Belarus will sich dem Krieg anschließen

Die Nacht zum Montag bedeutete für die Ukraine eine kurze Verschnaufpause in ihrem Verteidigungskrieg gegen die von drei Seiten angreifenden russischen Streitkräfte. Im Hintergrund der ankündigten Friedensverhandlungen an der ukrainisch-belarussischen Grenze schweigen größtenteils die Waffen, auch wenn keine der involvierten Fraktionen von einem positiven Ausgang der Gespräche ausgeht und auf ukrainischer Seite teilweise sogar von einem vergifteten Angebot gesprochen wird, da Russland die immer öfter hervortretenden Versorgungsprobleme ihrer Armee in den Friedenszeiten abschwächen kann. Um der russischen Invasion neue Initiative zu verleihen wurden nicht nur Tausende Kämpfer aus Tschetschenien in die Ukraine geflogen, sondern auch Belarus soll womöglich in den kommenden Tagen erstmals eigene Soldaten an die Front schicken. Die Abhängigkeit von Dritten zeigt den problematischen Verlauf des Konfliktes.

Der Nordwesten Kiews hat schwere Kämpfe erleben müssen, insbesondere die Vororte Butscha und Irpin. Russische Militärverbände versuchen dort den gleichnamigen Fluss Irpin zu überqueren bzw. zu umgehen, nachdem die Ukraine mehrere Brücken gesprengt hatte. Der letzte Versuch stellte sich als kolossaler Fehler heraus, ein ganzer russischer Militärkonvoi wurde in Irpin in einen Hinterhalt gelockt und dabei vollkommen zerstört. Auf den veröffentlichten Videos der Anwohner sind etliche zerstörte Militärfahrzeuge und Leichen russischer Soldaten zu sehen, während auf ukrainischer Seite die Verluste minimal sein sollen. Unbestätigten Berichten zufolge bestand zumindest ein Teil des Konvois aus tschetschenischen Kämpfern, die vor drei Tagen in einer medienwirksamen Inszenierung vom Präsidenten der tschetschenischen Republik Ramsan Kadyrow zur Ukraine entsendet wurden mit der Ankündigung, äußerst brutal und aggressiv vorgehen zu wollen.

Damit kritisierte Kadyrow auch den letzten gescheiterten Angriff auf die zweitgrößte Stadt der Ukraine, Charkiw. Ihm zufolge sei man viel zu nachsichtlich und rücksichtsvoll gegenüber Zivilisten bzw. zivilen Gebäuden. Eine russische Kolonne aus mehreren leichten Fahrzeugen konnte die Stadt Charkiw an mehreren Achsen betreten, wurden jedoch mitten in der Stadt vollkommen eliminiert. Dabei wurden auch die weiterhin logistischen Probleme der russischen Armee offenbart, wie z.B. angebliche Bilder von der Nutzung ziviler Fahrzeuge für dien Konflikt illustrieren. In Charkiw gab es auch Meldungen von Plünderungen von Märkten und dem Ausrauben von Banken, was die Theorie mit den Versorgungsproblemen weiter verstärkt. Die USA schätzt inzwischen dass 2/3 der dortigen russischen Kräfte in den Krieg aktiv involviert sind, am Samstag waren es noch 50%.

Der russische Feldzug kann weiterhin im Süden der Ukraine seine höchsten Erfolge verzeichnen. Nachdem man bereits vor 24 Stunden den Flughafen der Hafenstadt Brijansk sicherte, befindet sich nun der gesamte Ort unter russischer Kontrolle, nachdem es kaum zu Gefechten gekommen ist. Bestätigt ist vor Ort zumindest ein Einsatz eines Molotow-Cocktails durch die lokale Bevölkerung aber. Brijansk ist insofern bedeutend, da es einerseits einen wichtigen Hafen am Asow’schen Meer besitzt und dementsprechend von der russischen Marine ebenfalls genutzt werden kann. Zudem trennen Brijansk und die 400.000 Einwohner zählende Küstenstadt Mariupol nur noch 60 Kilometer.

Derzeit rücken russische Verbände weiter nach Mariupol vor, welches dann von zwei Seiten umschlossen sein würde und aufgrund ihrer Rolle als Frontstadt seit acht Jahren zu einer schweren Befestigung ausgebaut wurde. Gerüchten zufolge wurde bereits die letzte Zugangsstraße in Richtung Norden gekappt, bestätigt ist dies jedoch noch nicht. Mit der Eroberung von Mariupol wäre eine Landbrücke zwischen der Krim und dem Donbass aufgebaut, was einen Teilerfolg für Russland darstellen würde. Vor Ort finden sich wichtige russische Kräfte deswegen, darunter auch das faschistische Asow-Battalion, welches Teil der ukrainischen Nationalgarde bildet und ähnlich den tschetschenischen Kräften auf russischer Seite für ihre Radikalität und Brutalität berühmt-berüchtigt ist.

Weiter westlich scheint Russland den Dnepr übertreten und die Stadt Kherson umkreist zu haben, ohne aber den Ort selber zu betreten. Einige Truppen sollen etwa 50 Kilometer weiter nordöstlich entlang der Küste der Schwarzen Meers auf die Siedlung Mikolajew vorgerückt sein, wo aber zumindest ein Teil der russischen Soldaten getötet wurde. Unklar ist ob es sich dabei nur um eine Speerspitze handelt oder ob bereits größere Kontingente in Richtung Mikolajew entsendet wurden. Die Brücke in Richtung dem 110 Kilometer entfernten Odessa wurde bereits vor zwei Tagen gesprengt, um das weitere Vorrücken zu verhindern.

Trotz den Beschwichtigungen des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenkos, man sei an der russischen Intervention in keinster Weise beteiligt, sehen die Fakten auf dem Boden anders aus: Nicht nur stellt Belarus die nötige Infrastruktur und ihr eigenes Gebiet für den Aufmarsch nach Kiew bereit, sondern wurde auch als Abschussbasis mehrerer ballistischer Raketen auf die Ukraine genutzt. Nachdem der Konflikt nicht wie geplant verläuft, soll nun auch die belarussische Armee im Kampf gegen die Ukraine eingesetzt werden, allen voran Fallschirmjäger und Luftwaffe. Sie könnten den Vorstoß auf Kiew unterstützen oder eine mögliche neue Offensive in die Westukraine starten, mit der sie eine gemeinsame Grenze teilen. Trotzdem finden in ebendiesem Grenzgebiet aktuell Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine statt, ein jähes Ende ist jedoch eher unwahrscheinlich angesichts der ausbleibenden Erfolge für Russland und dem entschiedenen Kampfeswillen der Ukraine.

Innerhalb der Bevölkerung sorgt das für entsprechenden Unmut, trotz der brutalen Niederschlagung der demokratischen Proteste vor nicht mal einem Jahr gingen wieder am Sonntag haufenweise Menschen auf die Straße, um parallel zu dem „Referendum zur Verfassungsänderung“, die Lukaschenko noch mehr Macht und Immunität vor juristischen Prozessen verleihen würde, gegen den Krieg und für Frieden zu demonstrieren. Durch die Hauptstadt Minsk zogen Hunderte und legten vor der ukrainischen Botschaft Blumenkränze nieder. Sollte Belarus sich tatsächlich noch intensiver in den Konflikt involvieren, könnte das zu immer größer werdenden Unruhen führen und das zu einem Zeitpunkt, wo ein Großteil der Sicherheitsapparat-Ressourcen dann in der Ukraine gebunden sind. Gerade bei belarussischen Soldaten wird wohl die Moral niedrig sein, einen Krieg im Dienste Russlands zu führen.

Entgegen der russischen Behauptungen, bereits seit Stunde Eins der Militäroffensive die Lufthoheit über die Ukraine zu besitzen, sickern immer mehr widersprüchliche Informationen auf. Nicht nur scheint die ukrainische Luftwaffe unregelmäßig aktiv zu sein und zumindest im Westen und Zentrum Hubschrauber und Kampfjets einzusetzen, auch eine andere Gefahr aus dem Nahen Osten scheint ihren Weg nach Osteuropa zu finden: Die Kampfdrohnen. Genauer genommen ist dabei die Bayraktar-2B aus türkischer Produktion gemeint, welche bereits in Syrien, Libyen und dem Kaukasus für erhebliche Verluste in den Reihen des Gegners sorgte und zumindest im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan als konfliktentscheidender Faktor angesehen wird. Doch bei diesen Konflikten handelte es sich meistens um einen Kampf gegen Milizen oder kleine Staaten, nicht um solch eine Großmacht wie im Falle Russlands, weswegen die Luftabwehrsysteme aus russischer/sowjetischer Herstellung reihenweise machtlos gegen die Drohnen waren. Dieses Szenario scheint sich nun in der Ukraine zu wiederholen.

Zwar verkündete Russland bereits am Anfang des 24. Februars, einen Großteil der ukrainischen Drohnenflotte vernichtet zu haben, jedoch sind am Sonntag die ersten Videos von erfolgreichen Drohnenangriffen auf russische Militärkonvois veröffentlicht worden. Insgesamt drei solcher Videos zeigen bisher die Präzisionsschläge, die tatsächliche Anzahl an Drohnenangriffen liegt wahrscheinlich wesentlich höher. Der verursachte Schaden der Bayraktar wird sicherlich nicht unerheblich sein, auch wenn sie wohl nicht den Rang eines „Gamechangers“ wie anderswo inne hat. Insgesamt soll die Ukraine um die 20 bis 30 Bayraktar-Drohnen besitzen, die Meisten wurden wenige Monate vor dem Ausbruch des Krieges von der türkischen Regierung an die Ukraine gesendet. Viele waren zuvor der Ansicht, dass moderne Drohnensysteme in Angesicht eines modernen und aufgerüsteten Gegners in einem konventionellen Krieg keine Chance hätten, was sich offenbar als falsch herausstellt.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 190.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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