Russland bombardiert vermehrt Ziele in Idlib

In der letzten noch von islamistischen Kräften kontrollierten Provinz Idlib im Nordwesten Syriens kam es seit Anfang September zu einer massiven Zunahme militärischer Aktionen aller involvierten Fraktionen, insbesondere die russische Luftwaffe nahm nach einer mehrmonatigen Pause wieder ihre Luftschläge auf die gesamte Region auf. Das Säbelrasseln führte bei den beiden größten internationalen Unterstützern der jeweiligen Seite, also Russland und der Türkei, zur Verlegung neuer Truppen entlang der Frontlinien, die seit über einem Jahr von einer wackeligen Waffenruhe geprägt sind. Bisher ist jedoch unklar, ob die nun seit langem mehrmals heraufbeschworene Idlib-Offensive endlich realisiert wird, oder es sich um einen „isolierten“ Vorfall handelt, der keine militärischen oder politischen Konsequenzen nach sich ziehen wird.

In der gesamten Provinz Idlib gibt es Meldungen von russischen Luftschlägen, eine besondere Konzentration ist jedoch im gebirgigen Westen und im Süden vorzufinden, also in all jenen Gebieten, die ohnehin nahe der Frontlinien liegen. Von größeren Städten wie Darat Izza oder Khan Sheikhoun bis zu den Gebirgsketten von Jabal al-Akrad bleiben keine Positionen der Aufständischen verschont. Die Türkei hält sich bisher auffällig bedeckt zu den Vorfällen, verlautbarte weder Kritik noch Reaktionen, auch wenn potentiell einige ihrer vorgeschobenen Militärstellungen entlang der Frontlinien in Gefahr geraten könnten.

Über die potentiellen Ziele einer möglichen Militäroperation lässt sich nur mutmaßen und hängt vor allem von der Türkei ab, die inzwischen mit etlichen Militärbasen und tausenden Truppen in Idlib präsent ist. Dementsprechend reichen die Ambitionen von einer vollständigen Wiedereroberung der Provinz bis hin zur Eroberung der M4-Autobahn, welche die Städte Latakia und Aleppo miteinander verbindet und dabei quer durch Idlib verläuft. Dabei kontrolliert das syrische Militär bereits ein Großteil der M4, lediglich der Abschnitt in Süd-Idlib liegt im feindlichen Territorium und etwa zehn Kilometer von den Armeestellungen entfernt. Dies setzt jedoch voraus, dass es in Wirklichkeit zu einer Militäroffensive kommt. Die vergangenen Monate und Jahre zeugen jedoch von Pessimismus diesbezüglich, da der kurze Ausbruch von Gewalt in Idlib vor allem eines war – kurz.

Möglicherweise besteht auch ein Zusammenhang zu den überraschend wieder aufgenommenen Angriffen der Türkei und ihrer islamistischen Verbündeten auf das arabisch-kurdische Milizenbündnis der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) im Nordosten des Landes. Die Türkei bombardierte mehrmals die Grenzstadt Ain Issa und tötete dabei mehrere Personen, das Ziel und die Absicht dieser Bombardements sind unbekannt. Wo sich die SDF und Opposition eine gemeinsame Grenze teilen, kam es dabei auch zu schweren Gefechten. Mehrere Kampfverbände der pro-türkischen „Syrischen Nationalen Armee“ versuchten, das Dorf Khaldiyah von lokalen SDF-Sicherheitskräften zu erobern. Dieser Angriffsversuch konnte von der SDF mit der Unterstützung der dort ebenfalls präsenten syrischen Armee abgewehrt und sogar umgekehrt werden, sodass man einige Gebiete sichern konnte. Russland tritt dabei zuweilen als Schutzmacht für die SDF auf, nachdem die USA sich nach Ostsyrien zurückgezogen hat.

Diese Spannungen sind wohl Ausdruck der weiterhin existierenden Unklarheiten bezüglich der Situation in der letzten, noch von Islamisten gehaltenen Provinz Idlib. Während die syrische Regierung und Russland zunehmend darauf setzen, die letzten Oppositionsgebiete zu erobern und immer wieder ihre Positionen entlang der Frontlinien verstärken, ist die Türkei inzwischen mit einem riesigen Truppenaufgebot in Idlib aktiv, inklusive Luftabwehrsystemen und etlichen Kampfpanzern. Zudem wurden die gemeinsamen Patrouillen entlang der „demilitarisierten Zone“ in Idlib erst vor kurzem angegriffen, was einen langfristigen Zweck dieser Mitarbeit in Frage stellt, auch da die Türkei keine Schritte zur Bekämpfung der islamistischen Fraktionen unternimmt, die genau derartige Angriffe durchführen. Außerdem konkurrieren die Länder auch in anderen Konfliktherden (Libyen und der Kaukasus) zunehmend gegeneinander.

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