Russland marschiert in die Ukraine ein

Das lang befürchtete Szenario ist nun eingetroffen: Der Krieg zwischen Russland und ihren ostukrainischen Stellvertretern und der Ukraine hat begonnen. Kurz vor Mitternacht veröffentlichte der Vorsitzende der Donezker Volksrepublik ein Dekret an die Außenwelt, dessen Inhalt Europa verändern wird: Die Bitte einer militärische Intervention Russlands in dem über mehrere Jahre ruhig gewordenen Ukrainekonflikt. Nun rollen über die gesamte russisch-ukrainische Grenze diejenigen Truppen, die etwa 75% der russischen Streitkräfte ausmachen und bereits erste Gebiete in der Ukraine besetzen. In der andauernden Chronologie der letzten Wochen ist offensichtlich, dass dieser finale Schritt eine lang geplante Choreographie von Russland war und dementsprechend als Aggressor identifiziert werden kann, nachdem ein Orchester aus vermeintlichen False-Flag-Aktionen, ukrainischen Aggressionen und Kriegsrhetorik den Narrativ vielerorts bestimmten und somit Stimmung für einen Krieg in der Ukraine gesorgt haben.

Kurz vor Mitternacht veröffentlichte der Vorsitzende der Donezker Volksrepublik, Denis Puschilin, zwei Dokumente. Unerheblich ist dabei, dass die Dokumente auf den 22. Februar datiert und damit bereits einen Tag früher angefertigt und unterzeichnet wurden. Diese beinhalten die Bitte einer russischen Intervention, um die derzeit andauernden Gefechte in der Ukraine bzw. entlang der Frontlinien zu unterbinden. Zudem beanspruchen die Volksrepubliken von Donezk und Lughansk den gesamten Donbass und damit das Doppelte ihres derzeit gehaltenen Territoriums. Diese Ansprüche werden von Russland unterstützt, weshalb dadurch in Folge der Anerkennung der beiden Staaten eine Legitimation für einen Krieg in der Ukraine gefunden werden konnte.

Dies war der Startschuss, doch bereits über den gesamten Mittwoch intensivierten sich die Gefechte entlang der gesamten ostukrainischen Frontlinie. Das OSZE vermeldete eine Verdoppelung der gemeldeten Kämpfe, Explosionen und Angriffe auf 1.200 Vorfälle. Die Regierung von Lughansk erklärte, dass kurz nach dem Russland-Beistand ukrainische Kräfte entlang der gesamten Front angegriffen hätten, ohne aber Beweise vorzulegen. Über den gesamten Tag hinweg kam es zudem zu Hackerangriffen auf das Telekommunikationsnetz, Webseiten der ukrainischen Regierung und verschiedenen Banken. Die digitale Komponente des modernen Krieges wurde bereits schon früh vorausgesehen und wird sich in den kommenden Tagen höchst wahrscheinlich nur noch intensivieren.

Dass die Situation in der Ukraine im Monat Februar erneut eskalieren würde, war bereits früh abzusehen. In den Monaten zuvor verlegte Russland einen Großteil seiner mobilen Streitkräfte an die ukrainisch-russische Grenze. Dies wurde mit den alljährlichen Trainingsmanövern begründet, jedoch war diese Entwicklung äußerst ungewöhnlich: Übungen werden normalerweise mit den vorhandenen Truppen innerhalb der insgesamt fünf Militärbezirke durchgeführt, in diesem Falle wurden jedoch russische Soldaten aus dem ganzen Land zusammengezogen, vor allem auch aus Sibirien. Mindestens 190.000 Soldaten sind daran laut dem OSZE beteiligt, darunter auch einige Einheiten der Nationalgarde wie tschetschenische Gruppierungen rund um den Verbündeten Ramsan Kadyrow. Zudem wurden die Truppenverlegungen auf Belarus und die Krim erweitert, wo sie in behelfsmäßig errichteten Militärquartiere unweit der Ukraine stationiert wurden, wie Satellitenbilder beweisen.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete zwar, das nach dem Ende der Truppenübungen die involvierten Streitkräfte wieder abgezogen und zu ihren Heimatbasen zurückkehren sollte. In Wirklichkeit geschah jedoch das Gegenteil: Ununterbrochen wurden weitere Truppenverbände in die Nähe der Ukraine gebracht, zudem wurden zwar die für die „Übungen“ errichteten Militärbasen teilweise verlassen, Militärverbände stattdessen aber nur näher an die Grenze transportiert. Insbesondere in der Region um Belgorod und Kursk gab es erhebliche Truppenbewegungen zu verzeichnen. Dieses Szenario ähnelt dem Georgienkrieg im Jahre 2008, wo fünf Tage vor Anbeginn des Konfliktes Russland ebenfalls verkündete, in Folge eines abgeschlossenen Trainings ihre Soldaten abziehen zu wollen.

Im Donbass folgten daraufhin eine Reihe von False-Flag-Aktionen durch die Volksrepubliken, die bei der russischen und lokalen Bevölkerung die Motivation für weitere Eskalationen und den Krieg heben sollten. Diese wurden auch entsprechend dankbar von medialen Narrativen übernommen, obwohl darunter sehr offensichtliche Inszenierungen waren: Über die polnischen Spezialeinheiten die ein Ammoniaklager sprengen wollten, über Videobeweise die bereits zehn Tage vor der Tat aufgenommen wurden, ukrainische Selbstmordattentäter im Zentrum von Donezk oder ukrainischen Einheiten, die problemlos separatistische Gebiete durchqueren konnten, nur um dann russisches Territorium zu betreten und dort getötet zu werden geht die Liste lang. Auch hier gilt wie in jedem Krieg: Die Wahrheit stirbt zuerst.

Ein Gedanke zu „Russland marschiert in die Ukraine ein“

  1. Es wäre schön, wenn Sie in Ihrer Berichterstattung zum Ukraine-Konflikt ein wenig den zeitlichen und politischen Kontext erweiteren würden. Stichworte:
    – Wegputschen einer legitim gewählten, demokratischen Regierung in Kiew im Februar 2014, unter aktiver Mithilfe westlicher Staaten
    – Aufleben und Tolerieren faschistoider, politischer und paramilitärischer Bewegungen unter der neuen Putschregierung (Stichwort Asow)
    – Kampagne gegen alles Russische, womit ein großer Teil der eigenen Bevölkerung eingeschlossen wurde (Korsun, Odessa)
    – Donezk und Lugansk sind das Ergebnis des Putsches von 2014, wer erhob die Waffen zuerst, die Dortige oder das Kiewer Regime?
    – Wer war für die Umsetzung der Vereinbarungen von Minsk (1 und 2) verantwortlich?
    und so weiter …
    – Militärhilfe westlicher Staaten für die Ukraine
    – und nicht zuletzt, ein Punkt um den es ganz wesentlich geht: Torpedierung von North Stream, um US-Frackinggas verkaufen zu können und einen weiteren Keil zwischen Russland und Mittel- und Westeuropa treiben zu können.
    Freundliche Grüße

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