Stellvertreterkrieg durch die Hintertür

Vor zwei Jahren startete im Norden Äthiopiens ein Krieg zwischen Zentralregierung und der Tigray-Volksbefreiungsfront (TPLF), der innerhalb weniger Monate zu einem das gesamte Land umfassenden Krieg eskalieren würde. Während Millionen Menschen hungern oder ethnischer Diskriminierung ausgesetzt sind, verkommt der Konflikt in Äthiopien immer weiter zu einem Stellvertreterkrieg mit internationaler Beteiligung, vor allem der Nahe Osten setzt ein immer größeres Interesse in das Horn von Afrika. Seit den letzten Monaten hat sich eine brüchige Waffenruhe eingerichtet, die letzten Endes die Wiederherstellung des Status Quo und damit der alten Grenze markiert, da beide Seiten eingesehen haben, sich nicht militärisch gegenseitig besiegen zu können. Aufgrund dessen nutzt die äthiopische Regierung nun das Nachbarland Eritrea als Stellvertreterarmee, um damit weiter gegen die TPLF vorgehen zu können, während man selber eine gesamte Region unter Belagerung stellen möchte.

Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass es zu Kriegshandlungen entlang der eritreisch-äthiopischen Grenze gekommen ist. Über die meiste Zeit des Tigraykrieges handelt es sich sogar um eine aktive Front, nach überstürzten Vorstoßversuchen der eritreischen Armee, gepaart mit Beschwichtigungsversuchen von Seiten dem Präsidenten Abiy Ahmed, konnte Eritrea einige wenige Grenzgebiete bis heute kontrollieren. Äthiopien und Eritrea verneinen jegliche Beteiligung des Landes in den aktiven Kriegshandlungen, die Situation auf dem Boden spricht jedoch eine andere Sprache. Gerade dann, wenn man es mit den relativ erstarrten Frontlinien in der Tigray-Region vergleicht.

Neben regulären Kampfhandlungen bildet Eritrea konkret etliche Milizen in Äthiopien aus, darunter die rechtsextreme und für ihre ethnischen Massaker bekannte FANO-Miliz, die sich aus der Ethnie der an Tigray angrenzenden Amhara rekrutiert. Flüchtlinge beschreiben oft die Kriegsverbrechen, die von der eritreischen Armee begangen wurden, darunter etliche Säuberungen und Ermordungen von Frauen und Kindern. Vor 24 Jahren waren die damals noch in ganz Äthiopien regierende Tigray-Befreiungsfront und Eritrea im Krieg zwischen den beiden Ländern erbitterte Rivalen, den Erstere für sich entscheiden konnten. Seitdem herrscht zwischen den beiden Fraktionen ein Kalter Krieg, welcher nun reaktiviert werden konnte.

Effektiv erfüllt die eritreische Armee die Funktion eines Stellvertreters im gegenwärtigen Konflikt, während die äthiopische Regierung versucht ihre Wunden nach jahrelangen Gefechten zu lecken und aufgrund ausbleibender Erfolge zu einer eher diplomatischen und wirtschaftlichen Kriegsführung übergeht, kann das kaum beachtete Eritrea weiterhin bei der TPLF erhebliche Verluste verursachen. Dies geschieht in Kooperation mit Äthiopien, welche mit der Unterstützung der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emirate und dem Iran eine effektive Drohnenflotte aufbauen konnte, die in den urbanen Zentren von Tigray Angst und Schrecken verbreiten. Am Ende steht dahinter die Hoffnung, das bereits von Hungersnöten und Armut betroffene Nordäthiopien weiter zur Aufgabe zu zwingen und damit die Machtbasis der Tigray-Befreiungsfront, die Popularität innerhalb der Bevölkerung, zu zerstören.

Ursprünglich sollte der Tigray-Konflikt Premierminister Abiy zufolge nur drei Wochen andauern und ein Ende der rebellischen Provinz an der nördlichen Grenze bedeuten. Stattdessen sieht sich Äthiopien seit über einem Jahr mit einem Krieg konfrontiert, an denen immer mehr Kräfte und Länder beteiligt werden, ein Ende dieser Eskalationsspirale ist nicht in Sicht. Zu Beginn gab es Optimismus für die Regierung, nach einem Monat waren weite Teile der Tigray-Provinz unter föderaler Kontrolle, darunter sämtliche Autobahnen und größeren Städte wie die Provinzhauptstadt Mekelleh. Jedoch begann ab diesem Zeitpunkt die zweite und elementare Phase des Krieges erst: Der brutale Abnutzungskrieg der TDF, die im Hinterland und auf gebirgigen Terrain erfolgreich Guerillataktiken anwenden und mit der Unterstützung der lokalen Bevölkerung den Feind wieder vertreiben konnten.

Sieben Monate später wurde Mekelleh nahezu kampflos wiedererobert, wobei bis zu 4.000 Soldaten gefangen genommen wurden. Derweil schwappte der Konflikt in die Nachbarländer über, ungeklärte Grenzverläufe mit dem Sudan führten Ende 2020 zu Spannungen und Scharmützeln mit Verletzten auf beiden Seiten, während Eritrea bis heute Teile Tigrays besetzt hält und dort ethnische Säuberungen und Raub begangen haben sollen. Selbst somalische Kämpfer sollen involviert sein, jedoch ist dies nicht bestätigt. Die Türkei und Vereinigten Arabischen Emirate liefern neuerdings Waffen und Kampfdrohnen an die Zentralregierung, während sich andere Staaten bisher zurückhalten.

Äthiopien galt noch vor kurzem als Staat mit optimistischer Zukunftsperspektive, als stabiler internationaler Verbündeter inmitten einer von Armut und Hunger geschundenen Region der Welt, welches mit dem Tigray-Konflikt aber wohl ein jähes Ende fand. Rund 400.000 Menschen sind in Tigray auf internationale Hilfslieferungen angewiesen, Tausende von Zivilisten wurden getötet und 2,5 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht, ein Großteil davon in Richtung Kenia und dem Sudan. Mit dem zunehmend autoritären Führungsstil von Abiy verschlechtert sich zudem auch die politische Situation in Äthiopien, neben der Einschränkung von Freiheiten führt dies zu verstärkten ethnischen Spaltungen und Konflikten innerhalb dieses Vielvölkerstaates.

Anlass des Konfliktes waren der Angriff der TDF auf mehrere Militärbasen entlang der äthiopisch-eritreischen Grenze, die wichtiges Militärequipment enthielten. Zuvor kam es immer wieder zu Spannungen zwischen der regionalen Tigray-Regierung und der Wohlstandspartei unter Premierminister Abiy. Unter anderem wollte die TPLF sich nicht der Parteienallianz unter Abiy anschließen, zudem führten sie landesunabhängige Entscheidungen durch, wie z.B. die Durchführung von Regionalwahlen, nachdem die Zentralregierung aufgrund der Corona-Pandemie sämtliche Wahlen vertagt hatten. Außerdem stellte die TPLF von 1991 bis 2018 nach dem Sturz der Derg-Diktatur eine autoritäre Regierung, welche erst nach schweren Protesten der Bevölkerung von Abiy und seinem politischen Bündnis abgelöst wurde.

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