Türkische Soldaten in Idlib getötet

Vor wenigen Tagen drohte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit einer neuen Militäroffensive gegen ein kurdisches Organisationsbündnis in Syrien mit der Begründung, die ständigen Angriffe und Attentate auf türkische Soldaten zu stoppen und damit dem „Terrorismus“ Einhalt gebieten zu wollen. Nun kam es am Freitag zu einer weiteren Attacke gegen das türkische Militär – jedoch nicht von den Kurden, sondern von den vermeintlich verbündeten islamistischen Kämpfern in der letzten oppositionellen Hochburg Idlib. Eine Guerillagruppe tötete zwei türkische Soldaten auf ihren Patrouillen in der gleichnamigen Provinz, welche in erster Linie Russland und die syrische Regierung vor neuen Militäroperationen abhalten sollen, Idlib aber faktisch zu einem von der Türkei abhängigen Protektorat macht.

Unweit der Stadt Maraat Misrin in der Provinz Idlib detonierte Freitag Nacht eine improvisierte Sprengstoffvorrichtung (IED) auf der M4-Autobahn, welche von der Türkei als regelmäßig Route für ihre Militärpatrouillen und -konvois genutzt wird. Dabei wurde ein Truppentransporter schwer beschädigt, was zum unmittelbaren Tod von zwei Soldaten führte, während fünf Weitere verletzt in die Türkei geflogen wurden. Nur wenig später bekannte sich die islamistische Gruppierung „Ansar Abu Bakr al-Sidiq“ dazu, welche immer wieder Anschläge auf die „türkischen Besatzungstruppen“ in Idlib durchführt und wohl in Kontakt mit al-Qaida stehen soll.

Es ist bei weitem nicht der erste oder tödlichste Angriff, jedoch findet diese Attacke zu einem Zeitpunkt statt, an dem sich die Situation in Syrien wieder zuspitzt, Russland und die syrische Regierung intensivierten ihre Artillerie- und Luftschläge auf die Provinz Idlib, während anderswo Anschläge auf das türkische Militär in Nordsyrien zunehmen und zudem die Türkei erst vor kurzem mit neuen Kampagnen innerhalb des südlichen Nachbarlandes gedroht hat. Darunter fällt vor allem die kurdische Exklave Tel Rifaat, die von lokalen Kräften und der syrischen Regierung gemeinsam verwaltet wird und vor kurzem das Ziel türkischer Aktionen war, darunter dem Abwurf von Flugblättern, die vor neuen militärischen Provokationen warnen.

Die Situation im Norden Aleppos ist komplex: Einst herrschte die SDF bzw. die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten der YPG über das Kanton Afrin im Nordwesten Syriens, ein Teil davon befand sich aber ebenfalls in der Region um der Stadt Tel Rifaat, die nach der Eroberung Afrins durch die Türkei als eine Exklave fungiert. Mit der Ausnahme des Südens liegt Tel Rifaat von islamistischen Kräften umzingelt, entsprechend rational wurde ein Bündnis mit dem letzten verbliebenen Anrainergebiet, jenes der syrischen Regierung im Süden, eingegangen. Dies sieht eine gemeinsame Verwaltung und die Präsenz syrischer und russischer Soldaten in der Region vor, um weiteren türkischen Angriffen vorzubeugen und zugleich das Einflussgebiet der Regierung auszuweiten. Gerade diese Region wird jedoch als Operationsbasis des kurdischen Widerstandes in Afrin genutzt, von dort aus starten regelmäßig Angriffe und Artillerieschläge (mit der Beteiligung der Armee). Dementsprechend lange ist das Gebiet der türkischen Regierung ein Dorn im Auge, welches aber seit jeher den Schutz Russlands und Syriens genießt.

In den al-Ghab-Feldern, eine nach jahrelangem Frieden wieder umkämpfte Region im Südwesten der Provinz Idlib, wurde in den vergangenen Tagen ein riesiger Militärkonvoi der türkischen Streitkräfte gesichtet, besteht aus mehreren Militärfahrzeugen und auch Kampfpanzern und Transporter dafür. In der Region besitzt die Türkei zwei Observierungspunkte, welche eigentlich die zwischen der Türkei und Russland ausgehandelte Waffenruhe beobachten und einhalten sollte. Diese inzwischen immer weiter ausgebauten Militärbasen wurden mehrmals von syrischer Artillerie angegriffen, mehrere türkische Soldaten wurden dabei verletzt oder getötet. Aufgrund dessen baut die Türkei in dem Gebiet seine Präsenz und Macht aus und droht bisweilen auch der syrischen Regierung mit Vergeltungsschlägen. Es wäre nicht überraschend wenn Erdogan nun den derzeit anhaltenden Gefechten von Nord-Hama und al-Ghab einen Riegel vorschieben und effektiv seinen Einflussbereich ausweiten würde.

Auf der anderen Seite steht das nordsyrische Grenzgebiet im Rampenlicht, immer wieder werden Militärkonvois der türkischen Armee in Richtung der Grenze zum südlichen Nachbarn gesichtet, welche vor allem aus Dutzenden Militärfahrzeugen bestehen. Nahe der Stadt Tel Abyad nahe der Grenze hat die türkische Armee mehrere Grenzmauern entfernt, was aber in der Vergangenheit öfters vorkam und kein Anzeichen für eine potentielle Offensive darstellt. Dabei würde das selbe Szenario wie damals in Afrin drohen, islamistische Kämpfer brandschatzen alle Wertgegenstände und Ressourcen der Region, unterdrücken die kurdischen Einwohner und bauen ein Regierungssystem auf, welches alleinig auf Korruption basiert.

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