Die Schlacht um Kiew beginnt

Der russische Einmarsch in die Ukraine geht in seinen zweiten Tag hinein. Innerhalb der ersten 24 Stunden gab es bereits den Tod Hunderter Soldaten auf beiden Seiten und Dutzender Zivilisten zu vermelden, trotz erheblichen Widerstandes durch ukrainische Militärverbände konnte Russland an mehreren Fronten durchbrechen und strategische Ziele sichern. Eines davon ist Kiew, wo sich derzeit russische Einheiten mit der ukrainischen Armee, Nationalgarde und Milizen eine Schlacht an den nördlichen Toren der Millionenstadt liefern, nachdem sie aber die Kontrolle über einen Flughafen nordwestlich einbüßen mussten. Auch anderswo ergibt sich ein ähnliches Bild, die massive Feuerkraft der russischen Streitkräfte scheint dem moralischen Widerstandswillen der Ukraine bisher überlegen, auch wenn Russland erhebliche Verluste zu vermelden hat und Gerüchten zufolge das Ziel des ersten Tages verfehlen musste.

Dominierendes Thema derzeit ist der russische Vorstoß in der Nordukraine, von Belarus aus. Nachdem man am Tag zuvor das Kernkraftwerk Tschernobyl und das umliegende Sperrgebiet sichern konnte, waren es nur noch wenige Kilometer bis zu Kiew. Über die Nacht wurden mehrere russische Militärkonvois organisiert, welche derzeit vor den Toren Kiews rasten und sich langsam voran tasten. Einige Teile des nördlichen Viertel sollen bereits fest unter russischer Kontrolle liegen, vereinzelt soll es ebenfalls Berichte von Schüssen im Regierungsbezirk im Zentrum geben. Über den Himmel wurde in der Nacht ein ukrainischer Kampfjet abgeschossen. Einige Wohnhäuser wurden von russischen Raketen getroffen, während mindestens ein Auto von einem russischen Panzer überrollt wurde. Der Fahrer konnte scheinbar unverletzt überleben.

Der ukrainische Präsident Zelensky warnte zuvor von russischen Stör- und Sabotageteams, als russischen Spezialeinheiten die bereits in Kiew aktiv seien. Zudem haben sich russische Soldaten mit ukrainischen Uniformen verkleidet und die Vorhut nach Kiew gebildet, konnten aber inzwischen getötet werden. Stunden zuvor konnte aber zumindest die Ukraine den Flughafen bei Gostomel rund 20 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt wiedererobern, nachdem Stunden zuvor in einem riskanten Landungsmanöver Dutzende Kampfhubschrauber mit Fallschirmjägern den Ort sicherten. Nach brutalen Gefechten mithilfe schwerer Artillerie und Raketen konnte der Flughafen letzten Endes wiedererobert und die Feinde eliminiert werden, wobei auch zwei Soldaten gefangen genommen wurden.

Auch anderswo können russische Vorstöße Erfolge beweisen. In der Südukraine, nördlich der Krim konnte Russland bisher am erfolgreichsten relativ widerstandslos vorrücken und einige wichtige Ziele sichern, darunter einige Städte und Staudämme entlang der Dnepr. Am Ufer des Flusses befindet sich die Provinzhauptstadt Kherson, welche seit gestern hart umkämpft ist. Zeitweise konnte die russische Armee eine Brücke über den Dnepr und nach Kherson sichern, mussten sie Stunden später aber wieder aufgeben. Auch dort kommt es weiterhin zu schweren Kämpfen, während die ukrainischen Verteidiger aushalten. Weiter östlich macht Russland wiederum mehr Fortschritte und erobert die Stadt Melitopol. Der Vorstoß weiter östlich ist insofern gefährlich für die Ukraine, da erstens die Hafenstadt Mariupol umkreist von Ost und West werden könnte, welche als Frontstadt zum Donbass bisher entsprechend schwer befestigt ist. Zudem würde dann eine Landbrücke von Donetsk zur Krim existieren.

Dort fand auch die Geschichte über die Soldaten der ukrainischen „Schlangeninsel“ im Schwarzen Meer statt, die aktuell entsprechend von der ukrainischen Regierung heroisiert wird. Russische Schlachtschiffe umkreisten die kleine Insel, welche nur aus einigen Barracken, einem Leuchtturm und einer maritimen Forschungsbasis besteht und damit wenig Relevanz hat, und versuchten die ukrainischen Soldaten vor Ort zur Aufgabe zu zwingen. Statt diesem Deal einzugehen beleidigten sie stattdessen die russischen Schiffe und leisteten bis zur letzten Minute Widerstand. In Folge mehrerer Schiffskanonensalven wurden alle Personen auf der Insel getötet, ebenso wurden alle Gebäude zerstört. Die Regierung verlieh posthum den Soldaten mehrere Auszeichnungen.

Als letzte und wichtige Vorstoßrichtung Russlands scheint es die Region nördlich von Kharkiv zu geben. Kharkiv selber ist die zweitgrößte Stadt des Landes und nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, konnte erfolgreich den ersten Angriffen standhalten. Es ist davon auszugehen dass russische Einheiten erneut eine Offensive starten werden, die ukrainische Armee ist jedoch bisher gut vorbereitet. Dies wird wahrscheinlich dazu führen dass Russland schwerere Geschütze auffahren wird und dabei immer weniger Rücksicht auf Zivilisten nehmen wird. Denn bisher halten sich russische Truppen auffällig zurück bei Angriffen auf zivile Ziele, auch wenn bereits dutzende Menschen im ganzen Land gestorben sind. Das könnte sich schnell ändern, sollte der Widerstand zunehmen.

Nördlich von Kharkiv liegt die Stadt Sumy, die zeitweise von Russland besetzt und dann am Abend von der Ukraine wiedererobert werden konnte. Jedoch ist ein großer Teil der Region dort von der Außenwelt abgeschnitten, wie z.B. die Stadt Konotop, russische Soldaten haben teilweise Checkpoints auf den vitalen Straßen zwischen Sumy und Kiew errichtet. Hier scheint ein Durchbruch für Russland wohl am wahrscheinlichsten, jedoch ist das Gebiet in der Nordukraine auch weniger bedeutend. An einem Ort ging die Ukraine sogar in Russland auf die Offensive: Eine Raketensalve traf den Militärflughafen von Millerowo im Rostow-Oblast. Mindestens ein Su-30-Kampfjet der russischen Luftwaffe konnte dabei zerstört werden.

Insgesamt gibt es gemischte Meinungen darüber, welche Seite aus dem ersten Tag siegreicher hervor geht. Dabei handelt es sich um reine Spekulationen, das genaue Wissen darüber verfügt niemand. Das britische Verteidigungsministerium und die amerikanische Regierung vertreten bisher die Auffassung, dass Russland die Ziele ihres ersten Tages verfehlt haben, Begründungen dafür gibt es aber nicht. Ohne Frage aber leisten ukrainische Soldaten erheblichen Widerstand, wie die heroischen Geschichten von der Schlangeninsel oder dem Ingenieur Shakun Vitali, der bei der Detonation der Henichesk-Brücke nicht fliehen konnte und deswegen sich selbst mitsamt der Brücke sprengte. Die etlichen Videos von zerstörten russischen Militärkonvois unterstreichen dies. Nichtsdestotrotz besitzt das russische Militär mitsamt seiner schieren Größe und Masse über ausreichend Ressourcen, um die bisherigen Verluste auszugleichen.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 190.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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