Die „Ruhe“ vor dem Sturm

Seit dem Rückzug russischer Truppen aus der Nordukraine hat sich eine neue vorübergehende Phase im Ukrainekrieg eingerichtet, die von einer Intensität eines bevorstehenden Sturms geprägt ist. Russische und ukrainische Truppen werden von den ehemaligen Brandherden im Land in die Ostukraine verlegt, wo sich nun der entscheidende Kampf zwischen der russischen Armee und der ukrainischen Regierung anbahnt. Mobilisierungen, Scharmützel und Reorganisierung prägen in den letzten Tagen die militärische Situation in der Ukraine. Russische Truppen können im Donbass unter hohen Verlusten langsam vorrücken, während die ukrainische Gegenoffensive auf die Großstadt Kherson im Süden zu einem Stillstand gekommen ist und die ukrainischen Verteidiger der einmonatigen Belagerung in Mariupol weiterhin standhaft bleiben. In den kürzlich wiedereroberten Gebieten türmen sich die Berichte von Plünderungen, Missbrauch und willkürlichen Ermordungen durch russische Soldaten.

Das Gros der militärischen Verbände auf beiden Seiten wird aktuell in die Ostukraine verlegt, die Vorbereitungen sind in vollem Gange und es wird wahrscheinlich noch etwa eine halbe Woche dauern, bis viele Einheiten dann einsatzbereit an den Frontlinien stehen. Aufgrund dieser Verlegungen greift Russland in letzter Zeit auch vermehrt die regionale Infrastruktur an, am Freitag zuletzt die Bahnhöfe der größeren Städte wie Sloviansk, Bakhmut oder Pokrovsk. In Kramatorsk kam es deswegen zu einem fatalen Raketenangriff, der mindestens 30 wartende Personen am Bahnhof tötete und Hunderte verletzte. Zunächst berichteten pro-russische Kanäle von einem erfolgreichen „Präzisionsschlag“ auf ein Munitionslager im Ort, bis sich dann die Berichte von getöteten Zivilisten verbreiteten. Während Truppen in den Donbass verlegt werden, findet in die entgegengesetzte Richtung ein Massenexodus der Bevölkerung statt, die vor den anstehenden Kämpfen fliehen wollen.

Seit dem Abzug kommt es nur noch nennenswert in der Donbass-Region zu Gefechten, allen voran in der Umgebung der Städte Izium und Avdiivka. Dort können russische Soldaten langsam aber sicher vorrücken und die seit acht Jahren errichteten Verteidigungspositionen durchdringen, müssen dabei aber auch erhebliche materielle und personelle Verluste erleiden. Mit den hinzugewonnen Verstärkungen wird sich dieser Trend womöglich intensivieren, jedoch werden ja auch ukrainische Soldaten in das Gebiet gebracht. Wie sich das auf das Gleichgewicht der Kräfte auswirkt, ist bisher schlecht abzusehen. Gerade Izium ist von besonderer Bedeutung und wechselte mehrfach den Besitzer, da durch den Ort eine wichtige Nachschubroute verläuft und es aufgrund des Flusses Donetz als gute Verteidigungsstellung darstellt. In Kherson in der Südukraine kam es zuletzt zu keinen territorialen Veränderungen, ukrainische Einheiten stehen weiterhin 20 Kilometer vor den Stadttoren.

Mariupol befindet sich noch zu etwa 30% in der Hand der Ukraine, der Großteil davon bilden die Küstenviertel. Die Verteidiger bestehen inzwischen wohl zu einem großen Teil aus Nationalisten, allen voran dem faschistischen Asow-Battalion. Seitdem sich bis zu 300 Soldaten ergeben haben vor einigen Tagen ist der Anteil der regulären Streitkräfte unbekannt, vor allem auch weil die nach außen dringenden Medien und Informationen größtenteils von Asow oder der Lokalverwaltung stammen. Seit einem Monat konnten die Verteidiger die Hafenstadt erfolgreich halten und große Teile russischer Einheiten an diesen Schlachtort binden, die dadurch im Donbass fehlen. Bisher scheint auch davon kein Ende in Sicht, auch wenn das ukrainische Gebiet immer kleiner wird. Für Verwirrung sorgen die Gerüchte von geheimen Versorgungsrouten über Luft und See, seitdem vor einer Woche fünf Helikopter in Mariupol landeten, Panzerabwehrwaffen lieferten und dafür Verletzte und Führungsmitglieder rausholten. Ob das Ausmaß größer als dieser Einzelfall ist, ist schwer zu sagen.

Ebenso schwer sind die Prognosen gegenüber den Verlusten beider Länder herzustellen. Die Ukraine bekannte sich anfangs März zum Tod von 1.300 eigenen Soldaten, visuell bestätigt wurden etwa 700 Fahrzeuge etc. zerstört. Für beide Ziffern wird die Realität wesentlich höher sein, aufgrund der zunehmenden Waffenlieferungen aus dem Westen ist zumindest letzteres teilweise kompensierbar. Auf russischer Seite räumte man zuletzt „erhebliche Verluste“ ein, ohne sie jedoch näher zu spezifizieren. Die Schätzungen von Verletzten und Toten reichen von 40.000 bis 60.000, wobei letztere Zahl sich auf die Mobilisierung der neuen Reservistenkräfte bezieht. Russland hat bisher 2.600 Fahrzeuge und Equipment verloren, diese Zahl nimmt seit den Abzug aus dem Norden rapide zu. Man schätzt, dass Russland insgesamt 20% ihrer Kampfkraft verloren hat, ab dieser Zahl werden offensive Missionen nahezu unmöglich.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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