Islamischer Staat massakriert Dorf im Irak

Wie gefährlich der Islamische Staat trotz des Verlustes sämtlicher Territorien in Syrien und Irak noch sein kann, wurde in den letzten 48 Stunden eindrucksvoll bewiesen: Nordwestlich der irakischen Hauptstadt Bagdad wurden bis zu 50 Zivilisten nach schweren Kämpfen in der Provinz Diyala ermordet, allesamt Angehörige eines Stammes, die in tiefer Feindschaft gegenüber der Terrormiliz stehen und im April diesen Jahres der Organisation aufgrund ständiger Angriffe den Krieg erklärt haben. Dazu nutzte der IS einen Geiselaustausch als Falle, woraufhin die gefangen genommenen Dorfbewohner ebenfalls exekutiert wurden. Die Situation eskalierte am Folgetag noch mehr, als Stammeskämpfer als Racheaktion das verfeindete Nachbardorf überfielen und dabei zehn weitere Menschen töteten, wodurch der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten weiter angeheizt wird.

Die Vorfälle fanden im Dorf al-Rashad in der Provinz Diyala statt, rund 100 Kilometer von Bagdad entfernt. In der Region besitzt der Islamische Staat ein wichtiges Rückzugsgebiet, welches es trotz etlicher Säuberungskampagnen der irakischen Streitkräfte erfolgreich halten und verteidigen konnte, sehr zum Unmut der umliegenden Bevölkerung. Denn gerade in der Nacht treten die verbliebenen IS-Kämpfer aggressiver um, verlangen Schutzgeld- bzw. Steuerabgaben der Einwohner und können nach Belieben Feinde entführen oder töten. So geschah es auch in al-Rashad, als plötzlich in der Nacht dutzende Dschihadisten auftauchten und das Dorf ohne nennenswerten Widerstand unter ihre Kontrolle bringen konnte. Was folgte war Mord und Zerstörung, die derzeitigen Schätzungen reichen von 40 bis 50 getötete Menschen, die große Mehrheit davon waren Frauen und Kinder, die exekutiert wurden. Zudem wurden mehrere Gebäude in Brand gesetzt, erst Stunden später konnte das irakische Militär den Ort wiedererobern.

Parallel dazu fand ein Geiselaustausch zwischen dem Islamischen Staat und Mitgliedern des schiitischen Bani-Tanim-Stammes statt, nachdem Letztere der islamistischen Organisation im April offiziell den Krieg erklärten. Hier sind die Angaben aber ungenau, von vier bis zwölf Geiseln ist aus verschiedenen Quellen die Rede, allesamt Teil von Bani Tanim. Jedoch stellte sich dieses Treffen als Falle heraus, sämtliche Geiseln wurden enthauptet und der entsprechende Großangriff auf al-Rashad gestartet. Während sich die Situation im Dorf selber beruhigt hat, gehen anderswo die Kämpfe zwischen lokalen und nationalen Sicherheitskräften gegen IS-Anhänger weiter. Erst gestern starben zwei Polizisten, als sie auf einer Straße nahe dem Dorf Barwahna überfallen wurden.

Eine weitere Eskalation der Situation war der darauffolgende Vergeltungsschlag von Bani Tanim auf das mehrheitlich sunnitische Nachbarsdorf Nahr al-Imam, zu dem es ähnliche Rivalitäten wie zum Islamischen Staat gibt. Bei dem Gefecht wurden zehn Zivilisten getötet und die örtliche Moschee in Brand gesteckt. Die Armee und verschiedene Milizen haben genügend Kräfte in der Region zusammengebunden, damit diese Eskalationsspirale zwischen den Stämmen ein Ende findet. Ob tatsächlich zwischen Nahr al-Imam und der Terrormiliz Kontakte oder Verbindungen existieren ist ungeklärt und eher unwahrscheinlich, in jedem Falle aber verstärkte diese Entwicklung die Spannungen zwischen den zwei Glaubensrichtungen des Islams, vor allem auch da das Geschehen von sunnitischen Extremisten in den sozialen Netzwerken entsprechend instrumentalisiert wird. Insbesondere der IS kann als großer Nutznießer aus der Situation herausgehen, immerhin erhielten sie dadurch nicht nur nach längerer Abwesenheit wieder internationale Aufmerksamkeit, sondern konnten auch die Zerwürfnisse in ihren Feinden verstärken.

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