Der große Knall blieb aus

Angesichts des ukrainischen Unabhängigkeitstages und dem sechsmonatigen Bestehen des Krieges kamen Befürchtungen auf, wonach die russischen Streitkräfte eine größer angelegte Eskalationen anlässlich dieses bedeutsamen Datums geplant hätten. Zwar kam es zu vermehrten Bombardements und Raketenangriffen auf die ukrainischen Zentren, ein großer Knall blieb dabei aber aus. Die Situation an den ost- und südukrainischen Frontlinien hat sich in den letzten zwei Monaten kaum erwähnenswert verändert: Russische Truppen können unter hohen Verlusten und einem langen Zeitraum einzelne Kilometer vorrücken, während die Ukraine erbitterten Widerstand leistet. So konnte Russland über den Monat Juli lediglich 0,02% des ukrainischen Territoriums erobern. Jedoch scheint Kiew auch nicht dazu fähig, größere Gegenoffensiven durchführen zu können.

Voller Ehrfurcht wurde der ukrainische Unabhängigkeitstag erwartet, pro-russische Medien überschlugen sich teilweise mit ihren Erwartungen und Ankündigungen, wonach an diesem Tage die „Dritte Phase der Sonderoperation“ starten würde, mitsamt einem explosiven Anfang. Auch die ukrainische Seite befürchtete eine bevorstehende Eskalation, nachdem an den Tagen zuvor Truppenbewegungen an der ukrainisch-belarussischen Grenze beobachtet wurden. Das sechsmonatige „Jubiläum“ des Ukrainekrieges war am Ende jedoch ein Tag wie jeder Andere, nur dass es vermehrt zu Raketenangriffen auf den Oblast Kiew nach langer Auszeit und anderen Städten in der Ukraine gekommen ist, darunter Kiyvi Rih oder Charkiw. Dabei kam es zu keinen nennenswerten Zerstörungen, bei Dnipro wurde durch eine Iskander-Rakete ein Zug in Brand gesetzt, wodurch laut ukrainischen Angaben 20 Zivilisten getötet wurden. Russland wiederum spricht von über 200 eliminierten Soldaten und zehn zerstörten Militärfahrzeugen.

Abgesehen vom Mittwoch blieben die vergangene Woche relativ ruhig, zumindest für die Verhältnisse des Ukrainekonfliktes. Der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu begründet die langsamen und äußerst spärlichen Fortschritte der eigenen Streitkräfte damit, Zivilisten verschonen zu wollen. Dabei handelt es sich um eine reine Propagandabehauptung, wie das Geschehen des letzten halben Jahres zeigen konnte. Nach erneuten Sabotageakten ukrainischer Spezialeinheiten auf der Krim gibt es Berichte darüber, wonach die russische Luftwaffe ihre Stützpunkte auf der Halbinsel vollständig verlassen haben. In näherer Zukunft veröffentlichte Satellitenbilder können diese Nachricht bestätigen oder auch falsifizieren. An den Kontaktlinien kam es kaum zu Gebietsveränderungen, die schwersten Gefechte finden weiterhin bei dem kleinen Dorf Pisky westlich von Donetzk und südlich von Bachmut und in Soledar statt, wo russische Soldaten schwere Verluste erleiden mussten.

Russlands offensive Kapazitäten wurden vor etwa drei Wochen in Richtung der Südukraine gebracht, als Reaktion auf die monatelangen Ankündigungen von ukrainischer Seite, den Oblast Kherson bzw. das Gebiet nördlich des Flusses Dnepr wiedererobern zu wollen. Trotz dieser Botschaft konnte die ukrainische Armee dort aber kein Land zurückgewinnen, stattdessen konnten russische Einheiten mit der Ortschaft Blahodne sogar neue Gebiete sichern. Ukrainische Aktivitäten im Süden des Kriegsgebietes beschränken sich vor allem in der Hoffnung, russische Nachschubwege zu durchschneiden bzw. entscheidend zu schwächen. Denn für die russische Verbände in Kherson existieren nur zwei gesicherte Versorgungswege: Die Antonivsky-Brücke nahe der gleichnamigen Provinzhauptstadt und der Staudamm von Nowa Kachowka weiter nördlich.

Beide wurden und werden von den amerikanischen Raketenwerfern „HIMARS“ gezielt angegriffen, da sie zu den wenigen Waffen im ukrainischen Arsenal gehören, die eine entsprechende Reichweite besitzen, obwohl sie ursprünglich nicht für Militärschläge gegen Infrastruktur konzipiert sind. Diese können erheblichen und vor allem präzisen Schaden verursachen, jedoch noch nicht vollständig die jeweiligen Überquerungen zerstören und damit unbenutzbar machen. Nach einer erneuten Raketensalve in der letzten Nacht ist wohl eine Brücke am Staudamm zerstört, über die Antonivsky-Brücke wurden vor kurzem erst Waffentransporter gesichtet, die den Dnepr darüber überquerten, trotz erheblicher Schaden. Russland reagiert darauf mit der Errichtung von provisorischen Fähren, die mit verminderter Kapazität trotzdem eine gewisse Versorgung erlaubt. Aktuell wird unter der Antonivsky-Brücke zudem eine Ponton-Brücke errichtet, die bereits zur Hälfte fertiggestellt ist.

Die Ukraine setzt also auf eine Taktik des „Aushungerns“, um russische Kräfte zu einem Rückzug aus Kherson zu zwingen, oder zumindest deren Militärpräsenz zu reduzieren und damit eine ukrainische Gegenoffensive zu ermöglichen. Dabei handelt es sich um eine langfristige Operation, dessen Erfolg bisher noch ungewiss ist. Wie bereits erwähnt wurden diese Nachschubrouten entschieden geschwächt, auch durch die Sabotageaktionen von ukrainischen Partisanen noch weiter südlich, jedoch verlegte Moskau dennoch einen Teil ihrer noch mobilen Gruppierungen in diese Region und konnten dabei sogar neue Gebiete erobern.

In der Südukraine befindet sich zudem das weiterhin bestehende Problem des Atomkraftwerkes Ehernodar, welches von der russischen Armee zu einem provisorischen Militärstützpunkt umgedeutet wurde und entsprechend in regelmäßig mitsamt der dazugehörigen Planstadt Angriffen der ukrainischen Streitkräfte ausgesetzt ist. Aufgrund westlicher Waffenlieferungen sind diese Militärschläge relativ präzise, weshalb die Gefahr eines direkten Angriffes auf die Atomreaktoren beispielsweise äußerst gering ist bzw. bisher umliegende Zelte und Transporter gezielt attackiert wurden. Im Kontrast dazu hatten russische Einheiten bei der gewaltsamen Übernahme von Ehernodar schwere Schäden durch Waffeneinsatz auf das Entscheidungszentrum des Gebäudekomplexes verursacht, was auch im Livestream des Betreibes für die ganze Welt zu beobachten war.

Ein kürzlich verursachtes Waldfeuer in der Region unbekannten Ursprungs entwickelte sich zu einer ernsthaften Gefahr für das AKW, welches zeitweise nur noch 1,5 Kilometer von den Anlagen des Kernkraftwerkes entfernt war. Aufgrund dessen wurde Ehernodar auch kurzfristig vom Netz genommen, was zu einer Stromknappheit in den Oblasten Saporischschja und Kherson führte. Durch einen nicht näher spezifizierten Eingriff des wie damals in Tschernobyl von russischen Kräften festgehaltenen Personals konnte aber schlimmeres verhindert werden, inzwischen arbeitet das Atomkraft wieder regulär. Die Entwicklungen rundum das AKW werden in Zukunft wohl weiterhin das national und international Schlagzeilen erzeugen, jedoch erklärte Russland sich erstmals bereit, internationale Kommissionen und Behörden Zutritt auf das Gelände zu gewähren.

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