Russland plant Annexion ukrainischer Gebiete

Während der Krieg an den Frontlinien der Ostukraine weiter andauert und von brutaler Intensität geprägt ist, plant Russland trotz ihrer eher für wenig Optimismus sorgenden Situation bereits die Nachkriegszeit: Die Militärverwaltung im südukrainischen Kherson veröffentlichte die Bitte an Wladimir Putin, Teil der Russischen Föderation zu werden und somit dem Vorbild der Krim zu folgen. Trotz regelmäßiger Anschläge pro-ukrainischer Partisanen ist dieser forcierter Wandel im vollem Gange, die ukrainische Sprache wurde in der Bildung verbannt und die Bevölkerung an das russische Internet/Intranet angeschlossen. Derweil muss Russland die wohl verlustreichste Niederlage seit den ersten Wochen des Krieges im Donbass erleiden, mehrere russische Verbände wurden regelrecht ausgeschaltet.

Die „lokalen Behörden“ des südukrainischen Oblast Kherson übermittelten am Mittwoch ein Antragsgesuch an Russland bzw. Präsident Wladimir Putin, wonach die Region der Russischen Föderation angeschlossen werden soll, ähnlich dem Vorbild der Krim. Unter dem Vorsitzenden der Kollaborateurverwaltung Kirill Stremousov, welcher bei den Regionalwahlen vor zwei Jahren 1,37% der Stimmen erhielt, wird jetzt ein solcher Schritt in die Wege geleitet, obwohl Kherson in Wirklichkeit dem russischen Militär untersteht und sämtliche Entwicklungen unter ihrer Obhut stehen. Seit Monaten gibt es das Gerücht, wonach Russland ein Referendum in Kherson plant, an dessen Ende die Annexion des Oblasts steht, welches fast vollständig unter russischer Kontrolle steht. Dies erklärt auch, weshalb Russland vergleichsweise „friedlich“ gegenüber den pro-ukrainischen Kundgebungen in Kherson agiert und wieso man den Währungswechsel zum russischen Rubel durchsetzte. Nichtsdestotrotz gibt es regelmäßig Anschläge und Ermordungen von pro-russischen Politikern in dem Gebiet.

Ukrainische Kräfte konnten inzwischen im Oblast Charkiw die russisch-ukrainische Staatsgrenze erreichen, nachdem das Verteidigungsministerium vor einer Woche eine Gegenoffensive in der Provinz verkündete. Damit sind die russischen Verbände auf bis zu 50 Kilometer von der Millionenstadt Charkiw zurückgedrängt, welches in den ersten Tagen des Ukrainekrieges kurz vor der Einkesselung stand. Strategisch erlaubt es Angriffe auf russische und ukrainische Infrastruktur, die maßgeblich verantwortlich für die Versorgung der russischen „Ausbuchtung“ bei der Stadt Izium ist, die Stadt mit dem einzigen Verbindungsweg von Russland nach Slowjansk. In Charkiw wurden zudem die ersten amerikanischen M777-Artilleriehaubitzen gesichtet, welche eine Reichweite von bis zu 40 Kilometer besitzen und dadurch die nächstgrößere Stadt Russlands, Belgorod, in Schussreichweite liegt.

Bereits in der Vergangenheit wurde der Ort immer wieder von Angriffsdrohnen heimgesucht, die Treibstoffdepots und Munitionslager zerstörten. In der vergangenen Nacht soll es wieder der Fall gewesen sein, zumindest waren russische Luftabwehrsysteme aktiv. Das grenznahe Dorf Solochi war bereits gestern das scheinbare Ziel eines ukrainischen Angriffes, welcher sich über die Grenze der zwei Staaten richtete. Anhand des gegebenen Schadenbildes wurde dabei wohl auch Streumunition eingesetzt, in Folge dessen wurden mehrere Wohnhäuser stark beschädigt und zwei Zivilisten getötet. Die Ortschaft wurde kurz darauf evakuiert. Trotzdem hielt sich Russland bisher auffällig mit den Vorwürfen zurück, immerhin handelt es sich um die ersten getöteten Zivilisten auf russischem Boden. Theoretisch würde es der russischen Regierung erlauben, den Konflikt weiter zu eskalieren und innerhalb des Landes Stimmung für eine Teilmobilisierung zu gewinnen. Dies bleibt bisher jedoch aus.

Das Ausmaß der versuchten Überquerung des Flusses Donets westlich von Sievierodonetsk, bei dem Dorf Bilohorivka, wurde nun erst wenige Tage später klar. Bereits im letzten Artikel wurde der Landungsversuch mithilfe mehrerer Ponton-Brücken als gescheitert beschrieben, nun wurden auch etliche Drohnenaufnahmen veröffentlicht: Darin ist das vollkommene Desaster dieser Mission zu sehen, an beiden Flussufern und mittendrin türmen sich die zerstörten russischen Transporter und Schützenpanzer, insgesamt über 50 Fahrzeuge wurden mithilfe schwerer Artillerie eliminiert. Dabei handelt es sich nur um einen der insgesamt zwei bestätigten Überquerungsversuche. Mit jeder neuen Aufnahme werden weitere russischen Waffensysteme entdeckt, anfängliche ukrainische Angaben sprechen von über 80 gepanzerten Fahrzeugen bei einem der Ponton-Brücken, insgesamt soll es mindestens zwei gegeben haben, pro-russische Medien berichten sogar von vier. Ukrainische Militärquellen berichteten am Donnerstag Morgen von einem weiteren Landungsversuch, welcher wohl einen ähnlichen Ausgang finden wird.

Insgesamt wurden alleine durch diese mehrstündige Operation etwa ein bis zwei Prozent der russischen Kampfkraft in der Ukraine vernichtet, ein vollständiges Bataillon von den insgesamt 97 BTGs, über die die russischen Streitkräfte noch verfügen und allesamt nicht mehr ihre Anfangsstärke besitzen, sowohl personell als auch materiell. Solche Zerstörung hat man zuletzt in den Anfangstagen des Krieges gesehen, wo russische Einheiten regelmäßig in ukrainische Überfälle gerieten oder der eigenen schlechten Logistik und Planung zum Opfer fielen. Hinter dem ursprünglichen Plan stand wohl die Hoffnung, die natürlich Verteidigungsbarriere des Donets zu übertreten, die ukrainischen Stellungen zu flankieren und dabei zusammen mit dem gegenwärtigen Vorstoß bei Popasnaja die Frontstädte Sievierodonetsk und Lyssytschansk einzukesseln. Wie oben ersichtlich stellte sich das aber als Fiasko heraus.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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