Fällt Luhansk?

Die Situation auf dem letzten Gebiet der Provinz Luhansk gibt für die ukrainische Seite wenig Anlass für Optimismus: Entgegen bisheriger Vorstellungen scheinen die ukrainischen Streitkräfte sich von der letzten Stadt, Lyssychansk, geordnet zurückzuziehen und damit einen wichtigen Etappensieg für Russland Tür und Tor zu öffnen, wenngleich es auch kein militärischer Sieg darstellt. Die vollständige Eroberung des Oblast Luhansk gilt neben der Region Donezk zu den offiziellen Zielen der russischen Invasion der Ukraine. Trotz erheblicher Vorteile für den Verteidiger konnten russische Truppen die ehemalige Großstadt nahezu umzingeln und die ukrainischen Einheiten somit zum Rückzug oder zur Einkesselung zwingen. Ob dies aber auch tatsächlich das Ende der Schlacht um Lyssychansk darstellt, bleibt abzusehen.

Der neueste russische Vorstoß südlich von Lyssychansk gefährdet die letzten Verteidigungspositionen in der Region, da die südliche Flanke zur Stadt einzig durch reine Militärstärke aufgehalten werden kann. Während im Norden und Osten der Fluss Donets und eine Hügelkette für den Verteidiger äußerst vorteilhaft ist, prägen die Gebiete im Süden nur einzelne Dörfer. Dies nutzt die russische Armee nun aktiv aus, wie die schweren Gefechte in dem Gebiet derzeit belegen. Pro-russische Quellen behaupten den Ort Wowtschojariwka und die weiter westlich gelegene Ölraffinerien erobert zu haben, wobei in der Realität die Gebiete eher Niemandsland sind. Erste Videos zeigen aber Kämpfe am südlichen Stadteingang. Damit ist klar, dass die Verbindungsstraße zwischen Lyssychansk und Bachmut unter Kontrolle russischer Soldaten steht, den Ukrainern bleibt damit nur noch ein Ausweg nach Siwersk, welcher auch aktiv genutzt werden soll.

Denn derzeit kursieren die Berichte, wonach ukrainische Einheiten schrittweise aus dem bevorstehenden Kessel von Lyssychansk sich zurückziehen, solange diese Gelegenheit noch existiert. Ähnliche Meldungen gab es damals auch schon in Sievierodonetsk, die letzten Endes darin mündeten, dass Kiew eine Gegenoffensive startete und die Stadt über einen Monat lang halten konnte. Russland spricht von etwa zwei erfolgreichen Landungsmanövern über den Donets nördlich von Lyssychansk. Auf Satellitenbildern sind die dafür benötigten Pontonbrücken nicht zu sehen, sollte sich diese Meldung dennoch bewahrheiten, ist das ein Zeichen für den ukrainischen Abzug aus dem Areal. Denn bisher konnten sämtliche Überquerungsversuche erfolgreich abgewehrt und dem Gegner erhebliche Schäden zugefügt werden, wodurch z.B. bei Bilohoriwka 120 Militärfahrzeuge zerstört wurden. Dementsprechend ist noch völlig unklar, wie die nächsten Tage und Wochen verlaufen könnten, den verschiedenen Indikatoren zum Trotz.

In der letzten Nacht kam es zu mehreren ungewöhnlichen Explosionen in der russischen Stadt Kursk, welche fast 100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt liegt und seit Dezember des vergangenen Jahres ein Aufmarschgebiet russischer Angriffstruppen war. Zur späten Uhrzeit vermeldeten Anwohner Explosionen, einer noch nicht näher verortete Rauchwolke stieg aus der Nähe des Militärflughafens empor. Kurz darauf bestätigte der Bürgermeister von Kursk den Abschuss einer ukrainischen Drohne, welche wenig später als Tu-143 identifiziert werden konnte, ein altes sowjetisches System. Da es sich aber nur um eine Aufklärungsdrohne handelt ist unklar, ob noch weitere Drohnen involviert waren oder die Tu-143 umgebaut wurde. Denn in der Nähe fanden Bewohner mehrere kleine Fallschirme, was auf namensgebende Fallschirmbomben sprechen würde.

Der Verlust des Oblast Luhansk ist dabei ein wichtiger propagandistischer Sieg für Russland, auch wenn dieser Fortschritt in Folge von monatelangen Kämpfen unter erheblichen Verlusten errungen werden konnte, die wiederum den Ukrainern wichtige Zeit zur Errichtung von Verteidigungsanlagen und westlichen Waffenlieferungen ermöglichte. Die ukrainischen Einheiten werden sich einfach 20 Kilometer weiter nach Westen zurückziehen und die nächste Schlüsselschlacht bei Siwersk suchen, welches ebenfalls durch dahinterliegende Hügel und einen Fluss und Seen eine geeigneter Ort zur Defensive darstellt. Ein Ende des Donbasskrieges ist liegt damit auch weiterhin in weiter Ferne.

Bisher ist das genaue Ziel dieses mutmaßlichen ukrainischen Angriffes unklar, weitere Details existieren nicht. In Kursk gibt es neben dem bereits genannten Flughafen ebenfalls mehrere Munitionsdepots und Treibstofflager, die lukrative Ziele darstellen. Es ist dabei die erste Operation in Kursk, welches bisher vom Krieg relativ verschont geblieben ist. Parallel dazu soll es in der näher gelegenen Grenzstadt Belgorod ebenfalls Meldungen von durch ukrainische Attacken verursachte Brände gegeben haben, diese sind aber bisher noch unbestätigt. Nach einer langen operativen Auszeit scheint die Ukraine damit wieder auch auf russischen Staatsterritorium aktiv zu werden, in letzter Zeit übertreten ukrainische Soldaten auch mehrmals die Staatsgrenze und eliminierten Militärkonvois der russischen Grenzer. Unweit der Halbinsel Krim brennt seit einer Woche eine Ölbohrplattform vor der Küste, vor kurzem hat sich ein zweiter Angriff dort ereignet.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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