Schließt sich Belarus dem Ukrainekrieg an?

Ob Nord, Süd oder Ost: Fast einen Monat seit Anbeginn der russischen Militäroffensive in der Ukraine herrscht der Modus des Stillstandes, beide Seiten können innerhalb dem kurzen Zeitraumes der letzten Tage kaum neue Territorien erobern bzw. zurückgewinnen. Nun werden wieder Gerüchte gestreut, wonach das nördliche Nachbarland Belarus als neuer Kriegsteilnehmer sich dem Konflikt anschließen würde, um dieses scheinbare Kräftegleichgewicht für die russische Seite zu entscheiden und eine neue Front zu eröffnen, die die Nachschublinien zwischen NATO und der Ukraine gefährden würde. Jedoch wäre dieser Krieg äußerst unbeliebt innerhalb der weißrussischen Bevölkerung, welche erst vor zwei Jahren das Land mithilfe von riesiger Protestwellen lahmlegte. Zudem ist das belarussische Militär in einem desaströsen Zustand, die Aussicht auf Erfolg verschwindend gering.

Mariupol ist weiterhin Ausdruck der Brutalität des Ukrainekrieges. Tausende Zivilisten sind gestorben, Zehntausende auf der Flucht und Hunderttausende haben ihre Existenz in Folge der immer intensiver werdenden Raketen- und Artillerieangriffe verloren. Die ukrainischen Verteidiger in Form der regulären Armee und dem faschistischen Asow-Battalion kontrollieren weiterhin einen Großteil der Stadt und können den russischen Einheiten mit der Unterstützung tschetschenischer Islamisten bzw. der Nationalgarde schwere Verluste zufügen, müssen dafür aber immer weiter Gebiete und Soldaten/Kämpfer verlieren. Russland drohte am Sonntag mit einem halbtägigen Ultimatum bis Montag Morgen, wonach die Ukraine die Kapitulation in Mariupol akzeptieren und die Zivilisten hätte abziehen sollen. Beim Verstreichen blockiert Russland hingegen die Flüchtlingskorridore und droht mit weiteren eskalativen Schritten, die die über 100.000 verbliebenen Einwohner betreffen sollen. Bei einer Stadt, die aber unentwegt schweren Angriffen ausgesetzt ist, sind weitere Eskalationen nur schwer vollstellbar. Einzig der Einsatz von Chemiewaffen oder Vakuumbomben wäre ein solcher Schritt.

Fernab von Mariupol sind die Frontlinien hingegen weiter von Stillstand geprägt. Im Süden gab es kaum Bewegungen oder schwere Gefechte zu vermelden, ukrainische Streitkräfte sollen die bestehende Pufferzone um Nikolajew erweitert haben, während Russland hingegen entlang des Dnepr in Richtung Kryvyi Rih vorrückt, was aber nur sehr langsam geschieht. Ähnliches Bild ergibt sich bei Charkiw, Sumy, Tschernigow und Kiew, wo die russischen Angreifer weiterhin vor den Toren der jeweiligen Städte stehen und mit logistischen Problemen zu kämpfen haben. Ausnahme bildet die Donbassfront, wo Russland mit der Unterstützung der Separatisten langsam Ortschaften erobern, aktuell ist Rubischne schwer umkämpft.

In den von Russland kontrollierten Gebieten der Südukraine scheint nun langsam der bewaffnete Widerstand bzw. Guerillakampf loszurollen, wie ein Ereignis am Sonntag in der Provinzhauptstadt Kherson bewies. Unbekannte Täter schossen auf das Auto von Denis Slobodchikow und seiner Frau, einem Mitglied der von Russland eingesetzten Lokalverwaltung, auch bekannt als „Rettungskomitees für Frieden und Ordnung“. Seine Frau und Mitfahrerin wurde dabei schwer verletzt, als das Auto durch mehrere Feuersalven schwer beschädigt wurde. Damit beginnt wohl die nächste Phase des Aufruhrs, nachdem es zuvor lediglich zu friedlichen Kundgebungen und Demonstrationen in den Städten gekommen ist. Dies und die kommenden Entwicklungen waren bereits abzusehen, ebenso die Ruhe vor dem Sturm. Zunächst mussten ausreichende Netzwerke, Informanten, Depots etc. in den russisch besetzten Gebieten aufgebaut werden, bevor ein solcher Aufstand gestartet werden kann. Dabei kann die Ukraine auf das Können amerikanischer Geheimdienste und des Militärs aufbauen, welche vor Jahren mit der Ausbildung eines solchen Guerillakampfes begannen.

Obwohl sie vorübergehend vom Tisch gefegt waren, sind nun wieder neue Gerüchte über eine mögliche Intervention des weißrussischen Militärs in der Konflikt aufgetaucht. Belarus ist bereits in dem Sinne aktiver Kriegsteilnehmer, dass das Land sich als Aufmarschgebiet russischer Truppen anbietet und zudem seine sämtliche Infrastruktur dem östlichen Nachbarland bereitstellt. Dennoch wäre es ein Unterschied, wenn belarussische Truppen direkt an den Kampfeshandlungen aktiv sein würden. Aktuell gibt es erhebliche Truppenbewegungen in der Region von Brest in der Nähe der Ukraine und Polen, die dabei transportierten Panzer sind allesamt mit einem roten Kreis markiert, welcher an die verschiedenen Symboliken der jeweiligen russischen Einheiten wie dem berühmten „Z“ oder „V“ erinnert. Ob es tatsächlich aber zu einer solchen Operation kommt ist zwar nicht unmöglich, würde aber erhebliche Nachteile nach sich bringen.

Einerseits würden neue und frische Truppen sich dem Krieg anschließen und dabei in der Westukraine eine neue Front eröffnen, die zugleich die Nachschublinien und Waffenlieferungen der NATO aus Polen gefährden würde. Andererseits wäre es die belarussische Armee, die hier involviert werden würde. Diese hat einen ohnehin schlechten Ruf, sowohl aus materieller, als auch moralischer Sicht. Nach der unerwartet enttäuschenden Performance der russischen Streitkräfte gibt es wenig Anlass für Optimismus bei Belarus, dass das nennenswert anders sein sollte. Vor allem aber ist dieser Krieg im Gegensatz zu Russland Zuhause unbeliebt, eine Kriegsbeteiligung für die vor wenigen Jahren brutal niedergeschlagenen Proteste im Land nur erneut entfachen und die aktuelle Regierung unter Lukaschenko ernsthaft gefährden. Unter Umständen könnte sogar das direkt anliegende Polen sich direkt an den Gefechten beteiligen, weil sie damit keine direkte Konfrontation mit Russland eingehen würde. Dies erscheint aber noch unwahrscheinlich als das Szenario eines kommenden Belarus-Einmarsches.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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