Türkei bombardiert kurdische Grenzdörfer tagtäglich

Überreste eines Wohnhauses in Abu Rasayn, welches immer wieder von der Türkei und Verbündeten angegriffen wird

Das Leben im Nordosten Syriens hat sich seit der letzten großen Militäroffensive der türkischen Streitkräfte mit der Unterstützung lokaler syrischer Islamisten drastisch verändert: Insbesondere entlang der neu gezogenen Frontlinie zwischen Türkei und dem arabisch-kurdischen Milizenbündnisses der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) ist der Alltag von Zerstörung und Hilflosigkeit geprägt, in den letzten Wochen des Jahres 2021 war es eine nahezu tagtägliche Erscheinung, den eigenen Ort als Ziel von Artillerie- und Raketenangriffen erleben zu müssen. Gerade in den letzten Tagen haben derartige Ereignisse massiv zugenommen, etliche Häuser und Existenzen zerstört, während mehrere Zivilisten getötet wurden. Dies nährt die Angst vor einer neuen Offensive und einer erneuten Flucht, trotz der Präsenz der USA, Russland und der syrischen Armee.

Hauptaustragungsort ist die Region um die Stadt Tel Tamr, welche sich seit Jahren gezielten Angriffen seitens der Türkei ausgesetzt sieht und sich am Randgebiet der syrisch-türkisch besetzten Region in Nordostsyrien befindet. Im Dorf Abu Rasayn beispielsweise wurde die örtliche Moschee und mehrere Wohngebäude von Mörsergranaten getroffen, die zum Tod einer Frau und eines Babys führten. Weitere Zivilisten wurden verletzt. Das Geschehen von Abu Rasayn am 30 Dezember ist exemplarisch für das Alltagsleben an der Frontlinie, wo regulärer Straßenverkehr immer wieder Angriffen seitens der von der Türkei aufgebauten und unterstützten „Syrischen Nationalarmee“ (SNA) ausgesetzt sind und Bauern und deren Viehherden von Scharfschützen als Zielübungen missbraucht werden. Ein größeres Ziel scheint dabei nicht verfolgt zu werden, angebliche Truppenbewegungen dienen dabei als Legitimation für die Bestrafung der Anwohner.

Tel Tamr verfügt zudem über einen Militärstützpunkt der syrischen Armee, der in der Vergangenheit ebenfalls Attacken ausgesetzt war, ebenso führen russische Soldaten dort regelmäßig Patrouillen durch. Dies geschah nach dem geplanten Truppenabzug der USA unter dem ehemaligen Präsidenten Trump, der zu einem Machtvakuum im Nordosten Syriens führte, welches auf diplomatischen Wege durch Russland und der syrischen Regierung und auf militärischem Wege durch die Türkei gefüllt wurde. Effektiv sollen sie auch weitere Angriffe der Türkei verhindern, die Realität spricht jedoch eine andere Sprache, vor allem da die etlichen syrischen Milizen unter türkischen Kommando grundsätzlich eigenständig agieren und damit wenig Interesse an Verhandlungen und Waffenruhen hegen. Dementsprechend pessimistisch sieht die lokale Bevölkerung die Chancen für eine neue türkische Offensive, die ihr Einflussgebiet damit erheblich vergrößern würden.

Die Folgen einer solchen Operation wären offensichtlich, wie die Vergangenheit bereits in Afrin oder Tel Abyad gezeigt hat. Die christliche Minderheit, welche sowohl in Ain Issa als auch Tel Tamr vergleichsweise stark vertreten ist, fürchtet die Herrschaft der Türkei bzw. ihrer syrischen Stellvertreter. Daran Schuld ist vor allem das Verhalten der Islamisten: Die „Syrische Nationalarmee“ ist ein türkischer Versuch, die verschiedenen islamistischen Milizen unter der eigenen Schirmherrschaft in Afrin und Nord-Aleppo zu vereinen, faktisch jedoch existiert keine gemeinsame Struktur und Organisation. Stattdessen kommt es immer wieder zu Plänkeleien um Macht und Einfluss zwischen den verschiedenen Gruppierungen, die oft auf den Rücken der Bevölkerung ausgetragen werden.

Bereits heute wiederholte sich das Afrin-Szenario in Nordsyrien: Massenvertreibung Zehntausender Kurden, Christen und anderer Minderheiten, Zunahme von ethnischen Konflikten zwischen Arabern und Kurden durch die aufgezwungene Deportation syrischer Flüchtlinge in den traditionell kurdischen Gebieten, die Zerstörung von kurdischen und religiösen Kulturgütern wie z.B. Friedhöfe oder Schreine oder die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen. in Tel Abyad wurden beispielsweise mehrere Familienmitglieder entführt, damit man von den Verwandten Lösegeld fordern kann, ein Großteil der ehemals kurdischen Läden und Häuser wurden von Islamisten konfisziert und zum eigenem Wohnsitz umfunktioniert. Derweil schickt die Türkei die ersten Flüchtlinge aus anderen Teilen des Landes nach Tel Abyad, um einen forcierten demographischen Wandel durchzuführen.

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