Drohnenattentat auf irakischen Premierminister

In der Nacht zum Sonntag kam es in der irakischen Hauptstadt Bagdad zu brutalen Zusammenstößen zwischen den nationalen Sicherheitskräften und unbekannten Tätern, dessen Höhepunkt in einem Drohnenangriff auf den irakischen Premierminister Mustafa al-Kadhimi in seinem Wohnhaus fand, die ihn und zehn weitere Menschen leicht verletzte. In einem wenig später veröffentlichten Fernsehauftritt von al-Kahdimi rief er zur Ruhe und Zurückhaltung auf, erklärte aber zugleich den Ausnahmezustand im Land. Noch kurz zuvor drohten diverse schiitische Milizen mit Racheangriffen auf ihn, da er seit Amtsantritt als irakischer Nationalist agiert und dabei die Rechte und Befugnisse ebendieser Gruppierung beschneidet, welches in Kombination mit der Niederlage schiitischer Bündnisse bei den letzten Parlamentswahlen an Einfluss verlieren. Damit tritt der Kampf um Einfluss zwischen den USA, Iran und Nationalisten öffentlich hervor, der nun wohl eine neue Phase starten wird. Möglicherweise ist eine oft vergessene Gruppe aber der wahre Täter.

Ort des Geschehens war die „Grüne Zone“ inmitten von Bagdad, welche aufgrund ihrer Relevanz als Regierungsstandort und amerikanischen Botschaft schwer befestigt und für die „allgemeine Bevölkerung“ normalerweise nicht zugänglich ist. Dementsprechend schwer war wohl der Angriff, der von Anwohnern mit mehreren Explosionen und schweren Waffeneinsatz beschrieben wurde. Das irakische Militär bestätigte einen derartigen Angriff von unbekannten Kämpfern, gepaart mit dem Einsatz von drei Angriffsdrohnen, wovon zwei rechtzeitig abgeschossen werden konnten. In der selben Nacht trafen sich Oppositionsparteien, um intern die Wahlen zu analysieren und eine Nacht zuvor kam es zu schweren Protesten, da das Land weiterhin von Korruption und Armut betroffen ist.

Getroffen wurde die Residenz des scheidenden Premierministers, veröffentlichte Videos zeigen einige Beschädigungen am Eingang des Gebäudes. Einigen Medienberichten zufolge wurde al-Khadimi und zehn weitere Sicherheitskräfte dabei leicht verletzt, während die Regierung von einem unversehrtem Premier spricht. Inzwischen wurden einige Überreste der wohl eingesetzten Drohnen gefunden, die stark nach einem Quadrocopter aussehen, an den mehrere Abwurfgranaten/-geschosse montiert wurden, die dann im richtigen Moment über dem Haus fallen gelassen wurden. Derartige Methoden wurden bereits vor fünf Jahren vom Islamischen Staat genutzt, dementsprechend primitiv und von vielen verschiedenen Gruppen einsetzbar ist diese Technik.

Damit verbreitet sich das mögliche Täterfeld, jedoch gelten zwei mögliche Gruppierungen als wahrscheinlichste Angreifer: Einerseits der bereits erwähnte Islamische Staat, welcher seit Jahren Zugriff zu eigens konstruierten Drohnen besitzt und auch in unregelmäßigen Umständen Anschläge in und um Bagdad verübt, jedoch keine derartigen Drohnenangriffe. Aufgrund dem Einsatz eines für jedermann kaufbaren Quadrocopters könnte die Terrormiliz auch problemlos solche Waffen einsetzen, obwohl sie faktisch kaum noch Territorium im Irak kontrollieren. Sie hätten ein Interesse an der zunehmenden Spaltung und Eskalation, die derartige Angriffe hervorrufen. Insbesondere deswegen, da in erster Linie schiitische Milizen der Tat verdächtigt werden, weswegen es sich auch um die zweite potentielle Gruppierung handelt.

Als Rückgrat im Kampf gegen den Islamischen Staat waren die innerhalb des Milizenbündnisses der „Volksmobilisierungseinheiten“ (PMF) oder Hashd al-Shaabi gegründeten Einheiten unabdingbar um nicht nur die schiitische Heimat im Südirak zu beschützen, sondern auch den IS insgesamt zu zerschlagen. Seit dem „Sieg“ über die Dschihadisten wurden sie ein offizieller Bestandteil der irakischen Streitkräfte und zu einem Macht- und Einflussgarant des Irans, die zumindest einige Kräfte wie die Badr-Einheiten und Kataib Hisbollah finanziell und logistisch unterstützen. Damit rücken sie in Konkurrenz mit den USA, auf dessen Militärbasen sie immer wieder Drohnen- und Raketenangriffe durchführen, und schiitisch-nationalen Kräften wie dem Sadr-Block, die zugunsten pro-iranischer Parteien die Wahl für sich entscheiden konnten. Auch sie führten wie bereits erwähnt Drohnenangriffe durch, meistens jedoch dank iranischer Technik mit weiterentwickelten Drohnen, sehr selten mit Quadrocoptern.

Aufgrund dieser Umstände und der schwindenden Popularität gegenüber einem relativ beliebten Premierminister wäre ein tatsächlicher Angriff nahezu suizidal, gerade in solch einer fluiden Situation wie derzeit im Irak. Es ist gut möglich, dass eine radikalere und kleinere schiitische Miliz hinter der Operation steckt, die ohne weitere Absprachen oder iranische Unterstützung diesen Angriff durchgeführt hat und damit als „Einzeltäter“ agiert. Nichtsdestotrotz wird diese Differenzierung wohl nicht bei den politischen Reaktionen stattfinden, die ohnehin schon stark polarisiert sind. Ein direkter Angriff auf den irakischen Premierminister ist eine bis dato nicht dagewesene Eskalationsstufe und könnte in den kommenden Tagen als Legitimation dafür genutzt werden, die etlichen schiitischen Milizen weiter zu bekämpfen bzw. sogar zur Auflösung zu zwingen. Die sich erst neulich konstituierende Regierung des Iraks wird sich damit mit den Problemen konfrontiert sehen, mit denen etliche Regierungen zuvor konfrontiert waren: Der ewige Machtkampf zwischen USA und Iran mit ihren jeweiligen Stellvertretern.

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