Ukraine startet Gegenoffensive um Kiew

Seit einer Woche herrscht Krieg in Osteuropa, seit einer Woche dominieren die durch Russland verursachte Zerstörung und der Tod das Bild in der Ukraine. Dank dem erbitterten Widerstand der ukrainischen Bevölkerung und des Militärs kontrolliert Russland bis heute nur einen kleinen Teil des Landes, entgegen den internationalen Erwartungen ist dieser Kampf zwischen David und Goliath ein Kräftemessen auf dem gleichen Niveau, trotz der immensen Übermacht der russischen Armee. Nun starteten die ukrainischen Streitkräfte erstmals einen Gegenangriff in der Umgebung der noch vor wenigen Tagen ernsthaft bedrohten Hauptstadt Kiew, die die russischen Truppen einigen Meldungen zufolge auf einer Länge von 60 Kilometern zurückwerfen konnte. Unbeirrt rückt Russland dennoch in der Südukraine vor und kann dort ohne großen Probleme die ehemalige Küste der Ukraine erobern.

Die russische Darstellung, wonach die ukrainische Bevölkerung die russische Armee als Befreier vom Faschismus ansehen werden und sie dementsprechend unterstützen, entpuppt sich jeden Tag zu einer völlig falschen Annahme. Die seit Tag Eins des Angriffskrieges umkämpfte Stadt Konotep im Nordwesten der Ukraine wurde gestern von einer russischen Friedensdelegation betreten, um mit dem Bürgermeister der Stadt eine Friedensvereinbarung bzw. Kapitulation auszuhandeln, da man ansonsten mit dem exzessiven Einsatz von Artillerie- und Raketenschlägen auf Konotep droht, wodurch der Ort zerstört werden würde.

Nicht nur wurde diese Delegation von einem wütenden Mob der Einwohner umringt, auch die Reifen ihrer Fahrzeuge wurden durchstochen. Ein als Diplomat umfunktionierter Soldat hatte als Absicherung zwei (möglicherweise gezündete) Granaten in der Hand, um sich vor Angriffen der Bevölkerung zu schützen. Dieses geringe Vertrauen deutet schon sehr darauf hin, in welcher Beziehung die Ukrainer und russischen Soldaten zueinander stehen. Vielerorts wird sich über die Soldaten lustig gemacht, tatsächlicher Respekt vor Autoritäten ist selten zu finden. Blockaden und Demonstrationen prägen das Stadtbild der größeren ukrainischen Siedlungen, die unter russischer Kontrolle stehen. Ähnliche Bilder sind in Melitopol oder Energodar vorzufinden, bei letzterem blockierten Tausende Zivilisten die Straße zu ihrem Ort, wurden aber später von russischen Soldaten mit Schüssen und Tränengas vertrieben, wobei mehrere Personen verletzt wurden. Sogar am östlichsten Ende der Ukraine, in der Stadt Starobilsk, kam es zu Blockaden der Bevölkerung in einer Region, die am ehesten innerhalb des Landes russische Sympathien besitzt.

Das Hauptaugenmerk der russischen Strategie scheint weiterhin auf der Eroberung von Kiew zu liegen. Dabei können sie Erfolge und Rückschläge vermelden, in erster Linie aber scheint das mögliche Szenario einer Belagerung oder gar Erstürmung der Millionenstadt in weitere Ferne gerückt zu sein. Denn auf der westlichen Hälfte des Flusses Dnepr konnten die ukrainischen Streitkräfte mehrfach Angriffe abwehren und einigen Indikatoren nach sogar in eine Gegenoffensive treten. Bereits gestern konnte man dadurch die Städte Makariw und Borodjanka wiedererobern, nun soll es vielleicht auch einen weiteren Vorstoß weiter nördlich gegeben haben. Im Zentrum des zuvor hart umkämpften Ortes Butscha wurde die Flagge der Ukraine wieder gehisst.

Effektiv würde das bedeuten, dass russische Streitkräfte rund 60 Kilometer in Richtung weißrussischer Grenze zurückgeworfen werden würden. Auf der anderen Seite soll Russland weiterhin in Internationalen Flughafen in Gostomel kontrollieren, zudem befindet sich in dem Gebiet auch der 64km lange Militärkonvoi der russischen Armee, der unmittelbar davon ebenfalls betroffen wäre. Darüber existieren aber keine Informationen.

Östlich des Dnepr hingegen schafft Russland neue Fakten, indem mehrere Speerspitzen des russischen Militärs Vorstädte von Kiew in einer Entfernung von etwa 40 Kilometern betreten konnten. Bei den Siedlungen Nova Basan und Bobrovytsa wurden russische Einheiten gesichtet, jedoch ist unklar wie erfolgreich diese Offensiven sind. Denn wie im Rest des Landes gilt auch hier, dass die russischen Nachschub- und Logistikwege maßlos überstrapaziert sind und diese russischen Soldaten problemlos von den umgangenen Städten der Region angegriffen und abgeschnitten werden können. Deswegen scheint bei der ukrainischen Führung bisher wenig Sorge in Ost-Kiew zu bestehen, auch wenn das Risiko jederzeit besteht.

Dass Kiew weiterhin das begehrte Ziel von Russland, bemerkte man auch an den zunehmenden Luftschlägen auf die Stadt. Der erste Militärangriff fand in Zentral-Kiew auf den Fernsehturm der Stadt statt, wobei auch umliegende Gebiete wie eine Tankstelle und ein Speditionsunternehmen bombardiert wurden. Da der Turm inmitten eines großen Parks liegt ist die Anzahl der getöteten Personen relativ gering, fünf Menschen starben dabei, Einer davon war ein Journalist. Entgegen ersten Mediendarstellungen wurde aber nicht das Mahnmal für das Massaker an der jüdischen Bevölkerung von Kiew getroffen. Stunden später wurde ein Bahnhof im Süden der Hauptstadt in Folge eines Raketeneinschlages schwer beschädigt. Dieses Schicksal teilt sich die Millionenstadt mit vielen anderen Orten, allen voran Charkiw, Borodjanka und Schytomir.

Abgesehen von der Region rund um Kiew gab es wenig Gefechte zu vermelden. Gerüchten zufolge soll sich Russland auf eine Landung bei Odessa vorbereiten, zumindest wurden vor der ukrainischen Küste die vor Monaten in das Schwarze Meer entsandten Landungsschiffe der Marine gesichtet. Weiter östlich kam es in Mikolajew zu einem misslungenen Einsatz russischer Fallschirmjäger, wodurch drei russische Fallschirmjäger gefangen genommen wurden. In der Nähe legten 18 Soldaten ihre Waffen nieder. Sie alle erzählen die gleiche Geschichte, wonach sie nicht wussten dass ein Angriff auf die Ukraine gestartet werden würde, offiziell verkündet waren lediglich Militärübungen. Zudem ist die Moral und Nachschubsituation äußerst schlecht. Inzwischen sollen den USA zufolge 80% der russischen Truppen vor Ort in der Ukraine aktiv sein, eine nicht zu unterschätzende Menge davon wurde bereits getötet oder verletzt. Westliche und ukrainische Schätzungen reichen von 2.000 bis 5.000 getöteten Soldaten, während das russische Verteidigungsministerium den Tod von 500 der eigenen Soldaten bestätigt. So oder so sind das beträchtliche Zahl für einen Krieg, der erst seit einer Woche andauert.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 190.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: