Russland fehlen die Erfolge

Fast zwei Wochen schon dauert der Krieg zwischen Russland und der Ukraine an. Was auf russischer Seite nur ein kurzer und schneller Offensivsieg werden sollte, entwickelt sich immer weiter zu einer massiven Fehleinschätzung. Auch in den letzten Tagen konnten russische Einheiten wenig Boden gut machen und keine wichtigen Orte oder Gebiete erobern, viele russische Einheiten haben mit Logistikproblemen und geringer Moral zu kämpfen, während die Ukraine massive internationale Unterstützung erhält, Polen soll sogar sowjetische Kampfjets an ihr ukrainisches Pedant übergeben wollen. Die zweite Woche des Konfliktes ist bisher geprägt von weitgehendem Stillstand und der Hoffnung, dadurch ein jähes Ende finden zu können. Im Hintergrund dauern die Friedensverhandlungen weiter an, die Ukraine erklärte sich Gerüchten zufolge zu Zugeständnissen bereit.

Am Donnerstag soll die dritte Verhandlungsrunde zwischen Russland und der Ukraine beginnen, auch diesmal wieder im Randgebiet zwischen Belarus, Polen und der Ukraine. Bisherige Gespräche konnten wenige Erfolge vorweisen, jedoch scheinen nun erste Gerüchte über Zugeständnisse auf beiden Seiten aufgetaucht zu sein. Demnach rückt Russland von ihrem ursprünglich kommunizierten Plan ab, die gesamte Ukraine zu annektieren, einen Regime Change zu propagieren und sich aus den bisherigen Gebieten zurückzuziehen, während Ukraine ihre Ansprüche auf die Krim aufgeben und sich zur Neutralität bereit erklären möchte. Diese Meldungen sind laut bisherigem Stand aber mit Vorsicht zu genießen und nicht verifizierbar.

Die täglichen Berichte des amerikanischen und britischen Verteidigungsministeriums geben sich weiterhin optimistisch in ihrer Situationseinschätzung. Demnach kontrolliert die Ukraine zwei Wochen seit Anbeginn der russischen Offensive einen Großteil des eigenen Luftraums und verfügt zudem weitgehend über eine intakte Luftwaffe und funktionierende Luftabwehrsysteme. Die Anzahl der getöteten russischen Soldaten wird auf 2.000 bis 5.000 geschätzt, hochgerechnet auf Verletzte, Gefangene etc. würde dies etwa fünf bis zehn Prozent der eingesetzten russischen Streitkräfte entsprechen. Von diesen verfügbaren Truppen an der Grenze werden inzwischen 100% der Soldaten eingesetzt, während ca. 75% aller effektiv einsetzbaren russischen Einheiten in diesem Krieg involviert sind. Aktuell schickt Russland auch neue Verstärkungen in Form von Equipment und Personal von Sibirien zur Ukraine.

Um diese bisherigen Erfolge aus westlicher und ukrainischer Perspektive zu sichern, kommen tagtäglich unentwegt Waffenlieferungen über die ukrainisch-polnische Grenze und versorgen die ukrainischen Streitkräfte dabei mit modernsten Equipment. Panzerabwehrwaffen aus Deutschland, Schweden und Spanien wurden inzwischen an den Frontlinien gesichtet, Flugabwehrwaffen wie Manpads ebenso. In einem scheinbar großen Coup hat sich Polen gegenüber den USA bereit erklärt, ihre ausgemusterten und veralteten MiG-29-Kampfjets im Austausch für neuere Systeme dem amerikanischen Militär zu übergeben, welche sie wiederum an die Ukraine schenken werden. Das würde nochmals den umkämpften Luftraum zugunsten der ukrainischen Luftwaffe tendieren lassen.

Russland scheint weiterhin in Kiew ein Primärziel in ihren militärischen Bemühungen zu sehen, den ausbleibenden Erfolgen vielerorts zum Trotz. Nach mehreren ukrainischen Gegenangriffen konnte die direkte Verbindungsstraße zwischen der Hauptstadt und der Westukraine gesichert werden, dafür verschoben sich die Kämpfer weiter nördlich in die Vororte von Kiew. Insbesondere Irpin ist schwer betroffen, in den letzten zwei Tagen wurde ein Großteil der dortigen Bevölkerung evakuiert, wobei es durch russische Raketenangriffe auf die Flüchtlingskorridore zu Toten kam. Pro-ukrainischen Angaben zufolge sind die verbliebenen russischen Soldaten in Irpin von der Außenwelt abgeschnitten, während ihre Versorgung zuneige geht.

Östlich von Kiew kann Russland seit einiger Zeit mehrere Dörfer, etwa 40 Kilometer vor der Millionenstadt kontrollieren, darunter Peremoga und Stara Basan. Hier ist aber unklar, wie stabil und ausreichend die Nachschublinien der russischen Einheiten aufgebaut sind. Denn sowohl im Osten mit Pryluky, Ichnia oder Bachmatch, als auch im Norden mit Chernigiv und Koseletz befinden sich sämtliche größeren Städte entlang den wichtigen Hochstraßen der Region unter ukrainischer Kontrolle. Hinzu kommen die Meldungen, wonach diese Umwege für Russland regelmäßig attackiert und überfallen werden, dementsprechend erscheint ein langfristiger Erfolg hier ohne die Eroberung der großen Orte unwahrscheinlich. Abgesehen von Kiew finden im Norden weiterhin seit zwei Wochen schwere Gefechte bei den Städten Charkiw, Chernigiv und Sumy statt, wo alle russischen Angriffe abgewehrt werden konnten.

Im Süden, wo Russland bisher seine größten Erfolge feiern und fast eine gesamte Provinz erobern konnte, ist der Vorstoß ebenfalls erlahmt. Mariupol ist weiterhin belagert, zwei hintereinander folgende Versuche der Errichtung eines „humanitären Korridors“ als Fluchtweg für die zivile Bevölkerung sind gescheitert, beide Seiten beschuldigen sich dafür gegenseitig. Auch anderswo gab es Versuche eines solchen Korridors, unter anderem im nordöstlich gelegenen Sumy. Dort konnten internationale Studenten und Waisenkinder mithilfe des ersten Transportkonvois evakuiert werden, danach folgten aber Schusswechsel und der Einsatz von Artillerie, wodurch die Evakuierung unterbrochen werden musste.

Die wohl meisten Manöver sind nördlich der Hafenstadt Mikolajew zu verzeichnen, wo russische Verbände ebendiesen Ort umgehen bzw. einkreisen wollen. Nach einem Frontalangriff auf die Stadt, welcher in der kurzzeitigen Kontrolle über den örtlichen Flughafen mündete, bevorzugt man stattdessen diese Belagerungs- und Manövertaktiken. Diese kommen aber nicht ohne Verluste aus, die territorialen Verteidigungskräfte der Ukraine können regelmäßig in Orten wie Bashtanka oder Kapustyne feindliche Militärkonvois eliminieren. Auch hier besteht das übliche Risiko von überdehnten Versorgungslinien, sollte man die Umkreisung von Mikolajew weiterführen.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: