yasynuvate zu sehen ist. Der Ort liegt 20 Kilometer nordöstlich von Izium bzw. 30 Kilometer südlich von Kupjansk. Zudem befindet sich unweit davon eine Brücke über den Oskil-Stausee, welche aber bereits beim ukrainischen Rückzug im März zerstört wurde. Es ist unklar, ob Russland Ersatzmaßnahmen ergriffen und z.B. Fähren oder Ponton-Brücken gebaut hat, um dieses Problem zu umgehen. Möglicherweise haben sie einfach auf den bewährten Landweg gesetzt, sprich das über Kupjansk verlaufende Schienensystem. In diesem Falle wäre eine großes Gebiet rundum der Stadt Izium bereits erfolgreich eingeschlossen, Fluchtrouten bestehen lediglich in Form des Schwimmens, wofür aber das schwere Kriegsgerät aufgegeben werden müsste.

Izium stellt eine Hochburg des russischen Militärs dar. Seit dessen Eroberung im März konnte Russland von dort aus den Druck auf die ukrainischen Positionen in der Donbassregion ausüben. Einige Zeit sah es sogar aus, dass die russische Armee mithilfe der Einheiten von Izium eine Offensive auf Slowjansk, das administrative Zentrum der Ukraine im Oblast Donezk, starten könnte, welches aufgrund einer starken Defensive verhindert und nun wohl auch vollends begraben werden konnte. Izium ist dahingehend von Bedeutung, dass sie im größeren Umkreis die einzige Nord-Süd-Achse darstellt, da die auf einem Hügel erbaute Stadt von zwei Seiten von riesigen Wirtschafts- und Naturwäldern flankiert wird. Dieser Flaschenhals konnte von Russland bisher erfolgreich gehalten werden, auch weiterhin kontrollieren sie mehrere Dörfer südlich von Izium. Die dort stationierten Einheiten könnten nun eingeschlossen sein, wonach es derzeit stark aussieht.

Wie die Ukraine einen derart schnellen und kraftvollen Durchbruch gelingen konnte, ist bisher noch unklar und von ukrainischer Seite mit höchster Geheimhaltung belegt. Aus den gegebenen Videos geht aber hervor, dass die ukrainischen Einheiten vor Ort auf äußerst mobile und kleine Verbände setzen, die die ohnehin schon von Auflösungserscheinungen geprägten und porösen Verteidigungsstellungen Russlands einfach umfahren und damit ein großes Gebiet infiltrieren können, was wohl unter anderen zur Zerstörung mehrerer Konvois geführt haben soll. Das erschwert aber auch, konkrete Frontlinien festzulegen, weswegen Vorstoß von 50 Kilometern in die Tiefe irreführend sein könnten. In der ukrainischen Geschichte hätten solche Taktiken Tradition, die anarchokommunistische „Schwarze Armee“ unter Nestor Machno zu Zeiten der Oktoberrevolution nutzte mit der Erfindung der Tatschanka ähnliche Techniken.

Integraler Bestandteil dafür wäre aber auch die Nutzung von Saboteuren bzw. Partisanen, die ebenso hinter feindlichen Linien agieren. Diese sollen in regelmäßigen Abständen Überfälle legen und grundsätzlich Chaos stiften, was eine Formierung russischer Verteidigungen und deren Versorgung unmöglich macht. Dies und ein weitreichendes Informationsnetzwerk, um z.B. feindliche Manöver zu entdecken, gehören ebenfalls zum Arsenal der ukrainischen Seite, auch wenn dies nur selten an die Öffentlichkeit dringt. Dafür unabdingbar ist die Unterstützung der lokalen Bevölkerung, welche man in den wiedereroberten Ortschaften eindrucksvoll sehen kann. Quasi überall strömen die Menschen aus ihren Häusern, teilweise mit ukrainischen Fahnen trotz der russischen Besatzung, um die wiederkehrenden Soldaten und das jähe Ende der Fremdherrschaft zu feiern.

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