Artillerie, Königin des Krieges

Vier Monate schon dauert der Krieg in der Ukraine an, welcher am 24. Februar durch einen russischen Grenzübertritt nahe der Krim und in Belarus gestartet wurde. Aktuell befindet sich der bewaffnete Konflikt zwischen der Ukraine und Russland in einem merkwürdigen Limbo, nachdem die russische Eroberung des ostukrainischen Oblast Luhansk sämtliche offensive Kapazitäten beanspruchte: An den Frontlinien kommt es derzeit nur zu Scharmützeln, größere Vorstöße und Manöver scheinen unbekannt. Inmitten dieser operativen Pause von Russland hat das ukrainische Militär aber massiv aufgerüstet und kann mithilfe amerikanischer Waffensysteme den Feind weit entfernt von den Frontlinien attackieren und schweren Schaden zufügen. Dieses Problem wird für Russland immer größer werden, welche nicht dazu imstande sind, sich gegen die Angriffe auf ihre Munitionsdepots, Logistikzentren und Hauptquartiere zu verteidigen.

Der Donbass ist in den letzten Tagen zur Ruhe gekommen, auch wenn es niederschwellig weiterhin Gefechte im Oblast Donezk gibt. Russische Kräfte versuchen seit etwa zwei Wochen, die Dörfer zwischen dem kürzlich eroberten Lyssychansk und den von der Ukraine gehaltenen Städte Sewersk und Bachmut zu sichern, was bisher nur von bedingtem Erfolg gekrönt ist. Mit dem Dorf Bilohoriwka kontrollieren ukrainische Soldaten weiterhin eine Siedlung in der Provinz Luhansk und konnten bisher sämtliche Angriffe darauf abwehren. Jedoch ist davon auszugehen, dass früher oder später die russischen Streitkräfte in der Region wieder vorrücken und die genannten Orte erobern werden. Darauf würde jedoch die wohl stärkste Verteidigungslinie der Ukraine im Donbass auf den Angreifer warten, eine Kette an Städten von Slowjansk im Norden bis zu Zalizne im Süden. Bei dem derzeitigen Tempo wäre dies aber eine Frage von Monaten.

Die ukrainische und russische Aufmerksamkeit könnte in näherer Zeit auf die südlichen Provinzen gelenkt werden. Anlass dafür geben mehrere Gründe: Präsident Volodymir Zelensky rief dem ukrainischen Generalstab dazu auf, Pläne für die Wiedereroberung der Südukraine vorzulegen und durchzuführen, ohne jedoch nähere Angaben bezüglich der Dauer oder detaillierteren Zielen anzugeben. In den letzten Wochen kam es zudem auf russischer Seiten zu größeren Truppenverlegungen und -rotationen, vor allem als Reaktion auf die seit einem Monat andauernden Gefechten im Oblast Kherson, wo ukrainische Truppen äußerst langsam, aber sicher neue Bodengewinne erzielen und die russischen Soldaten vom östlichen Ufer des Dnepr vertreiben können.

Während die Gefechte etwa 15 Kilometer vor den Stadttoren der gleichnamigen Provinzhauptstadt Kherson andauern, kam es hier nun auch seit dem Donbass vermehrt zu ukrainischen Raketen- und Artillerieeinsätzen, namentlich die Aktivierung der amerikanischen HIMARS-Raketenwerfer. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Region zunehmend an Bedeutung gewinnen könnte. Zuletzt detonierten mehrmals Munitionslager und russische Kasernen in den Städten Kherson und Nowa Kachowka, die erheblichen Schaden verursacht und etliche Mengen an Kriegsgerät zerstört haben sollen. In letzterem fand bisher die größte Explosion des Ukrainekrieges statt, kilometerweit um die die getroffenen Lagerhallen zerbarsten Scheiben, der Explosionspilz war in dutzenden Kilometern noch zu sehen. Russland spricht von einem Angriff auf ein Düngerlager, die schiere Größe und das Vorhandensein von Sekundärexplosionen spricht aber eine andere Sprache. Zudem finden regelmäßig Attentate und Anschläge auf Kollaborateure statt, die für Russland im Staatsapparat eingesetzt wurden. So wurde am Montag auf offener Straße der neue Polizeichef von Kherson erschossen.

Detonation des Munitionsdepots in Nowa Kachowka.

Bisher wurden lediglich acht HIMARS-Waffensysteme an die Ukraine geliefert, vier weitere sollen in den kommenden Tagen folgen. Doch bereits diese geringe Anzahl an modernen Mehrfachraketenwerfern scheint die Balance des Krieges zugunsten der Ukraine verschoben zu haben. Alleine in den letzten zwei Tagen wurden folgende Ziele getroffen: Das Flughafengelände der Städte Chornobayivka und Luhansk, welches pro-russischen Angaben zufolge einen schweren Schlag gegen die lokale Luftabwehr bedeutete, Munitionslager in Nowa Kachowka, Luhansk, Kherson und Adriwka explodierten. Im Süden wurde zudem ein Kommandozentrum russischer Einheiten getroffen, wodurch die Stabchefs der 20. Motorisierten Schützendivision und des 22. Armeekorps getötet wurden, neben weiteren Kommandanten. Diese Meldungen wurden von russischen Medien bestätigt, auch wenn sie nicht explizit der HIMARS zugeschrieben werden.

Innerhalb eines Monats wurden fast 50 Munitionsdepots in der Ost- und Südukraine getroffen, die von Russland als zentrale Lager genutzt werden. Aus abgefangenen Telefonaten russischer Soldaten gibt es immer wieder Berichte darüber, dass die eigene Artillerie weniger oder gar nicht mehr aktiv ist, dessen Quantität bisher die große Trumpfkarte Russlands in dem Krieg war. Seit der Eroberung von Lyssychansk und des Oblast Luhansk kam zu keinen nennenswerten Vorstoßsversuchen seitens Russland, was aber auf eine operative Pause und Konsolidierung der eigenen Kräfte ebenso zurückzuführen werden könnte. Die wirkliche Ursache wird man erst in einigen Wochen sehen können, wenn die russische Armee ihre Offensive weiterführt – oder eben nicht.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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