Sand im Kriegsgetriebe

Die Frontlinie hält, die Versorgung aus dem Westen ist nachhaltig gesichert und eine zunehmende Anzahl an ukrainischen Angriffen auf russischem Territorium: Für die Ukraine vergeht kein Tag seit Anbeginn des Angriffskrieges von Russland, der nicht von mehreren Erfolgsmeldungen gekrönt ist. Auch in der zehnten Woche des Konfliktes konzentriert sich die Gewalt auf den Osten des Landes, wo Russland seit mehreren Wochen (erfolglos) versucht, durch die ukrainischen Verteidigungslinien zu preschen und zumindest mit der Eroberung der Donbassregion einen Teilsieg verkünden zu können. Hinter den Frontlinien arbeiten unermüdlich Saboteure, Artillerie und Drohnen, die in einem brutalen Abnutzungskrieg täglich wohl Dutzende Fahrzeuge eliminieren, zuletzt wurden erneut mehrere Boote der russischen Flotte zerstört. Ein Ende dieser Brutalität ist nicht in Sicht, die sich nun auch auf russische Gebiete ausufert.

Auch in dieser Woche gelang Russland bisher keine nennenswerten Erfolge in der Ostukraine, rund 50% der involvierten russischen Streitkräfte konzentrieren sich auf einem etwa 120 Kilometer breiten Frontabschnitt zwischen Izium und Sievierodonetsk . Nachdem das ukrainische Militär sich in weiten Teilen hinter den Fluss Siwerskij Donez zurückgezogen hat, konnte Russland die Dörfer Drobyschewe und Dibrowa erobern, schwere Gefechte finden rund um Lyman statt. Die russische Offensive kann in einer Geschwindigkeit von rund einem Kilometer am Tag unter hohen Verlusten vorrücken, viel zu wenig für die ambitionierten Ziele von der Eroberung der Donbass-Region, die auch jeden Tag unwahrscheinlicher wird.

Im Gegenzug dazu konnten ukrainische Einheiten Russland aus weiten Teilen der Charkiw-Region vertreiben, eine nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernten Millionenstadt. Inzwischen soll die Ukraine ein rund 40 Kilometer breiten Sicherheitskorridor um Charkiw errichtet haben, effektiv bedeutet das die Wiederherstellung der russisch-ukrainischen Staatsgrenze in dem Gebiet. Es ist unklar ob diese neuesten Bodengewinne für die Ukraine unter feindlichen Beschuss stattgefunden haben, es gibt nämlich auch Berichte über einen großen Rückzug russischer Soldaten aus dem Großraum Charkiw. Falls das stimmt, setzen die russischen Streitkräfte fast ihre sämtlichen verfügbaren Ressourcen für ihre Donbass-Offensive ein, die dennoch bisher von Erfolglosigkeit geprägt war.

Der Ukrainekrieg verlegt sich auch weiterhin zunehmend auf russisches Territorium. In den Grenzregionen von Kursk und Belgorod, letzterer Ort befindet sich lediglich 40 Kilometer von der Ukraine entfernt, kommt es immer öfters zu Luftschlägen, Sabotageaktionen und Berichten von Explosionen. In Belgorod kam es zuletzt zu schlaflosen Nächten, nachdem es mehrmals hintereinander zu lauten Explosionen am Himmel gekommen ist, welche wiederum Autoalarme in der Stadt aktivierten. Der Hintergrund davon ist noch völlig unklar, als wahrscheinlichste Theorie steht aber der Überschallknall von Kampfjets, die über der Großstadt flogen. Dies könnte aber nur der Fall sein, wenn entweder ukrainische Kampfjets über Belgorod aktiv sind, was bisher noch nicht der Fall gewesen ist, oder russische Flugzeuge Abfangmissionen über den Ort starteten, was ebenfalls nur bei der Präsenz ukrainischer Flugobjekte der Fall ist.

Außerdem wurde die inzwischen in der ukrainischen Mythenerzählung einen besonderen Status einnehmende Schlangeninsel vor der Küste von Odessa mithilfe von aus der Türkei stammenden Bayraktar-TB2-Angriffsdrohnen angegriffen, die dabei mehrere Luftabwehrsysteme und zwei Raptor-Patrouillenboote ohne eigene Verluste zerstörten. Dies zeigt, wie gefahrenlos die ukrainischen Streitkräfte seit der Versenkung des Moskwa-Schlachtschiffes im Schwarzen Meer agieren kann, da es zuvor ein integraler Bestandteil des russischen Luftabwehrschirms war. Die Schlangeninsel dient dabei als vorgeschobene Basis, wo entsprechende Flugabwehrsystemen und Anti-Schiffsraketen stationiert werden können, welche die ukrainische Küste oder die russische Schwarzmeerflotte jeweils gefährden.

Die Auswirkungen des Krieges auf russischen Boden gehen auch anderswo weiter. Bei Kursk stürzte vergangene Woche eine Eisenbahnbrücke zusammen, der Bürgermeister sprach kurz darauf von einem Sabotageakt. Munitionsdepots wie z.B. in Staraya Nelidovka sind ebenfalls populäres Ziel ukrainischer Angriffe, die wohl vor allem mit Angriffsdrohnen durchgeführt werden, ebenso möglich sind aber auch Helikopterflüge und Infiltrationsmissionen von Spezialeinheiten. Dies gipfelte zuletzt in der Ausrufung des Ausnahmezustandes in dem Oblast Kursk. Auch fernab der ukrainischen Grenzregion gibt es Ereignisse, die sich qualitativ und quantitativ nicht mit bloßen Zufällen erklären lassen. Bei der Stadt Perm brannte eine Munitionsfabrik aus, in Moskau einige Rekrutierungsbüros. Der Widerstand in Russland, der sich sicherlich nicht nur einen reinen ukrainischen Hintergrund besitzt, scheint zunehmend offensiver vorzugehen.

Das gilt auch für die Regionen in der Ukraine, die von Russland besetzt gehalten werden. Ukrainische Spezialeinheiten sollen in einer Nacht-und-Nebel-Mission eine Eisenbahnbrücke bei Semichatku gesprengt haben, die Schienen-Infrastruktur im Süden der Ukraine bildet das Rückgrat der russischen Nachschubversorgung vor Ort, entsprechend bedeutend ist also dieser Schritt. In der Stadt Melitopol explodierte eine Autobombe, Details über den angerichteten Schaden und verletzte Personen existieren nicht. In Kherson werden regelmäßig ranghohe Kollaborateure getötet, zudem kommt es trotz gewaltsamer Repressalien immer noch zu pro-ukrainischen Kundgebungen.

Wie Russland langfristig die Kontrolle über die Region behalten will ist ein Rätsel, vor allem da es gegensätzliche Entwicklungen gibt: Einerseits werden überall ukrainische Staatssymbole durch Russische ersetzt, das russische Bildungssystem und der Rubel eingeführt, andererseits soll ein massiver Abbau von lokalen Industrien und landwirtschaftlichen Gewinnen stattfinden, welche gepaart mit den Raubschatzungen des russischen Militärs kurzerhand nach Russland gewinnbringend „entführt“ werden.

Zwischen Izium und Sieverodonetsk sind etwa 50% der russischen Einheiten stationiert und zugleich die einzige Front, wo sie zumindest kleinere Erfolge verbuchen können

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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