Der Krieg zieht gen Osten

Anderthalb Monate dauert der Krieg in der Ukraine an, seit anderthalb Monaten ist kein Ende dieses Konflikt in Sicht. Der Rückzug russischer Truppen aus der Nordukraine verschafft eine kurze Atempause, auf der eine neue Phase des Krieges folgen wird. Die Mobilisierung und Verlegung von Soldaten und Kriegsgerät in die Ostukraine ist auf ukrainischer und russischer Seite in vollem Gange, Satellitenbilder sichten kilometerlange Militärkonvois auf dem Weg zu den Frontlinien, die die letzten acht Jahre relativ starr waren und stattdessen von Plänkeleien geprägt waren. In Mariupol deutet sich ein Ende der Schlacht um die bedeutende Hafenstadt an, was der erste Achtungserfolg für Russland in der Ukraine bedeuten würde und auch als erster Sieg Zuhause verkauft werden kann. Dort in den Grenzregionen zum Kriegsgebiet scheinen ukrainischen Spezialeinheiten immer wieder erfolgreiche Infiltrationen zu gelingen.

Das Gros der Kämpfe findet weiterhin in Mariupol statt. Die Situation allgemein ist relativ unklar, da beide Seiten sich mit Informationen weitgehend zurückhalten. Bestätigt ist aber, dass die immer weniger werdenden ukrainischen Verteidiger etwa die Hafenareale und den Azovstal-Industriekomplex im Osten der Stadt. Zuletzt haben sich vermehrt Marinesoldaten der regulären ukrainischen Streitkräfte ergeben, da sie jetzt seit über einem Monat umkreist und belagert werden, die Versorgung also entsprechend zusammengebrochen war. Hinzu kommt noch, dass die russische Eroberung von Mariupol keine Frage des Obs, sondern des Wanns ist, die Ukraine verfügt über keine Kapazitäten um eine erfolgreiche Gegenoffensive in Richtung des Asowschen Meer durchzuführen. Russische Medien vermeldeten zuletzt die Kapitulation von 1.000 ukrainischen Soldaten, bis auf eine Handvoll Personen fehlt es aber dafür an Belegen.

Dabei ist davon auszugehen, dass die verbliebenen Verteidiger der einstigen Großstadt aus dem faschistischen Asow-Battalion stammen, die in der Stadt ihr Hauptquartier besaßen. Zuletzt veröffentlichten sie einen Bericht, wonach eine russische Kampfdrohne Giftgas eingesetzt haben soll, die zu Atemproblemen und Hyperämie bei Kämpfern und Zivilisten gleichermaßen geführt haben soll. Bis auf ein veröffentlichtes Video der Betroffenen und dem Bericht eines Arztes gibt es keine Beweise, die diese Theorie untermauern. Es wäre sehr unwahrscheinlich und kontraproduktiv, zu diesem Zeitpunkt chemische Waffen einzusetzen, die Beweisführung der Ukrainer ist dabei wenig hilfreich, weshalb diese Meldung auch nicht größere Aufmerksamkeit erfahren hat.

Auch auf der anderen Seite der russisch-ukrainischen Grenze scheinen langsam Dinge ins Rollen zu kommen. In der Region Belgorod gibt es gleichermaßen Berichte von Mobilisierungen und der Entstehung von lokalen Verteidigungsmilizen, als auch ukrainische Befürchtungen von eventuellen False-Flag-Aktionen in der Stadt, die zu einer Eskalation des Krieges führen würden. Der Bürgermeister von Belgorod rief zur Kreation eines „Volkstrupps“ auf, der in den späten Abendstunden die Straßen der Großstadt patrouillieren und die Polizei bei ihrer Arbeit unterstützen sollen. Im selben Atemzug warnte der ukrainische Geheimdienst von möglichen Anschlägen und Angriffen auf zivile Ziele in der Stadt, die entsprechend als Provokation gewertet werden könnten und von Russland als Vorwand genutzt werden könnte, um rhetorisch von einer „Spezialoperation“ zu einem echten Krieg zu wechseln, womit eine Massenmobilisierung verbunden wäre.

Diese Angaben sollten aber mit Vorsicht genossen werden, weil es keinerlei Indizien dafür gibt. In der Vergangenheit attackierte die Ukraine bereits mindestens drei Mal Ziele in dem gleichnamigen Oblast von Belgorod. Ende März detonierte ein Munitionslager in einem Dorf unweit der Stadt, der genaue Hintergrund dafür ist aber unklar. Eine Woche später kam es zu einem spektakulären Flugmanöver von zwei ukrainischen Kampfhubschraubern, welche möglichst tief flogen um von den feindlichen Radaren unentdeckt zu bleiben, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Treibstofflager inmitten der 70 Kilometer von der Ukraine entfernten Stadt zerstörten. Zwar bekannte sich die Ukraine bis heute nicht dazu, jedoch sprechen alle Indikatoren dafür. Zuletzt wurde eine Eisenbahnbrücke am Montag schwer beschädigt, die den Gleisverkehr in der Umgebung entsprechend vorerst lahmlegen wird.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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