Russische Verbände vor Kiew

Russische Truppen vor den Toren Charkows

Der 24. Februar markiert einen Wendepunkt in der modernen ukrainischen Geschichtsschreibung, mit dem Einmarsch Russlands sieht sich die Ukraine in ihrer Souveränität und Selbstbestimmung wie seit 100 Jahren nicht mehr bedroht. Im gesamten Land sind durch russische Raketensysteme Explosionen zu vermelden, während Russland auf dem Boden zusammen mit weißrussischen Kontingenten vorrückt und erste Gebiete im Donbass besetzen kann. Auch wenn das ukrainische Militär unter anderem die erfolgreiche Abwehr von mehreren Raketen und den Abschuss mehrerer Kampfjets vermeldet, steht es aufgrund der schieren Masse des Feindes mit dem Rücken zur Wand. Das mussten teilweise bereits die ersten Zivilisten spüren, die innerhalb den ersten vier Stunden des Krieges in Folge von russischen Luftschlägen getötet wurden, trotz der Behauptung nur militärische Ziele angreifen zu wollen. Der Ausgang von alledem ist ungewiss.

Der russische Angriff begann um etwa fünf Uhr Ortszeit, als Flughäfen und Institutionen des ukrainischen Militärs als Erstes angegriffen wurden. Mithilfe von Raketen, Marschflugkörpern und Angriffsdrohnen wurden vitale Ziele in den größten Städten des Landes, teilweise bis tief in die Westukraine bei Lwow hinein, attackiert. Russische Truppen scheinen bisher relativ ungestört von der Krim und Belarus in Richtung Hauptstadt und Donbass vorzurücken, während es in der Ostukraine aktuell zu den schwersten Kämpfen kommt. Dort soll die russische Armee mit der Unterstützung der Separatisten bereits erste Orte erobert haben, darunter die Stadt Schastyan, welche noch in den Tagen zuvor regelmäßig von pro-russischer Artillerie bombardiert wurde.

Das ukrainische Verteidigungsministerium vermeldet in dem Zusammenhang die erfolgreiche Zerstörung von insgesamt fünf Kampfjets, einem Kampfhubschrauber, mehreren Panzern und anderen Fahrzeugen, räumte aber zugleich den Tod von 40 ukrainischen Soldaten in Folge der ersten Angriffswelle ein. Unter anderem wurden auch wichtige Gebäude wie der Hafen von Ochakow oder das Hauptquartier der Nationalgarde getroffen, jedoch befindet sich das Hauptaugenmerk bisher auf die etlichen Flughäfen des Landes. Nichtsdestotrotz wurden auch Wohngebiete in Kiew oder Charkow attackiert, im Dorf Chuguev unweit von Charkow gibt es Meldungen von einem schwer beschädigten Wohnblock und dem damit verbundenen Tod von sieben Zivilisten.

Innerhalb der ukrainischen Bevölkerung scheint Panik zu herrschen, Tausende Menschen versuchen aus den Ballungszentren und in Richtung Polen oder der Slowakei zu fliehen. Viele begaben sich auch in die Schutzbunker oder im Falle von Kiew in die Metrostationen, um sich vor den weiterhin andauernden Bomben zu schützen. Insbesondere Charkow scheint das erste Ziel der russischen Begierde zu sein, die ohnehin nahe der russisch-ukrainischen Grenze gelegene Stadt ist mit 1,4 Millionen Einwohnern nach Kiew die größte Stadt im Land und dementsprechend strategisch wichtig. Russische Soldaten wurden bereits an den nördlichen Stadttoren gesichtet, dabei scheint ihnen bisher wenig Widerstand entgegenzustoßen. Es existieren auch Meldungen von der kompletten Umkreisung der Stadt, vereinzelt sind Schusswechsel zu hören.

Es gibt unbestätigte Berichte von der Aktivierung russischer Soldaten in Transnistrien, dem separatistischen Landstreifen in Moldawien mit einer direkten Grenze zur Ukraine. Demnach wurden von Transnistrien Marschflugkörper auf ukrainische Ziele gestartet.


In einer unerwarteten Entwicklung nutzten russische Helikopterverbände das aufgrund des Tschernobyl-Speergebietes dünn bewachte nördliche Grenzgebiet von Kiew aus und starteten einen Großangriff auf den Militärflughafen Gostomel, etwa 15 Kilometer nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt gelegen. Mehrere Helikopter der russischen Luftstreitkräfte konnten bei diesem Invasionsversuch abgeschossen werden, dem ukrainischen Innenministerium zufolge insgesamt drei, während zumindest ein Abschuss bestätigt ist. Die restlichen Truppen Russland befinden sich 150 Kilometer weiter nördlich bei der ukrainisch-belarussischen Grenze, weshalb dieses Manöver bisher noch ungeklärte Absichten verfolgt. Bisher dauert der Eroberungsversuch von Gostomel weiter an.

Im Gegensatz zu Kiew können russische Truppen relativ widerstandslos die Gebiete nördlich der Krim sichern und dabei insgesamt über 60 Kilometer vorstoßen. Dabei konnten sie auch die Stadt Kachowka am gleichnamigen Stausee erobern und dort die russische Flagge hissen. Anderswo kommt es zu punktierten, schweren Gefechten. Sowohl Russland als auch die Ukraine haben in einer unbekannten Quantität Soldaten und Fahrzeuge verloren. Ukrainische Kräfte konnten zwei russische Soldaten gefangen nehmen.


Die militärische Situation in der Ukraine ist derzeit von vielen Unklarheiten und Undurchsichtigkeiten geprägt. Im Süden sollen russische Soldaten vor den Toren Khersons stehen, der Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks und etwa 60 Kilometer von Kachowka entfernt. Der russische Vorstoß auf Charkow konnte zunächst zurückgeworfen werden, dafür aber eröffnete Russland weiter östlich und westlich neue Frontabschnitte mit dem Angriff auf die Städte Sumy und Wowtschansk. Die (bisherige) erfolgreiche Verteidigung von Charkow ist jedoch sicherlich ein Moralbooster für das Land, welches aktuell von drei Fronten angegriffen wird.

Ein besonderes Augenmerk liegt weiterhin auf die Region um Kiew, wo russische Helikopter erfolgreich den Militärflughafen bei Gostromel sichern konnten und nun versuchen, diesen auch zu verteidigen. Insgesamt ist der Verlust von zwei russischen Helikoptern bestätigt, nach ein Weiterer Kampfhubschrauber unweit von Gostromel in einen See abstürzte. Zudem sind über den Luftraum von Kiew mehrere ukrainische Kampfjets aktiv, die offenbar den Feind attackieren. Damit entspricht die Realität nicht dem eigentlich von Russland beschriebenen Zustand, wonach die ukrainische Luftwaffe aufgrund russischer Dominanz auf dem Boden bleiben muss. Außerdem wurde über dem Kiewer Tageshimmel ein zerstörtes Flugzeug gesichtet, jedoch ist der „Eigentümer“ unklar.


In der Mitte des Tages konnte Russland die erste Brücke über die natürliche Verteidigungsstellung des Flusses Dnepr überqueren und die nördlich des Dnepr gelegene Stadt Cherson an der Mündung zum Schwarzen Meer bedrohen, jedoch offiziellen Angaben der Ukraine nicht nicht erobern. Derzeit dauern entlang der Brücke schwere Gefechte an, Russland erhält dabei Luftunterstützung durch mehrere Kampfjets. Parallel dazu wurde vor der Küste ein türkisches Frachtschiff von einer herannahenden Rakete getroffen, der Täter dahinter ist jedoch bisher unklar. Dagegen ist wohl sicher, dass das ohnehin schon schwierige Verhältnis zwischen Russland und der Türkei sich weiter verschlechtern wird und das Land am Bosporus sogar damit drohen könnte, die Dardanellen für den russischen Seeverkehr zu blockieren. Die Ukraine und Türkei arbeiten eng miteinander, so setzt die Ukraine z.B. auch türkische Angriffsdrohnen des Typs Bayraktar-2B ein.

Ein weiterer Kampfort ist und bleibt der Gostomel-Flughafen, welcher seit den frühen Morgenstunden von russischen Spezialeinheiten gehalten wird. Das Ukrainische Militär versucht seit Stunden mithilfe schwerer Artillerie und Raketen den Ort wiederzuerobern, bisher jedoch scheinen sich die belagerten Russen erfolgreich halten zu können. Weiter nördlich ergibt sich ein ähnliches Bild, wo russische Einheiten nach schweren Gefechten das Kernkraftwerk Tschernobyl und umliegende Gebiete erobern konnten. Von diesen zwei Stoßrichtungen versucht Russland wohl möglichst schnell Kiew zu erobern, um die amtierende Administration zu besiegen und eine lang befürchtete Marionettenregierung einzurichten.

Die Stadt Sumy im Nordwesten des Landes konnte von der ukrainischen Armee und Nationalgarde nach mehreren Stunden zumindest teilweise wiedererobert werden. Dort finden weiterhin brutale Scharmützel statt, wobei auf beiden Seiten materielle Verluste zu vermelden sind. Derweil kommt es in verschiedenen Städten Russlands zu Friedensdemonstrationen, die größtenteils brutal niedergeschlagen werden. In kleineren Orten wurden Demonstrationen vor dem Start der Proteste bereits gefangen genommen, während in den größeren Städten wichtige Oppositionelle beim Verlassen ihrer Wohnungen in Gewahrsam genommen wurde. Aufgrund der schieren Größe der Demonstrationen in Moskau oder St. Petersburg war es dem russischen Sicherheitskräften jedoch nicht mehr möglich, sie weiter in Zaum zu halten.

Rot markiert in etwa die von Russland kontrollierten Gebiete der Krim

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 190.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainische Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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