Transnistrien als neuer Brandherd?

Während der Krieg in der Ostukraine zwischen den ukrainischen Verteidigern und russischen Angreifern in vollem Gange ist, kommt es in einem anderen Grenzgebiet der Ukraine zu unvorhergesehenen und überraschenden Entwicklungen: Die separatistische Republik Transnistrien, welche auf dem Staatsgebiet Moldawiens liegt und direkt an die Südukraine und dem Großraum Odessa angrenzt, ist seit Tagen vermeintlichen Anschlägen und Sabotageakten ausgesetzt, für die Russland und die lokalen Behörden die ukrainische Regierung verantwortlich machen. Diese Geschehnisse erinnern frappierend an Anfang Februar, wo unter dem gleichen Drehbuch eine Legitimation für eine russische Intervention in der Ukraine erzeugt werden konnte. Derweil rücken russische Einheiten im Osten des umkämpften Landes weiter vor, während sie im Süden mit zivilen Widerstand zu kämpfen haben.

Die letzten Tage in Transnistrien waren von einer bis dato unbekannten Eskalationsstufe geprägt, wo das Gebiet doch bisher vom Ukrainekonflikt weitgehend isoliert gewesen ist. Seit drei Tagen türmen sich die Meldungen von Anschlägen auf zivile und militärische Institutionen im Land, angefangen vom Angriff auf ein Regierungsgebäude in der Hauptstadt Tiraspol mithilfe von Panzerabwehrwaffen, über Anschläge auf ein Kommunikationsrelais bis zuletzt Meldungen von Scharmützeln zwischen den jeweiligen Grenztruppen. Der Höhepunkt bisher waren Meldungen von feindlichen Drohnen über das Kobasna-Munitionsdepot, Eines der Größten in ganz Europa. Angeblich wurden diese Drohnen von der Ukraine aus gestartet, konnten aber keinen Schaden vor Ort anrichten.

Dieser sukzessive Anstieg von Ereignissen wird medial mit immer eskalativeren Drohungen begleitet, die von Russland und Transnistrien so öffentlich verlautbart werden. Beide Länder sind sich einig, dass diese Provokationen durch Saboteure mit ukrainischer Unterstützung durchgeführt wurden, ohne nähere Beweise oder Details zu nennen. In ganz Transnistrien werden derzeit Kontrollpunkte und Straßenblockaden errichtet, um der „Terrorgefahr“ Herr zu werden. Russische Kriegsreporter sind vor Ort und berichten. Die Parallelen zu den Ereignissen der ostukrainischen Volksrepubliken sind dabei offensichtlich, auch damals soll es von Seiten ukrainischer Spezialeinheiten zu mehreren Sabotageaktionen innerhalb weniger Tage gekommen sein, die letzten Endes zu einer militärischen Intervention Russlands führten und zu der gegenwärtigen Situation.

Das Endziel von alledem ist aber ein großes Fragezeichen. Die rund 1.200 russischen Soldaten mitsamt den etwa 5.000 regulären Soldaten Transnistrien könnten keine kriegsentscheidende Wendung im Ukrainekrieg bringen, lediglich für kurze Zeit ukrainische Einheiten an eine neue Front binden, an dessen Ende aber eher die Eroberung des schmalen Landstreifens Transnistriens stehen würde. Vor allem auch im Hintergrund dessen, dass Moldawien und die Schutzmacht Rumänien nicht tatenlos zuschauen würden, sondern ebenfalls aktiv werden würden. Die moldauische Regierung derzeit nimmt eine klare Pro-NATO-Haltung ein, in Folge der neuesten Entwicklungen in Transnistrien warnte man von jeglichen Provokationen. Man schloss sich nun sogar den Russland-Sanktionen der EU an. Möglicherweise versucht Russland damit, ukrainische Einheiten an die transnistrische Grenze zu binden, wodurch sie nicht in den aktiven Frontabschnitten des Ostens eingesetzt werden können.

In der Südukraine, in der Provinzhauptstadt Kherson des gleichnamigen Oblasts, gibt es mehrere zivile und militärische Entwicklungen zu melden. Ukrainische und russische Einheiten sollen sich wie in den letzten Wochen weiterhin schwere Gefechte mehrere Kilometer von den Stadttoren entfernt liefern. Die Ukraine konnte weiter nördlich einige Siedlungen erfolgreich zurückerobern, Russland soll einigen Gerüchten zufolge eine neue Großoffensive in der Region planen, in der Hoffnung, Kryviy Rih erobern zu können. Die dafür notwendigen Maßnahmen wie Mobilisierung oder Verlegung von Truppen an die Front wurden bisher aber noch nicht gemeldet. Zuletzt setzte das ukrainische Militär eine Tochka-Rakete in Kherson ein, wo sie den örtlichen Fernsehmast zumindest schwer beschädigten, sodass keine russischen Sender mehr empfangen werden konnten.

In der einst 300.000 Einwohner zählenden Stadt wächst der Unmut in Folge diverser Verlautbarungen, wonach man ein „Unabhängigkeitsreferendum“ in dem Oblast planen würde, ähnlich den Geschehnissen von 2014 in Donezk und Luhansk. Zudem soll in wenigen Monaten das offizielle Währungsmittel der russische Rubel werden. Dabei treffen die russischen Besatzungskräfte aber auf erheblichen Widerstand, weshalb ein solches Plebiszit auf Ende Mai verlegt wurde. Im Ort kommt es regelmäßig zu pro-ukrainischen Kundgebungen, die aber inzwischen gewaltsam aufgelöst werden. Zudem gab es mehrere Attentate auf Politiker und Influencer, die mit russischen Soldaten kollaborierten. Aufgrund der geringen Unterstützung für Russland übernimmt nun eine russische Militärregierung die Verwaltung vor Ort, da sich keine ukrainischen Beamten dafür gefunden haben. Der neue Bürgermeister z.B. ist der Chauffeur des Alten, welcher selber nach außen kommuniziert, diese Rolle nicht freiwillig auszuüben.

Russische Verbände können in den letzten Wochen und Tagen zunehmend Siedlungen in der Ostukraine erobern, nachdem handfeste Erfolge zuvor ausblieben. Südlich und westlich der Stadt Izium konnten sie zuletzt mehrere Kilometer vorstoßen und dabei Dörfer wie Adrivka oder Suliyvka sichern. Die ukrainischen Streitkräfte gehen wohl von weiteren russischen Fortschritten in dem Gebiet aus, weshalb sie mehrere Brücken fernab der Frontlinien zerstört haben. Russland konzentriert dort immense Kräfte, da Izium und die Umgebung von besonderer strategischer Bedeutung ist, unter anderem verlaufen dort Nachschubrouten in Richtung des Donbass. Von Izium im Norden und Saporischschja im Süden versucht das russische Militär in einer Zangenbewegung den großen Teil der ukrainischen Armee im Donbass zu umkreisen, diese Entwicklung ist aber noch weit davon entfernt, Realität zu werden. Vor allem gibt es Zweifel daran, ob Russland noch über die nötigen Ressourcen für solch eine große Operation verfügt.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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