Luhansk vollständig unter russischer Kontrolle

Nach über vier Monaten gelang den russischen Streitkräften ihr erster großer Coup: Die ostukrainische Provinz Luhansk befindet sich nun vollständig unter der Kontrolle Russlands, womit der offiziell beanspruchte Herrschaftsbereich der separatistischen Volksrepublik Luhansk erobert werden konnte. Nach den rigorosen Niederlagen der russischen Armee zu Beginn des Ukrainekrieges nahm man statt einer schnellen und vor allem kompletten Übernahme des Landes stattdessen die Eroberung des Donbass ins Visier, welches aus den Oblasten Luhansk und Donezk besteht. Der erste Etappenerfolg nach drei Monaten wurde von erheblichen Verlusten und Vorbereitungen auf ukrainischer Seite begleitet, in den kommenden zwei Monaten größere regionale Gegenoffensive durchzuführen.

Die letzte ukrainische Hochburg Lyssychansk im Oblast Luhansk fiel in der letzten Woche überraschend schnell und nahezu kampflos. Eigentlich besitzt die einst 100.000 Einwohner zählende Stadt perfekte Verteidigungsbedingungen: Zwei Himmelsrichtungen werden von einem Fluss beschützt, dessen Überquerung auf russischer Seite bereits in der Vergangenheit zu erheblichen Schwierigkeiten geführt hat, zudem befindet sich der Ort etwa 200 Meter höher als die Umgebung und wird zudem auch von einigen Hügelketten flankiert. Diesen Vorteilen zum Trotz konnten russische Einheiten aber erfolgreich einen Vorstoß südlich von Lyssychansk durchführen und dabei viele dieser Defensivpositionen aushebeln, was zum raschen Fall der Stadt führte. Bis auf das südlichste Industrieviertel fielen keine Schüsse in der Stadt, in den Tagen vor der finalen Erstürmung zogen sich sämtliche ukrainische Truppen mitsamt ihrem Equipment auf die nächsten Orte weiter westlich zurück.

Bisher sind keine gefangen genommenen Ukrainer oder erbeutetes Kriegsgerät bekannt, der Abzug der ukrainischen Armee aus den von drei Seiten eingeschlossenen und dementsprechend schlecht haltbare Lyssychansk war ein Erfolg, auch wenn er einer territorialen Niederlage entspringt. Bereits wenige Kilometer südlich gab es ein ähnliches Manöver von beiden Seiten, Russland scheint aber nicht (mehr) die offensiven Kapazitäten zu besitzen, eine erfolgreiche Einkesselung durchzuführen, die es zuletzt und einzig nur in Mariupol gab. Aktuell konsolidieren Russland und die Ukraine ihre Kräfte rundum der neuen Frontlinie zwischen Sewersk und Bachmut, etwa 20 Kilometer von Lyssychansk entfernt. Nach einer kurzen operativen Pause wird Russland wohl ihre Offensive wiederaufnehmen, die Frage bleibt jedoch, wie viel Luft die russische Armee noch besitzt.

Denn die Militäroperation in Luhansk war vor allem das Ergebnis einer zuvor durchgeführten Konzentration russischer Einheiten in der Region. Dafür mussten sie russische Frontkämpfer aus anderen Gebieten abziehen. Dies führte wiederum dazu, dass die Ukraine zumindest lokal in einigen Provinzen die Oberhand gewinnen und Gegenangriffe starten konnte, so geschehen in den Oblasten Charkiw im Nordosten und in Saporischschja und Kherson im Süden. Dank der Generalmobilisierung zu Beginn des Krieges kann die Ukraine auf einen großen Rekrutierungspool zurückgreifen, welche sie mit den anhaltenden Waffenlieferungen auch entsprechend ausrüsten können. Neuerdings geht das ukrainische Militär vermehrt zu präzisen Raketen- und Artillerieangriffen über, die Nachschublager und Versorgungsrouten Russlands treffen. Vielfache solcher Meldungen gibt es inzwischen täglich auf dem Gebiet der Volksrepubliken, erst letzte Nacht explodierte ein riesiges Munitionsdepot bei Snischne, die durch den Brand verursachten Sekundärexplosionen dauerten bis zum nächsten Mittag an. Weitere Vorfälle gab es in Donezk, Stachanow, Popasna und Melitopol. Nahe letzterem Ort konnten Partisanen eine Eisenbahnbrücke sabotieren und einen Transportzug der russischen Armee entgleisen lassen.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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