Russland verkündet Kontrolle über Mariupol

Fast zwei Monate lang dauert der Krieg in der Ukraine an, nun scheint Russland der erste erfolgreiche Etappensieg gelungen zu sein. Das russische Verteidigungsministerium verkündet die offizielle Kontrolle über die Hafen- und ehemalige Großstadt Mariupol, obwohl es immer noch vereinzelt Gefechte mit den letzten ukrainischen Verteidigern gibt. Damit zementiert Russland nicht nur final ihre Kontrolle über die Südukraine, sondern können damit faktisch eine Landbrücke zwischen dem ostukrainischen Donbass und der Krim etablieren. Gerade in ersterem Gebiet intensivieren sich aktuell die Gefechte auf beiden Seiten, ukrainische Einheiten gelingen erfolgreich lokale Gegenoffensiven durchzuführen und verloren geglaubte Dörfer wiederzuerobern. Möglicherweise ist es bereits der Beginn der Donbass-Offensive, welche aber in Wirklichkeit durch die Ukraine gestartet wurde.

Russland hat am vergangenen Samstag die Kontrolle über die einst 400.000 Einwohner zählende Hafenstadt Mariupol verkündet. Diese Nachricht erfolgte, nachdem russische Truppen im Osten der Stadt weiter vorrückten, vor allem in der Nähe des riesigen Asowstal-Industriekomplexes. Faktisch aber gibt es immer noch Exklaven ukrainischer Kämpfer, vor allem in dem bereits erwähnten Anlagen von Asowstal und den Hafenvierteln der ehemaligen Großstadt. Ein mehrstündiges Ultimatum ließen die ukrainischen Soldaten am Sonntag verstreichen, welches ihre Kapitulation forderte. Nun steht wahrscheinlich der finale Sturm auf die letzten Basen vor, aus dem beide Seiten verlustreich hervorgehen werden.

Nichtsdestotrotz kontrolliert Russland einen Großteil des Ortes, darunter alle administrativen Institutionen, was normalerweise als Legitimation für die Übernahme einer Siedlung gewertet wird. Zuvor soll es pro-russischen Angaben zufolge zu Massenkapitulationen gekommen sein, insgesamt über 1.400 Soldaten sollen aufgegeben haben, tatsächlich bestätigt sind hingegen etwa 50 Personen. Zudem soll es mehrere Ausbruchsversuche gegeben haben, die teilweise gelungen sein sollen. Die genauen Anteile und Erfolge bzw. Misserfolge sind nicht bekannt, nicht mal ob diese Ausbrüche tatsächlich existierten.

Mariupol ist auf mehrerlei Arten von besonderer Bedeutung. Bei den ostukrainischen Unruhen von 2014 spielte der Ort bereits eine außerordentliche Rolle, da es dort zu schweren Gefechten zwischen pro-russischen Separatisten und ukrainischen Sicherheitskräften gekommen ist, die am Ende Letztere für sich entscheiden konnten. Seitdem ist Mariupol als Frontstadt bekannt, nur wenige Kilometer östlich befanden sich die unabhängigen Volksrepubliken. Trotz dessen florierte der Ort und war eine der am stärksten wachsenden Städte in der Ukraine aufgrund ihrer Lage am Asowschen Meer, bis Russland in die Ukraine einmarschierte. Militärisch handelt es sich bei Mariupol um das Hauptquartier des faschistischen Asow-Battalions, welche dort den Großteil ihrer Kräfte konzentrierten, auch wenn in den letzten Monaten neue Ableger bei Kiew und Charkiw entstanden. Die Stadt war das letzte Hindernis für eine Landbrücke zwischen der Krim und dem Donbass, wodurch Russland der erste wichtige Sieg im Konflikt gelungen ist.

Viele der in Mariupol gebundenen Soldaten werden nun in der Zukunft weiter nördlich in der Ostukraine eingesetzt werden, wo eine neue Offensive anstehen soll. Denn im Osten der Ukraine finden weiterhin Vorbereitungen für die bevorstehende Großoffensive Russlands auf beiden Seiten statt. Nichtsdestotrotz finden entlang der gesamten Kontaktlinie schwere Gefechte statt, russische Einheiten in Unterstützung mit den ostukrainischen Separatisten rücken unter hohen Verlusten langsam vor, müssen aber auch Niederlagen einstecken. In der Umgebung der zweitgrößten Stadt des Landes, Charkiw, konnten die ukrainischen Streitkräfte mehrere erfolgreiche Gegenoffensiven durchführen und umliegende Dörfer wiedererobern. Dennoch ist Charkiw regelmäßigen Raketenangriffen ausgesetzt, die tagtäglich Zivilisten töten. Zuletzt wurden die Orte Bazalievka, Lebyazhe und Kutuzivka gesichert, während Russland bei Popasna und Izium Boden gut macht.

Die Situation rund um Izium scheint ohnehin derzeit der Hauptaustragungsort der Gefechte zu sein. Russische Einheiten rücken weiter südlich der Stadt vor, während ukrainische Verbände offenbar versuchen die Stadt zu umkreisen. Im Nordwesten ist man noch etwa 50 Kilometer entfernt, jedoch verlängern die neuesten Erfolge die russischen Nachschubwege nach Izium und stehen sogar unter dem Risiko, komplett abgeschnitten zu werden, zumindest für schweres Equipment. Im Osten musste man zwar Borowa aufgeben, davor aber die nach Izium führenden Brücken sprengen und aktuell wieder in die Richtung von Borowa vorrücken. Die Situation in der Region könnte also in den kommenden Wochen besonders intensiv und interessant werden.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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