Rückzug aus dem Jemen?

Noch sind die Gerüchte mit Vorsicht zu genießen, jedoch wäre ihre Wahrheit eine kriegsentscheidende Entwicklung für den Jemen: Nach den jüngsten tödlichen Drohnen- und Raketenangriffen auf die Städte Abu Dhabi und Dubai durch die schiitisch-zaidischen Houthi-Rebellen kündigen die Vereinigten Arabischen Emirate vorerst einen partiellen Rückzug ihrer Militärintervention aus dem Bürgerkriegsland Jemen an, in dem sie zusammen mit Saudi-Arabien seit 2015 federführend agieren. Dies wäre ein großer Sieg für die Aufständischen, die seit Jahren in regelmäßigen Abständen Drohnenangriffe auf die zwei bereits genannten Staaten durchführen, die vor allem der Wirtschaft schweren Schaden zufügen. Zumindest bestätigt ist die auslaufende Unterstützung für verschiedene, den Houthis feindlich gegenüberstehenden Milizen im Land, die in den letzten Wochen als Einzige einige Erfolge erzielen konnten.

Stein des Anstoßes für die Gerüchte war die offizielle Verlautbarung, dass sich eine südjemenitische Miliz, die sogenannte „Gigantenbrigade“, aus den derzeitig zwischen ihnen und den Houthis umkämpften Regionen in Zentraljemen zurückziehen und sich stattdessen wieder auf die Verteidigung der südjemenitischen Gebiete konzentrieren möchte. Die Gigantenbrigade wird neben vielen anderen südjemenitischen Regierungsanhängern und Separatisten von den Vereinigten Arabischen Emirate unterstützt, da sie traditionell gute Beziehungen besitzen und zudem die VAE dadurch Zugriff auf die Wasserwege zwischen Persischen Golf und Roten Meer erhält. Diese Kämpfer waren oftmals ein entscheidender Faktor im Kampf gegen die Houthi-Rebellen, rebellierten teilweise aber auch gegen den eigenen Verbündeten, der jemenitischen Exilregierung mit dem Ziel eines unabhängigen Südjemens.

Die Gigantenbrigade, welche aus großen Teilen aus salafistischen Stämmen rekrutiert wird, war seit November auf einer Gegenoffensive in dem zentraljemenitischen Distrikt Shabwah, nachdem die Houthis ihn innerhalb weniger Wochen zuvor erobern konnten. Seitdem konnte die Brigade mit direkter Militärunterstützung in Form von Luftschlägen von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emirate viele Gebiete in Shabwah wiedererobern, darunter die größte Stadt des Region namens Harib. Nach diesen durchaus beachtlichen Erfolgen ist diese 180-Grad-Wende umso überraschender, da die Offensive eigentlich wohl noch lange nicht vorbei war. Die Houthis können dadurch aufatmen und damit mehr Ressourcen auf die weiter nördlich gelegene Stadt Marib zuwenden, welches für die Öl- und Gasproduktion ein bedeutender Ort ist.

Die jüngsten Drohnen- und Raketenangriffe auf die Vereinigten Arabischen Emirate waren wohl ein schmerzhaftes Wachrütteln, dass die Militärintervention im Jemen kein abstraktes Unternehmen war, sondern ganz direkte Konsequenzen nach sich zieht. Während die Drohnen selber relativ wenig Schaden angerichtet haben, dienen sie vor allem als Abschreckung und Warnung gegenüber den größten Einkommensquellen des Golfstaates: Tourismus und internationale Investoren, welche wenig darin interessiert, in einem von Krieg betroffenen Land reisen bzw. investieren zu wollen. Dieses große Risiko können die VAE nicht eingehen, vor allem da die Interessen der Emirate im Jemen nicht unbedingt in direkter Konkurrenz zu den Houthis stehen. Denn den VAE geht es vor allem um die Kontrolle der Wasserwege der Region und mögliche weitere Investments wie in der jemenitischen Socotra-Insel, welche als Urlaubsparadies gilt und in den letzten Jahren von emiratischem Geld überschwemmt wurde.

Bei den Aktionen im Januar handelt es sich nicht um die ersten Angriffe der Houthi-Rebellen mithilfe ihrer „Samad-3“-Angriffsdrohnen und anderen Waffensystemen auf die Vereinigten Arabischen Emirate. In der Vergangenheit gab es bereits einen weitere Militäroperation auf den King-Khalid-Flughafen, der mehrere LKWs vor Ort zerstören konnte. Ein Jahr nach dem Angriff wurden Kameraaufnahmen von dem Tag veröffentlicht, die den Einsatz einer Drohne beweisen, nachdem die VAE zuvor erheblichen Widerstand gegen diese Darstellung leisteten. Außerdem wurde 2019 das sich noch im Bau befindliche Atomkraftwerk „Barakah“ im Golfstaat mithilfe einer eigens entwickelten Marschflugkörpers bombardiert, jedoch ist nicht mehr über diesem Vorfall bekannt.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind nach Saudi-Arabien wohl das zweitwichtigste Mitglied in der Arabischen Koalition im Kampf gegen die Houthi-Rebellen im Norden des Jemens. Das Land unterhält mehrere Militärbasen und unterstützt vor allem die südjemenitische Unabhängigkeitsbewegung und nicht direkt die Hadi-Regierung, wie sie von Saudi-Arabien finanziert wird, zuletzt bei einer Militäroffensive gegen die Houthis im Shabwah-Distrikt im Zentraljemen. Der Golfstaat hat seit seiner Intervention 2015 Hunderte Soldaten und Fahrzeuge im Kampf gegen die Houthis verloren. Innenpolitisch trifft die scheinbar ausweglose und erfolglose Operation im Jemen immer auf höhere Kritik, zuletzt erhöhte man den Wehrdienst auf 16 Monate.

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