Das vorzeitige Ende der Schlangeninsel-Saga

Die nur wenige Quadratkilometer große Schlangeninsel vor der rumänisch-ukrainischen Küste erlangte im Zuge des Ukrainekrieges einzigartige Berühmtheit als Mikrokosmos des gesamten Konfliktes: Zunächst eine kaum beachtete Insel nahm sie innerhalb der ersten Kriegstage Legendenstatus ein, nachdem die ukrainische Garnison eine Kapitulation mit den Worten des „Fick dich, russisches Kriegsschiff“ verweigerte und dies mit ihrem Leben bezahlten. Heute weiß man, dass es sich dabei um eine reine Mythenbildung handelt, der Popularität tat es keinen Abbruch. Seitdem waren russische Soldaten auf der Insel stationiert, die in regelmäßigen Abständen von ukrainischen Drohnen, Kampfjets und Artillerie heimgesucht wurden, die zu massiven materiellen und personellen Verlusten führte, darunter auch mehrere Kampf- und Landungsboote. Nun scheint vorerst das letzte Kapitel zu enden, Russland kündigte einen Abzug von der Insel ab. Zukünftig wird die Schlangeninsel Niemandsland bleiben, nichtsdestotrotz ein kleiner, aber bedeutender Sieg für die Ukraine.

Am letzten Donnerstag war es dann soweit, als das russische Verteidigungsministerium überraschend den Abzug aus der etwa 50 Kilometer vor der Küste liegenden Insel verkündete. Der russischen Darstellung zufolge handelt es sich dabei um eine „Geste guten Willens“, um damit den ukrainischen Export ihrer Waren, vor allem von Getreide und anderen Nahrungsmitteln, vom großen Hafen von Odessa zu ermöglichen. Ähnlich wurde bereits bei dem Truppenabzug aus der Nordukraine, z.B. bei Kiew, argumentiert, was vor allem offenbart, dass es in Wirklichkeit das schlecht versteckte Eingeständnis einer militärischen Niederlage darstellt. Auf Satellitenbildern waren Rauchschwaden zu sehen, die am Mittwoch die Insel bedeckten. Wenig später veröffentlichte das ukrainische Militär Drohnenaufnahmen, die Artillerieschläge auf der Schlangeninsel zeigen.

Bereits zuvor gab es immer wieder Berichte von neuen Angriffen, die mehrfach Boote am einzigen Steg der Insel oder Luftabwehrsysteme zerstörten, nachdem die russische Armee ihre Präsenz vor Ort erheblich ausbaute in Zuge ebendieser regelmäßigen ukrainischen Militärschläge – ohne Erfolg. Für Rätsel sorgen ukrainische Aufnahmen eines russischen Su-30SM-Kampfjets, welcher in der Nacht zum Freitag die Insel mithilfe von Phosphorbomben bombardierte, wovon drei der vier abgeworfenen Sprengkörper die Insel verfehlten, ein Kontrast zu den zwei ukrainischen Kampfjets am Anfang des Monats Mai, wo sämtliche Bomben die einzigen Gebäude der Insel trafen. Mögliche Optionen gibt es für diesen russischen Bomberflug: Entweder entsandt die Ukraine eine kleine Vorhut eigener Soldaten für einen kurzen propagandistischen Sieg auf die Insel ohne jegliche Rückendeckung, es handelt sich um eine (unverhältnismäßig teure) Warnung von Seiten Russlands oder der russische Rückzug von der Insel war derart überhastet und ungeplant, dass ein großer Teil des russischen Equipments weiterhin auf der Insel steht, darunter viele Radar- und Luftabwehrsysteme.

Vom einstigen Museum für griechische Artefakte oder der Stele ist seit den letzten Wochen nichts mehr übrig geblieben.

Letzteres Szenario wäre ein offensichtliches Fiasko, welches aber nicht überraschen würde: Russische Boote auf dem Weg und an der Schlangeninsel wurden immer wieder von ukrainischen Drohnen attackiert, insgesamt wurden dabei vier Patrouillenboote, ein Schlepper und ein Landungsschiff bestätigt zerstört. Derartige Angst vor weiteren Angriffen sollen am Ende bei der letzten Neustationierung von Waffensystemen dazu geführt haben, dass Kommandanten eigenhändig die Verladung übernehmen mussten, da sich Soldaten und Zivilisten weigerten. Unter diesen Umständen ist der Entschluss eines Abzuges von der Schlangeninsel auch wenig überraschend, da eine langfristige Stationierung den ständigen ukrainischen Angriffen eher einem Selbstmordkommando glich.

Territorial bedeutet der ukrainische Sieg über die Schlangeninsel recht wenig, vor allem da die Ukraine nicht das russische Schicksal wiederholen wird und derart qualitativ und quantitativ eigene Truppen vor Ort versetzen wird. Stattdessen wird sie vorerst zum Niemandsland, was aber ebenfalls als Vorteil für die Ukraine fungiert. Damit können ukrainische Jets und Drohnen wieder frei über dem Schwarzen Meer operieren, da die nächsten russischen Abwehrmechanismen erst wieder auf der Krim zu finden sind. Möglicherweise können dabei auch die inzwischen täglichen Starts von russischen Antischiffsraketen unterbunden werden, die Russland aufgrund des Muntionsmangels für Angriffe gegen die Infrastruktur in der ganzen Ukraine einsetzt. Zumindest beweist es erneut, dass Russland nur wenige Kilometer von der eigenen Landesgrenze nicht dazu imstande ist, eine Luftdominanz zu besitzen.

Auch wenn die militärische Bedeutung der Insel eher trivial ist, umso größer ist als Teil einer ukrainischen Mythenbildung. Sie erfüllt in der ukrainischen Kriegserzählung einen wichtigen Narrativ des Widerstandes in Angesicht einer schier unbesiegbaren Übermacht, eines Kampfes zwischen David und Goliath. Eine Darstellung, die nicht nur auf die Schlacht um die Schlangeninsel, sondern den Ukrainekrieg allgemein projiziert werden kann. Was ein kurzer russischer Blitzsieg werden sollte, entpuppt sich stattdessen zu einem immer größer werdenden Fiasko ohne Ende in Aussicht. Im Juni konnte Russland 0,3% des ukrainischen Staatsterritoriums erobern, die Hälfte davon war ein verlassenes Naturschutzgebiet in der Nähe der Krim. Dem russischen Vorstoß im Donbass zum Trotz ist die Schlangeninsel Eine der solchen Geschichten,

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