Russlands Vorstoß kommt ins Stocken

Seit anderthalb Wochen kommt es in der östlichen Hälfte der Ukraine zu einem brutalen Konflikt in Folge einer russischen Großoffensive, die Millionen Menschen zur Flucht zwingt und Tausende Leben auf beiden Seite geordert hat. Das Gleichgewicht zwischen den beiden Nationen ist klar verteilt, umso beeindruckender ist der bisherige Widerstand der Ukraine. Gestern markierte den ersten Tag, an dem Russland keine relevanten Erfolge bzw. Bodengewinne verzeichnen konnte, der Widerstand in den besetzten Gebieten wächst derweil. Der Samstag markierte zudem den verlustreichsten Tag für die russische Luftwaffe, fünf Kampfjets und vier Helikopter wurden abgeschossen. Was eigentlich eine kurze und schnelle Mission für Russland werden sollte, entpuppt sich zunehmend als eine fatale Fehlentscheidung.

Samstag markierte in dem Ukrainekrieg bisher den ersten Tag, an dem es zu keinen relevanten territorialen Veränderungen gekommen ist. Nichtsdestotrotz kam es vielerorts zu brutalen Gefechten. Das ukrainische Militär konnte alle russischen Angriffe abwehren, welche vor allem im Raum von Kiew, Charkiw im Norden und Mikolajew im Süden stattfanden. Auf der anderen Seite soll die ukrainische Armee bei Charkiw eine Gegenoffensive gestartet haben, neben der Zerstörung mehrerer Fahrzeuge gibt es aber keine Meldungen von wiedereroberten Gebieten. Derzeit gibt es schwere Scharmützel im Nordwesten von Kiew, dort sollen russische Fallschirmjäger eine Operation in Richtung des Vorortes Irpin, wo derzeit eine Massenevakuierung der Bevölkerung stattfindet.

Im Gegensatz dazu markierte der Samstag bisher den schwärzesten Tag für die russische Luftwaffe. Innerhalb von 24 Stunden konnten fünf Kampfjets, vier Hubschrauber und eine Kampfdrohne über dem Himmel der Ukraine abgeschossen werden. Ursprünglich behauptete Russland am ersten Tag der Invasion, die ukrainische Luftabwehr zerstört und die Lufthoheit errungen zu haben, was sich nun als erwiesenermaßen falsch herausstellt. Unter den abgeschossenen Flugsystemen waren auch zwei moderne Su-34-Kampfjets. Dank der riesigen Flugflotte Russlands ist der Verlust einzelner Jets relativ verkraftbar, jedoch ist es vor allem der Verlust erfahrener Piloten, der der russischen Luftwaffe entschieden schadet. Nicht umsonst wurde ein Großteil der Luftwaffe in Syrien abgezogen, um auf deren langjährige Erfahrung zu setzen. Insgesamt starben in diesem Zeitraum zwei Piloten, sieben Weitere wurden gefangen genommen. Unklar ist, weshalb es so viele Abschüsse innerhalb eines so kurzen Zeitraumes gab. Möglicherweise hat die Ukraine genügend Ressourcen gesammelt um die Luftabwehrsysteme erfolgreich einzusetzen, oder Russland agiert aggressiver aufgrund des wachsenden Zeitdrucks.

Die gestern von Russland einseitig erklärte Waffenruhe ist bereits in den ersten Stunden ihrer Ausrufung zerfallen. Ursprünglich sollte in Folge der Belagerung der Stadt Mariupol im Süden der Ukraine ein sogenannter „humanitärer Korridor“ errichtet werden, um die noch schätzungsweise 200.000 Einwohner der Stadt, welche ohne Strom, Wasser oder einem Verbindungen zur Außenwelt ausharren müssen, ein sicheres Geleit durch die Frontlinien zu ermöglichen. Darauf einigten sich die Ukraine und Russland bei den letzten Friedensverhandlungen an der polnisch-weißrussischen Grenze.

Diese Evakuierung sollte sieben Stunden gehen, jedoch kam es nie dazu. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, sowohl die Waffenruhe, als auch den ursprünglichen Plan gebrochen zu haben. Die Donezker Volksrepublik und Russland sagen, dass rechtsextreme Gruppierungen wie das Asow-Battalion die Bevölkerung daran hindern würde, aus der Stadt zu fliehen. Die lokalen Behörden und der Bürgermeister von Mariupol sagen hingegen, dass es zu keiner Waffenruhe gekommen wäre, da Russland und Verbündete weiterhin die Stadt bombardiert und Busse zur Evakuierung angegriffen hätten. Heute soll es einen zweiten Anlauf geben, Erfolgsaussicht unbekannt.

Entgegen des tagtäglich hervorgebrachten russischen Narratives, man sei in der Ukraine um die (mehrheitlich russischsprachige) Bevölkerung vom Joch des faschistischen Regimes zu befreien und dementsprechend mit offenen Armen willkommen geheißen zu werden, erleben die von Russland kontrollierten Gebiete riesige Proteste. Insbesondere die Einwohner der größeren Städte zeigen ihre Solidarität mit der Ukraine, fordern einen Abzug der russischen Truppen und die Rückkehr der legitimen ukrainischen Regierung. Dabei gibt es verschiedene Wege des zivilen Ungehorsams, neben regulären Kundgebungen auf den zentralen Plätzen der Stadt gibt es auch viele Blockaden, um russische Militärkonvois zum Umdrehen zu bewegen. Gewaltsame Handlungen von Seiten der Ukrainer sind bisher noch nicht bekannt, auch die russischen Nationalgardisten hielten sich bisher größtenteils zurück, antworteten teilweise mit dem Einsatz von Tränengas und Warnschüssen um Demonstrationen aufzulösen.

Dies änderte sich jedoch am letzten Samstag, als russische Soldaten auf Zivilisten in dem ostukrainischen Ort Nowopskow schossen. Dabei wurden mehrere Personen verletzt. Hingegen friedlich blieb es in den Orten Kherson, wo sich Tausende Bewohner versammelten, Melitopol, Berdjansk, Belokurakino und vielen weiteren Städten. Allesamt vereint sie die Ablehnung der russischen Besetzung, obwohl sie teilweise unweit der russischen Grenze liegen und dementsprechend enge Beziehungen und Kontakte zur russischen Seite existieren, vor allem familiär und kulturell. Bei diesen Protesten ist es nur schwer vollstellbar, wie Russland noch größere Teile der Ukraine kontrollieren will lang- und mittelfristig, vor allem da Putin dem Land jegliches Existenzrecht absprach bei seiner Anerkennungsrede der Donbass-Volksrepubliken. Ebenso unvorstellbar ist der Gedanke, wie sich die Situation in den Städten verändern würde, wenn es zunehmend zu Gewalt zwischen den verfeindeten Parteien kommen würde, inklusive der Selbstbewaffnung auf ukrainischer Seite. Insbesondere in Anbetracht dessen, dass Russland bisher in den von ihnen eroberten Gebieten kaum administrative Institutionen übernommen hat, geschweige denn Sicherheitsaufgaben.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 200.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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