Huthi-Rebellen rücken weiter vor

Vor zwei Jahren einigten sich alle Kontrahenten im jemenitischen Konflikt auf einen vorübergehenden Friedensvertrag, das sogenannte Stockholm-Abkommen sollte das Leiden der Bevölkerung mindern und mithilfe der UN und einer demilitarisierten Zone an der Hafenstadt al-Hudaydah einen Korridor für Lebensmittel erschaffen, aber auch im ganzen Land die Waffen ruhen lassen. Während letzterer Wille bereits früh wieder Abschied nahm, unter anderem in der nordjemenitischen Provinz Marib, wo die schiitisch-zaidischen Houthi-Rebellen neue Erfolge feiern und von drei Seiten auf die Stadttore angerückt sind, hielt der brüchige Friede in al-Hudaydah – bis jetzt. Nach dem Rückzug regierungsfreundlicher Kräfte und der Vereinigten Arabischen Emirate aus dem Gebiet starteten die Houthis, offiziell bekannt als Ansar Allah, eine Gegenoffensive und konnten die Frontlinien nahezu auf das Jahr 2018 zurückdrehen. Die Schlacht um al-Hudaydah ist damit entschieden.

Den Zusammenbruch des vor zwei Jahren beschlossenen Stockholm-Abkommens wurde faktisch mit dem Rückzug regierungsfreundlicher Kräfte aus der Hafenstadt al-Hudaydah markiert. Etliche südjemenitische Milizen und Armeeeinheiten, die massive Unterstützung durch die Vereinigten Arabischen Emirate erhielten, zogen sich rund 80 Kilometer entlang der Küstenstraße nach al-Hudaydah zurück, dessen Gebiet kurzerhand von den Houthis erobert wurde. Derzeit dauern schwere Gefechte entlang den Orten Hays und al-Khawkha an, die Houthi-Rebellen werden wohl versuchen bis zum Hafenort Mokka vorzustoßen, so wie die Frontlinien in der Region vor drei Jahren waren. Al-Hudaydah selber rückt damit wieder in die sicheren Hände der schiitischen Aufständischen, welcher von elementarer Bedeutung war: Nicht nur handelt es sich um den letzten größeren Hafen der Houthis, sondern ist zugleich zuständig für rund die Hälfte der jemenitischen Lebensmittelimporte. Eine faktische Eroberung hätte also die bereits im Land herrschende Hungersnot intensiviert.

Houthi-Kämpfer konnten erfolgreich die Gebiete südlich von Marib erobern und damit nicht nur im Westen, sondern auch im Süden und teilweise im Norden bis an die Stadttore der Stadt vorrücken. Einzig die Gebirgskette al-Jadidah dient als natürliche Barriere, die entsprechend schwer auch befestigt und verteidigt wird. Derzeit dauern entlang dieses Walls schwere Kämpfe an, eine Niederlage würde für beide Seiten ein kurz- und mittelfristiges Ende von Marib bedeuten. Die nächsten Tage und Wochen werden also entscheidend sind. Womöglich wiederholt sich hier auch das Szenario aus dem Osten: Den Houthis gelingt kein Durchbruch, sie stehen aber nur wenige Kilometer von den Stadtgrenzen entfernt und bedrohen sie damit dauerhaft.

Blau markiert die kürzlich von den Houthis wiedereroberten Gebiete entlang der Küstenstraße

Marib kann auf eine lange Geschichte zurückblicken, besonders im jemenitischen Konflikt nahm er eine besondere Rolle ein. Denn eigentlich besitzt die Stad lediglich 20.000 Einwohner. Diese Bevölkerungszahl konnte sich aber in Folge des Krieges vervielfachen, einigen Schätzungen zufolge halten sich zwei Millionen Flüchtlinge in der Provinz auf. Grund hierfür ist die Herrschaft der Islah-Partei, dem inoffiziellen jemenitischen Ableger der Muslimbruderschaft. Diese konnte bisher relativ erfolgreich ihre Territorien aus den Gefechten heraushalten, auch wenn sie offiziell die Exilregierung unter Präsident Mansour Hadi unterstützen und von Saudi-Arabien und Katar finanziert werden. Die Islah-Partei musste jedoch enorm an Einfluss einbüßen, insbesondere seit Anbeginn der Houthi-Offensive und wird allgemein als Buhmann innerhalb der Regierungskoalition gesehen, viele Jemeniten sehen die Muslimbruderschaft als heimliche Unterstützer der Houthis, obwohl es hierfür keine Beweise gibt.

Die Eroberung von Marib würde viele neue Fronten eröffnen, darunter ein Angriff auf den letzten jemenitischen Grenzübergang zu Saudi-Arabien, al-Wadiah. Zudem liegen dort viele Bohrtürme und Raffinerien, welches eine der letzten Einnahmequellen für die jementische Regierung darstellt. Gerade in der Wüste im Osten des Jemens wäre es aufgrund der schieren Größe nahezu unmöglich, dauerhafte Verteidigungen und Patrouillen einzusetzen und somit wichtige Ressourcen von den aktiven Frontlinien im Südwesten des Landes abzuziehen, auch wenn die Houthi-Rebellen in der Vergangenheit wenig effektiv in diesem Terrain waren. Bereits heute soll es in der Wüste feste Schmugglerringe geben, die beispielsweise Waren und Waffen von der omanischen Grenze zu den Houthi-Gebieten schaffen. Stattdessen würden kleinere Verbände an Houthi-Kämpfern die Grenzstädte zur Wüste attackieren, ähnlich den asymmetrischen Taktiken des Islamischen Staates in Syrien und dem Irak. Vor allem aber wäre es auch eine Botschaft an die Golfstaaten, welche vor inzwischen sechs Jahren in den Konflikt auf Seiten der Regierung eingriffen. Die Eroberung von Marib wäre eine Rückkehr nach 2014, weite Erfolge der Golfstaaten-Intervention würden damit zunichte werden.

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