Mikrokosmos des Ukrainekrieges: Die Schlangeninsel

Am Mündungsdelta der Donau befindet sich eine kleine Insel, welche seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges internationale Aufmerksamkeit erregte: Zunächst als heroisches Symbol des ukrainischen Widerstandes inszeniert, ist sie nun ein Ort, an dem die russische Armee jeden Tag ein militärisches und propagandistisches Fiasko zu erleben scheint. Die bei der Hafenstadt Odessa gelegene „Schlangeninsel“ ist eine vorgeschobene und unsinkbare Marinebasis: Wer sie kontrolliert, herrscht über weite Teile der ukrainischen Küstenregion und kann somit Eine der letzten Außenverbindungen der Ukraine kappen. Der Bedeutung entsprechend setzen beide Kriegsparteien erhebliche Kräfte ein um die Insel zu kontrollieren, wodurch sich der Schlachtverlauf über die Schlangeninsel dem des gesamten Ukrainekrieges durchaus ähnelt.

Die strategische Lage macht die Schlangeninsel bedeutsam, als einzige Insel in der Region kann sie als vorgeschobene Basis als Plattform für verschiedene Waffensysteme dienen, vor allem für Luftabwehr- und Anti-Schiffssysteme. Der Umkreis wäre damit gesichert, für Russland würden sie damit direkt Odessa bedrohen, welches im Februar noch ein potentielles Angriffsziel der russischen Streitkräfte war, und die Ukraine kann damit Schiffe auf der Krim angreifen, welche in Reichweite der eigenen Waffen sind. Die Schlangeninsel war bereits in den ersten Tagen des Konfliktes das Ziel russischer Operationen, namentlich einer Belagerung und Umkreisung mithilfe mehrerer Schlachtschiffe, welche Bestandteil der Schwarzmeerflotte waren. Darunter befand sich ebenfalls der Raketenkreuzer Moskwa, welcher zwei Monate später durch ukrainische Anti-Schiffsraketen vor der ukrainischen Küste versenkt werden konnte. Die russische Marine drohte der etwa zwei Dutzend Personen großen Garnison der Schlangeninsel mit der Zerstörung, sollten sie nicht aufgeben.

Danach spaltete sich der Narrativ: Während Russland zufolge über 80 Personen in Gefangenschaft gingen und die Schlangeninsel somit friedlich eingenommen wurde, strickte die Ukraine ihren ersten Heldenmythos. Demnach verweigerten die ukrainischen Soldaten eine Kapitulation und beleidigten über Radiofunk die russischen Angreifer, was sie mit ihrem Leben bezahlten. Wenig später stellte sich aber heraus, dass die Realität näher an der russischen Darstellung war, die Insel wurde kampflos übergeben und die etwa 25 Soldaten konnten dann später durch einen Gefangenenaustausch in die Ukraine zurückkehren, wo sie kurzerhand für ihre Verdienste ausgezeichnet wurden.

Innerhalb von 24 Stunden wurde ein Großteil der Gebäude auf der Insel durch die ukrainische Luftwaffe zerstört

Danach blieb es lange ruhig um das Schicksal des Eilands, bis die ukrainische Luft- und Seestreitkräfte im Schwarzen Meer in die Offensive gingen. Mit der bereits erwähnten Zerstörung der Moskwa verlor Russland sein wichtigstes Flugabwehrsystem in der Region, was entsprechend schnell von der Ukraine ausgenutzt wurde. Vor einer Woche wurden die ersten Videos von direkten Militärschlägen auf die russischen Besatzer veröffentlicht, die die Zerstörung mehrerer Flugabwehrsysteme und Munitionslager vor Ort zeigten. Damit begann eine bis heute nicht enden wollende Flut an Drohnenaufnahmen, allesamt von den aus der türkischen Produktion stammenden Bayraktar-TB2-Angriffsdrohnen, die die nahezu vollständige Zerstörung der russischen Militärpräsenz vor Ort zeigt.

Kein Tag verging ohne neue Meldungen von Zerstörungen auf dem Eiland. Bestätigt zerstört sind inzwischen drei Luftabwehrsysteme, vier Patrouillenboote der Raptor-Klasse, ein Landungsschiff, eine unbekannte Anzahl an russischen Soldaten und zuletzt ein Mi-8-Militärhubschrauber, welcher russische Soldaten wahlweise zur Insel brachte oder sie evakuierte. In der letzten Nacht wurde ein Video veröffentlicht, welches sogar den Einsatz von zwei ukrainischen Su-27-Kampfjets zeigt, die ein großes Areal der Insel bombardieren, Gebäude und Depots zerstören. Auf Satellitenbildern ist inzwischen zu sehen, dass nur noch ein sehr kleiner Teil der eigentlich errichteten Gebäude auf der Schlangeninsel noch steht. Anhand dieser schieren Zerstörungswelle ist es eher unwahrscheinlich, dass russische Soldaten auf der Insel präsent sind. Das russische Verteidigungsministerium berichtete hingegen am Samstag, einen ukrainischen Landungsversuch auf die Insel erfolgreich abgewehrt zu haben. Dabei wurden drei Transporthelikopter, eine Angriffsdrohne und zwei Kampfjets eliminiert, Beweise gibt es dafür bisher nicht. Auch wenn diese Angaben rein inflationärer Natur sind, wäre es zumindest nicht überraschend, sollte die ukrainische Armee auf der Insel landen wollen.

Immerhin ist die Schlangeninsel nicht nur wie bereits erwähnt von militärischer und strategischer Bedeutung, sondern erfüllt in der ukrainischen Kriegserzählung einen wichtigen Narrativ des Widerstandes in Angesicht einer schier unbesiegbaren Übermacht, eines Kampfes zwischen David und Goliath. Eine Darstellung, die nicht nur auf die Schlacht um die Schlangeninsel, sondern den Ukrainekrieg allgemein projiziert werden kann. Was ein kurzer russischer Blitzsieg werden sollte, entpuppt sich stattdessen zu einem immer größer werdenden Fiasko ohne Ende in Aussicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: