Das Rätsel von Sievierodonetsk

Das Hauptaugenmerk des Ukrainekrieges konzentriert sich derzeit auf eine einst 100.000 Einwohner zählende Stadt im äußersten Osten des noch von der Ukraine gehaltenen Territoriums. Seit einer Woche kommt es in der Schlacht um Sievierodonetsk zum brutalen Häuserkampf, obwohl es zu Beginn erst völlig anders aussah: Zunächst von ukrainischen Soldaten verlassen, konnten russische Truppen einen Großteil des Ortes übernehmen, bevor sie in einer überraschenden Gegenoffensive wieder vertrieben werden konnten. Seitdem ist die Stadt zweitgeteilt, der Nebel des Krieges lässt die Frontlinien verschwimmen, welche sich jede Stunde zu ändern scheinen. Von beiden Seiten wird der Ort inzwischen als kriegsentscheidend für den Donbass bezeichnet, obwohl Sievierodonetsk in Wirklichkeit von nur relativ geringer Bedeutung ist, ein Sieg bzw. Niederlage dort würde den Kriegsverlauf nur insignifikant verändern.

Im südukrainischen Oblast Kherson ist die Situation vergleichsweise ruhig. Die lokal beschränkte Gegenoffensive der Ukraine soll weiterhin Erfolge in der Umgebung des Ortes Davidyv Brid erzielen, ohne aber nähere Details zu veröffentlichen. Der ukrainischen Führung zufolge sollen russische Einheiten ihre Truppen vermehrt an den Frontabschnitten zusammenziehen und auf die wenigen größeren Städte in der Region konzentrieren, was für einen Personalmangel der russischen Armee außerhalb des Donbass spricht. An der Front wurden zuletzt die über 60 Jahre alten T-62-Kampfpanzer gesichtet, was diese Meldung bestätigen würde. Insgesamt befinden sich die ukrainischen Streitkräfte seit Monaten etwa 20 Kilometer von der gleichnamigen Provinzhauptstadt Kherson entfernt, was die russischen Bestrebungen behindert, aus der Region eine weitere Volksrepublik durch ein Referendum entstehen zu lassen.

Die Gefechte im Donbass erstrecken sich auf Hunderten Kilometern, von Izium bei Charkiw bis nach Awdiwka bei Donezk finden aktuell schwere Kämpfe statt, wobei die Intensität sich vor allem im nördlichen Donbass konzentriert, zwischen Izium und Popasna. Russische Kräfte konnten in den letzten Tagen auch das letzte ukrainische Territorium nördlich des Flusses Donets erobern, namentlich die Kleinstadt Swjatohirsk, kulturell bedeutsam für ihre Klosteranlagen. Einige pro-russische Medien sprechen bereits von der erfolgreichen Errichtung eines Brückenkopfes über den Donets bei dem Ort, jedoch mangelt es bisher an Beweisen dafür. Die Erfolge dort gaben auch Anlass für die Donezker Volksrepublik, den Anbeginn der Offensive um Slowjansk zu verkünden, einer wichtigen Donbasstadt unter ukrainischer Kontrolle. Slowjansk befindet sich etwa 20 Kilometer von Swjatohirsk entfernt und es gibt keinerlei Anzeichen für eine Militäroffensive in diese Richtung, vor allem da Russland zunächst erstmal den Donets übertreten muss. Bisherige Versuche scheiterten kolossal, worauf auch die ukrainischen Verteidiger setzen.

Alle Augen hingegen sind auf Sievierodonetsk gerichtet, gegenwärtig die östlichste Stadt unter ukrainischer Kontrolle und zusammen mit dem Nachbarort die letzte Präsenz in der Ukraine im Oblast Luhansk. Von der Ukraine und Russland wird die Schlacht um die Siedlung teilweise sogar als kriegsentscheidend für den Donbass bezeichnet, obwohl es erhebliche Zweifel an dieser Darstellung gibt. Ohnehin ist die Existenz eines Kampfes um Sievierodonetsk, vor allem von der Intensität wie er derzeitig stattfindet, für beide Seiten fragwürdig. Denn die Gesamtsituation im Donbass spricht dagegen: Russland selber ist seit Wochen im Prozess, die letzten Luhansker Städte mit Sievierodonetsk und Lyssychansk dank eines Durchbruches im südlich gelegenen Popasna einzukesseln und somit den verlustreichen urbanen Häuserkampf dort zu entgehen. Bereits jetzt schon soll sich die wichtigste Verbindungsstraße in Schussreichweite russischer Soldaten liegen, eine ukrainische Versorgung ist nur noch auf Umwegen und über den Luftweg möglich.

Dieser Umkreisungsversuch erlahmte erheblich in der letzten Woche, jedoch ist unklar ob das auf einer Reorganisierungs- und Verstärkungspause zurückzuführen ist, oder Russland militärisch dazu nicht mehr imstande ist. Letzteres Szenario würde zumindest erklären, weshalb Russland einen Frontalangriff auf Sievierodonetsk gestartet hat, obwohl die Entscheidung der Einkesselung wesentlich attraktiver sein würde. Vor allem würde nach Sievierodonetsk das nächste urbane Zentrum mit Lyssychansk folgen, welches zudem noch durch den Fluss Donets geschützt ist und zudem 200 Meter im Vergleich zur Umgebung höher liegt.

Für die Ukraine wiederum bedeutet es im Umkehrschluss, dass sämtliche investierte Ressourcen in Sievierodonetsk und Lyssychansk potentiell belagert und damit eliminiert werden können. Nichtsdestotrotz startete man mehrmals Gegenangriffe innerhalb von Sievierodonetsk und leistet allgemein erbitterten Widerstand vor Ort. Zudem besuchte der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelensky erst vor zwei Tagen die Frontlinien in Lyssychansk, offenbar geben sich die ukrainischen Streitkräfte also siegessicher darin, einen Kessel verhindern und möglicherweise Sievierodeontsk möglichst lange halten zu können. Denn der Schwachpunkt der russischen Armee liegt im brutalen Häuserkampf der großen Städte, wie die bisherige Geschichte des Ukrainekrieges beweisen konnte.

Denn die Armeeorganisation und -strukturen der russischen Streitkräfte in der Ukraine offenbaren erhebliche Defizite in Hinsicht auf reguläre Infanteristen innerhalb der Bataillone, während Unterstützungsgruppen (z.B. Artillerie) überdurchschnittlich groß vertreten sind. Aber gerade in Gefechten um Städte sind die einfachen Bodentruppen der entscheidende Garant für den Erfolg, entsprechend möchte die Ukraine also dort ansetzen und die Anzahl der verbliebenen russischen Infanteristen weiter verringern, so wie es in den Kämpfen um Mariupol, Sumy, Charkiw usw. passiert ist. Das würde zumindest erklären, weshalb die Ukraine ein derartig großes Interesse daran besitzt, Sievierodonetsk trotz der Umkreisung von drei Seiten weiter verteidigen zu wollen.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

Ein Gedanke zu „Das Rätsel von Sievierodonetsk“

  1. Dieser Krieg läuft anders, als das allgemeine, westliche Narrativ es uns ständig vermitteln möchte.
    Weder bombardieren „die Russen“ wahllos besiedelte Gebiete, noch ist das russicherseits eine „Menschenschlacht“.
    Das zeigt sich in Sewerodonetzk sehr gut. Gezielt werden die ukrainischen Stellungen mit Artillerie unter Druck gesetzt, die Verbindungen in das Hinterland gestört und an allen nur möglichen Positionen eingekesselt.
    Das russische Militär und sein Verbündeten der DNR und LNR stehen vor der Aufgabe, militärische Erfolge gegen ukrainische Truppen zu erzielen, die sich in besiedelten Gebieten verschanzen und Zivilisten als Geiseln benutzen. Erst recht weil es sich in diesen Gebieten mehrheitlich um ethnische Russen handelt, was russicherseits massive Flächenbombardements per se verbietet.
    Russland achtet darauf, seine Soldaten nicht zu verheizen und die Zivilbevölkerung zu schonen. Dabei aber systematisch die Kampfkraft der ukrainischen Armee und der angeschlossenen Milizen zu schwächen. Und das gelingt.
    Es ist übrigens auch kein Zeichen von Schwäche oder fehlendem militärischen Material, wenn Russland eingemottete Panzer des Typs T-62 einsetzt. Dieser Typ ist veraltet, aber solide und mit einer starken Panzerung versehen, wobei er sich nicht mit modernen Panzern messen muss. Er dient dazu, Stellungen der UAF in besiedelten Gebieten anzugreifen, dort wo keine offen Feldschlacht gegeben ist.
    Nochmal zu Sewerodonetzk: Die Stadt ist in Nord-Süd-Richtung geteilt in (östlich) Wohngebiete und (westlich) Inustriegebiete. In letzterem hat sich die UAF verschanzt, ganz wie in Aswostal (Mariupol). Außerdem gibt es da einen Fluß (ebenfalls in Nord-Süd-Richtung) der die Stadt von einer weiteren Stadt trent, Lischansk. Lischansk liegt wiederum auf einer Anhöhe. Der Fluss und die Anhöhe bilden sehr gute Voraussetzungen für starke Verteidigungsstellungen und das nutzt die UAF aus.
    All diese Aspekte erklären, warum die territorialen Gebietsgewinne für die russischen Truppen und ihre Verbündeten tageweise marginal sind. Aber die UAF ist inzwischen augeblutet und hätte ohne die westliche Waffenhilfe längst aufgeben müssen. Inzwischen werden zunehmend Haubitzen, Panzer und Selbstfahrleuten der NATO-Verbündeten (die Ukraine ist praktisch längst ein NATO-Staat) von russischer Artillerie und Raketen zerstört. Hinzu kommt, dass die ukrainische Führung zunehmend zu kurz und schlecht ausgebildete Soldaten an die Front wirft, oft auch solche die mehr oder weniger zwangsweise rekrutiert wurden.
    Freundliche Grüße

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