Das Ende vom Anfang des Ukrainekrieges

Die ukrainischen Streitkräfte können mehrere erfolgreiche Gegenoffensiven durchführen und die Schlacht um Kiew für sich entscheiden, der Rückzug Russlands aus der Nordukraine ist in vollem Gange, die Schlinge um Mariupol zieht sich immer weiter zu und ukrainische Kampfhubschrauber dringen tief in Russland ein: Die letzten Tage waren von entscheidenden Entwicklungen im Ukrainekrieg geprägt, die zugleich als Aufatmen für die Bevölkerung, als auch als böses Omen für die Zukunft gedeutet werden können. Der ursprüngliche Plan Russlands, mithilfe eines schnellen Blitzkrieges die wichtigsten ukrainischen Orte zu erobern und die Regierung zu zerschmettern, ist kolossal gescheitert. Stattdessen werden nun die verbliebenen Ressourcen auf eine Region konzentriert, was im Umkehrschluss eine Verlängerung des Krieges bedeutet. Für die Ukraine ist aber zumindest ein erster Etappensieg geschafft, ein Ende des Krieges ist aber noch lange nicht in Sicht.

Die ukrainische Armee und verbündete Milizen konnten im gesamten Land mehrere erfolgreiche Gegenoffensiven ausführen, die zur Wiedereroberung von über 50 Orten führten. Der Schwerpunkt lag dabei im Norden der Ukraine, also dort, wo Russland vor wenigen Tagen einen Truppenabzug ankündigte. So wurden bisher sämtliche Gebiete bis nach Iwankiw hinauf gesichert, was etwa 60 Kilometer von der Grenze zwischen der Ukraine und Belarus entfernt liegt. Auch von der weiter nördlich gelegenen radioaktiven Zone um Tschernobyl haben sich russische Truppen zurückgezogen und die Kontrolle an die lokale Verwaltung übergeben, jedoch sind so weit noch nicht die Ukrainer vorgerückt. Der Rückzug soll dabei relativ unorganisiert und überstürmt abgelaufen sein, ein Teil der Militärkonvois wurde vom ukrainischen Militär zerstört. Insgesamt wurden dutzende bis hunderte Fahrzeuge nördlich von Kiew in den letzten Tagen zerstört.

Der Sturm auf Kiew war in den ersten Tagen der russischen Invasion das Hauptziel, ein Großteil der besten russischen Einheiten wurden dafür eingesetzt, vor allem die Luftlandetruppen stellten das Gros der eingesetzten Soldaten. In den ersten Stunden kam es deswegen zu einem riskanten Landungsmanöver, wo auf dem (inzwischen wiedereroberten) Gostomel-Flughafen nur wenige Kilometer nordwestlich von Kiew landete und dort eine vorgeschobene Basis errichte, inmitten des feindlichen Territoriums. Von dort aus hoffte man wohl, in einen schnellen Vorstoß Kiew zu besetzen, zerbrach aber an dem bewaffneten Widerstand in den Vororten. Seitdem leisten sich die zwei Seiten dort erbitterte Gefechte, die letzten Endes aber vom Verhältnis zwischen Aufwand und Verlusten zu hoch wurde man sich letztendlich dazu entschied, mehrere Fronten aufgeben zu wollen.

Denn auch östlich von Kiew gab es zuletzt Bodengewinne für die ukrainische Seite zu verzeichnen. Bis zum 70 Kilometer entfernten Nowa Bassan konnte man unter Widerstand vorrücken, ein Großteil der einst unter russischer Kontrolle stehenden Vororte im Osten befinden sich nun wieder in den Händen des ursprünglichen Besitzers. Damit verbunden wurde auch die Belagerung von Chernihiv beendet, welches nordöstlich von Kiew liegt, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt. Auch dort soll Russland zufolge seine Truppen abziehen, was aber bisher noch nicht vollständig erfolgt ist. Wahrscheinlich wird aber auch in den kommenden Tagen hier sich das Szenario von Kiew wiederholen.

Die ursprünglich in Kiew involvierten Kräfte werden stattdessen in der Ostukraine eingesetzt werden. Dort setzt Russland inzwischen den Großteil seiner Kräfte ein, weshalb man auch dort als einziger Frontabschnitt noch vorrücken kann. Bereits vor einer Woche kommunizierte das russische Verteidigungsministerium, dass die „Befreiung des Donbass“ das primäre Ziel der russischen „Spezialoperation“ ist, weshalb dies nun auch verfolgt wird. Die russische Schwerpunkttaktik könnte Russland durchaus noch zum Sieg im Donbass verhelfen, auf der anderen Seite befinden sich gerade dort die erfahrensten ukrainischen Einheiten, die dort acht Jahre lang Verteidigungspositionen errichtet haben. Da man sich aber nun vollkommen aus der Nordukraine zurückzieht und nicht mal eine Rumpfarmee dort beibehält, um Kiew jederzeit bedrohen und damit ukrainische Soldaten binden zu können, werden auch ukr. Truppenverbände von Kiew frei, die dann in die Ostukraine verlegt werden können.

Neben dem Donbass steht noch die einst 400.000 Einwohner zählende Hafenstadt Mariupol, welche inzwischen fast vollständig zerstört und unter russischer Kontrolle steht. Ukrainischer Widerstand existiert noch in einigen Vierteln der Stadt, allen voran entlang der Küste und dem Industriegebiet im Norden. Die letzten Exklaven werden wohl in den kommenden Tagen oder Wochen fallen, unklar ist aber wie lange diese Operation noch dauern wird. In der vorletzten Nacht kam es zu einer geheimen Nacht-und-Nebel-Aktion, die ranghohe Mitglieder der dort stationierten ukrainischen Verbände aus der Stadt evakuieren sollte. Auf dem Weg hinaus wurde ein Helikopter abgeschossen, zwei Überlebende in russischer Gefangenschaft berichteten von insgesamt vier Hubschraubern, die an dieser Mission beteiligt waren.

Der zweite ukrainische Hubschraubereinsatz hinter feindlichen Linien gab es hingegen weiter nördlich auf die russische Großstadt Belgorod, welche etwa 30 Kilometer von der Ukraine entfernt liegt. In der Nacht drangen zwei Kampfhubschrauber möglichst tief, um von den Flugabwehrradaren nicht erkannt zu werden, vor und zerstörten in der Stadt ein Treibstoffdepot, welches am Freitag immer noch brannte. Bereits vor einigen Tagen kam es zu einer Explosion in einem Munitionslager in einem Dorf nahe Belgorod, hier ist aber der Täter bisher ungeklärt. Insgesamt handelt es sich dabei um den vierten Angriff der Ukraine auf russisches Territorium, nachdem zuvor mehrere ballistische Raketen gegen russische Flugfelder bei Rostow eingesetzt wurden.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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