Russland rückt nur langsam in der Ukraine vor

Auch der vierte Tag der russischen Invasion in der Ukraine verspricht für viele Ukrainer einen vorsichtigen Optimismus, denn bereits jetzt scheint es erste Probleme und verfehlte Ziele bei der russischen Großoffensive zu geben: Nach weiteren gescheiterten Angriffen auf die Ballungszentren des Landes scheint für viele Beobachter die Gefahr eines vollständigen Besetzung der Ukraine gebannt zu sein, vor allem da russische Truppen tagtäglich schwere Verluste erleiden müssen. Dennoch steht die „kleine“ Ukraine weiterhin einer militärischen Großmacht gegenüber, dessen Armee bisher sich auffällig zurückhält mit dem Einsatz exzessiver Gewalt in Form von Flächenbombardements oder Artilleriesalven. Nichtsdestotrotz war der Samstag und die darauffolgende Nacht ein Beispiel erfolgreicher Verteidigung durch die Ukraine.

Der vergangene Tag verlief insgesamt relativ ruhig, es kam kaum zu territorialen Veränderungen. Einzig im Süden der Ukraine ist den russischen Streitkräfte ein Durchbruch nach der Eroberung der ersten größeren Stadt Melitopol gelungen, die mit 150.000 Einwohnern die Hauptstadt des Bezirks bildet. Daraufhin sollen sich zwei mechanisierte Speerspitzen gebildet haben, Eine davon stößt derzeit weiter nördlich in Richtung der am Fluss Dnepr gelegenen Stadt Saporischja und die Andere in östlicher Richtung nach Mariupol, welches als Frontstadt zum Donbass einen wichtigen strategischen und symbolischen Wert inne hat, vor allem da die ukrainische Armee in einem riskanten Manöver damals im Jahre 2014 den Ort von pro-russischen Separatisten wiedererobern konnte.

Richtung Saporischja soll dabei nur einen sekundären Stellenwert besitzen, derzeit soll es etwa auf halben Weg bei der Siedlung Tokmak zu schweren Gefechten kommen, beide Seiten erleiden Verluste. Viel höhere Priorität hingegen hat die Offensive nach Mariupol, welches rund 160 Kilometer von Melitopol entfernt liegt. Derzeit sollen russische Einheiten in dem 40 Kilometer von Mariupol entlegenen Flughafen bei der Küstenstadt Berdjansk ihr Lager aufgeschlagen haben, heute wird der Angriff sicherlich weitergehen. Ein Zangenangriff oder Umkreisung von Mariupol wäre fatal für die ukrainische Seite, die dort viele Kräfte bündelt. Nicht nur müsste man dann ein schwer befestigtes Gebiet aufgeben, sondern es würde auch eine Landverbindung zwischen der Krim und dem Donbass bestehen, was seit Jahren als befürchtetes Ziel für Russland formuliert wird.

Dieser Umstand verminderter russischer Fortschritte wird auch bereits jetzt schon durch Partisanen und zivilen Ungehorsam verstärkt, wie einige Videos aus dem ganzen Land beweisen. An mehreren Orten stellen sich ukrainische Bürger in Gruppen oder alleine mit ihrem Fahrzeug russischen Militärkolonnen im Weg und blockieren damit wichtige Straßen. In der umkämpften Stadt Sumy ist der erste belegte Einsatz von Molotow-Cocktails durch Ukrainer bestätigt, nachdem am Tag zuvor mit der Massenproduktion begonnen und die Herstellung im Fernsehen gezeigt wurde. Da die russischen Soldaten bisher dazu angehalten wurden sich gegenüber Reaktionen auf Zivilisten zurückzuhalten, entstanden dadurch keine Verletzte und Konvois mussten z.B. oftmals umkehren.

Abgesehen vom Süden haben russische Kräfte erneut versucht, bei den Verteidigungslinien in und um der zweitgrößten Stadt Charkiw durchzubrechen. Dies scheint ihnen bedingt gelungen zu sein, in den frühen Abendstunden des Sonntags wurden in der Stadt leichte Truppenkontingente gesichtet, nachdem Russland schwere Verluste beim Betreten der Stadt erlitten hatte. Die verbliebenen Soldaten wurden scheinbar in den nördlichen Vierteln des Ortes eliminiert, derzeit soll sich ganz Charkiw wieder unter der Kontrolle der Ukraine befinden. Diesem Angriff vorausgegangen waren über Nacht schwere Artilleriebombardements in der Stadt, die den Nachthimmel erhellten. Dabei wurde wahrscheinlich auch eine Gaspipeline zerstört. Ohnehin scheint Russland nun vermehrt dazu überzugehen, Infrastruktur der Ukraine anzugreifen. In den gleichen Abendstunden griffen russische Kampfjets ein Treibstofflager bei Vasylkiv südlich von Kiew an.

In und bei Kiew war es vergleichsweise ruhig, momentan versucht die russische Armee ihr Kontrollgebiet rundum den Gostomel-Flughafen zu erweitern und damit eine Pufferzone zu errichten, um sicher Soldaten und Kriegsgerät auf das nur wenige Kilometer von Kiew entfernte Flugfeld zu transportieren. Dabei sicherten sie die Stadt Butscha, etwa zehn Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Weiter südlich grenzt direkt der Ort Irpin an Butscha heran, jedoch sind die beiden Siedlungen größtenteils von einem Fluss getrennt, über den von dem ukrainischen Militär zerstörte Brücken verlaufen. Weiter nördlich gibt es Gefechte an den Toren von Iwankiw, welches an einer wichtigen Verbindungsstraße zwischen Belarus und Kiew liegt.

Derweil ist inzwischen die Präsenz erster tschetschenischer Soldaten in der Ukraine bestätigt. Vor zwei Tagen kündigte der Präsident der tschetschenischen Teilrepublik, Ramsan Kadyrow, in einer medienwirksamen Inszenierung die Mobilisierung zehntausender Kämpfer aus der Region an, die sich auf ukrainischen Boden am „heiligen Kampf gegen Kiew“ beteiligen sollen. Tschetschenische Kämpfer sind berühmt-berüchtigt, einerseits besitzen sie wertvolle Kriegserfahrung in Folge der zwei Kriege gegen Russland um die Jahrtausendwende und andererseits ist ihr Ruf geprägt von islamistischen Überzeugungen, dem Mord an Zivilisten und dem Brandschatzen der von ihnen kontrollierten Gebiete. Aktuell haben sie eine Basis unweit des Gostomel-Flughafens, auf dem ehemaligen Militärgelände der 4. Brigade der ukrainischen Nationalgarde, errichtet, wo sie ebenfalls einige ungenutzte Militärfahrzeuge erbeuten konnten.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 190.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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