Kampf um Europas größtes Atomkraftwerk

Auch zu Anbeginn der zweiten Kriegswoche für die Ukraine hat die Brutalität des Konfliktes nicht abgenommen, sondern eskaliert stattdessen zunehmend. Während die russische Großoffensive weitgehend im Norden des Landes aufgehalten und teilweise sogar zurückgeworfen werden kann, sieht die Situation im Süden nach dem Gegenteil aus: Ohne große Probleme befinden sich die Oblaste Kherson und Saporischschja größtenteils unter russischer Kontrolle. In letzterer Provinz befindet sich auch das gleichnamige Atomkraftwerk, welches in den späten Abendstunden des Donnerstags schweren Gefechten ausgesetzt war, nachdem russische Militärkonvois auf die Anlage vorrückten. Doch auch fernab von Saporischschja gehen die Kämpfe weiter, Russland soll eine Landung in der letzten Hafenstadt der Ukraine planen.

Da der Besitz von Smartphones bei russischen Soldaten verboten bzw. vor der offiziellen Ankündigung der Militärübungen Anfang des Jahres konfisziert wurden, dringen ihre Schicksale nur äußerst selten an die Außenwelt. Ein gestern veröffentlichtes Video sorgt für Wirbel, da es die Zustände für die einzelnen russischen Einheiten als desaströs und menschenunwürdig beschreibt. Darin ist zu sehen, wie einige dutzend Soldaten in einer ehemaligen Lagerhalle auf dem offenen Feld ausharren müssen, viel wichtiger ist jedoch die zu hörende Kritik: Demnach sind sie dort seit drei Tagen stationiert in der Erwartung abgeholt zu werden, ohne nennenswerte Versorgung und nur wenigen Lebensmitteln. In diesem Raum müssen sie schlafen, die Moral ist also entsprechend schlecht. Zudem beschreiben sie sich selbst als das „überlebende Kanonenfutter“, die Dokumente unterschreiben sollen, die ihre rückwirkende Entlassung regeln und bestätigen, dass sie nicht in der Ukraine waren.

Die Absicht hinter dieser Erklärung ist noch völlig klar, vielleicht ist es eine Absicherung für die höheren Ränge des Militärs, nicht in irgendwelchen Aktionen/Offensiven im Nachbarland aktiv gewesen zu sein und dementsprechend nicht dafür haftbar gemacht zu werden. Zwar kann man die Authentizität des Videos nicht zu 100% überprüfen, jedoch entspricht es dem vorgetragenen Narrativ russischer Soldaten in ukrainischer Gefangenschaft, wonach man schlecht versorgt sei und eine Militäroffensive auf die Ukraine völlig unerwartet kam. Bereits vor dem Beginn der Operation gab es Meldungen von schwierigen Quartierverhältnissen russischer Truppen aufgrund der schieren Masse. Es gibt Gerüchte darüber, dass die oben gezeigten Soldaten inzwischen desertiert hätten, bestätigt ist dies jedoch nicht.

Während Präsident Putin in einer Rede an die russische Bevölkerung weiterhin unbeirrt die vollständige Eroberung der Ukraine und die Auslöschung des „faschistischen Regimes“ als Hauptziele formuliert, sehen die Fakten auf dem Boden anders aus. Die ukrainische Gegenoffensive nordwestlich von Kiew rückt langsam vor und steht nun in Gostomel, wo am ersten Tag der Invasion mithilfe Dutzender Kampfhubschrauber russische Fallschirmjäger landeten und eine vorgelagerte Militärbasis auf dem Internationalen Flughafen von Gostomel errichteten. Vom Flugfeld sollen sich die russischen Soldaten inzwischen zurückgezogen haben.

Von dieser aus weiteten russische Truppen ihr Einflussgebiet auf die umliegenden Siedlungen aus, wurden nun aber größtenteils zurückgeschlagen. Zuletzt konnten ukrainische Spezialeinheiten einen Militärkonvoi russischer Fallschirmjäger in Gostomel in einem Hinterhalt töten, wodurch mindestens fünf gepanzerte Truppentransporter zerstört und ein dutzend Soldaten getötet wurden. Auffällig ist dabei, dass die Leichen der russischen Soldaten auf den Transportern liegen, weshalb sie wohl völlig überrascht und unvorbereitet vom Angriff waren. Ohnehin scheinen die Fallschirmtruppen Russlands die größten Verluste zu erleiden als Eliteeinheit, zuletzt wurde auch ein Generalmajor von ihnen getötet. In den nordukrainischen Städten Charkiw, Sumy und Chernigow hält die ukrainische Armee weiterhin die wichtigsten Verteidigungspositionen, weshalb Russland den Einsatz ihrer Luftwaffe und von Artillerie intensiviert.

Im Kontrast dazu kann Russland im Süden des Landes weiter siegreich sein. Besondere Aufmerksamkeit in den letzten 24 Stunden erfuhr der Ort Erhondar, welcher vor allem für das größte Kernkraftwerk in Europa bekannt ist. Die Stadt war in den Tagen zuvor bereits umringt gewesen, Zivilisten errichteten zuvor mehrere Straßenblockaden und protestierten zu Tausenden gegen die herannahenden russischen Militärkonvois, die darauf mit dem Einsatz von Tränengas reagierten. Die Stadt selber wurde vor allem von russischen Kampfjets angegriffen, hart umkämpft hingegen ist das Kernkraftwerk. In einem Livestream waren die Gefechte inmitten der Nacht zu beobachten, in Folge des Scharmützels wurden mehrere Teile der Anlage in Brand gesteckt. Russische Soldaten nutzten mehrere Panzerwerfer und Schützenpanzer ein, jedoch konnten die Schäden am frühen Morgen dann inspiziert und behoben werden. Entsprechende Befürchtungen sind also vorerst zerstreut.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 190.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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