Die neue Gefahr des IS in Afghanistan

Mit dem Selbstmordanschlag auf den Kabuler Flughafen ist der Islamische Staat in Afghanistan nun endgültig in der öffentlichen Wahrnehmung der internationalen Gemeinschaft angekommen, obwohl sie vor vielen Jahren gegründet wurden und immer wieder ein nicht zu unterschätzender Faktor im 20 Jahre andauernden Krieg um Afghanistan war. Mit dem überhastetem Abzug westlicher Armeen und dem damit verbundenen Zusammenbruch der Regierung entsteht im Land ein neues Machtvakuum, in dem dschihadistische Milizen wie der Islamische Staat florieren können. Jedoch steht die Terrormiliz mit der neuen Führung des Landes, den Taliban, in tiefer Rivalität; beide Fraktionen beanspruchen das Land für sich. Mit dem Aufstieg des Islamischen Staates könnten die Taliban nun paradoxerweise auf die Unterstützung der USA im Kampf gegen die Organisation setzen.

Der vor fünf Jahren in der afghanischen Provinz Jawzjan ausgerufene Zweig des Islamischen Staates mit dem Namen „Wilayat Khorasan“ (ISKP), benannt nach der antiken Region, welche Afghanistan, Teile Pakistans, Irans und Turkmenistans umfasst, stellt sich nach der militärischen Niederlage im Nahen Osten als stärkstes Überrest des Kalifats heraus. Seit seiner Existenz konnte es eine bedeutende Präsenz in den Provinzen Jowzjan, Nangarhar, Kunar und Paktia aufbauen, allesamt an der pakistanischen Grenze oder im Norden des Landes. Die meisten IS-Kämpfer besitzen eine militärische Vergangenheit bei dem radikaleren Flügel der Taliban, wenig verwunderlich ist also die Konkurrenz mit den Taliban, zwischen denen es ohnehin erhebliche ideologische Unterschiede gibt. Beispielhaft ist diese Feindschaft am ehemaligen Taliban-Kommandanten Qari Hekmat festzustellen:

Der ehemalig prominente Taliban-Kommandant Qari Hekmat lief 2017 in der Provinz Jawzjan zum Islamischen Staat über und war lange Zeit der Anführer des wohl aktivsten Flügels der ISKP. Mit ihm schlossen sich 400 weitere Kämpfer dem Islamischen Staat an, darunter aus China, Usbekistan und Pakistan. Das kontrollierte Gebiet hatte über mehrere Monate einen dramatischen Wandel erlebt. Viele Frauen wurden zu Sklaven gemacht, Kinder lernten an der Schule den Umgang mit Waffen und Sprengstoffen. Insgesamt flohen vor den Repressalien und den Kämpfen der UN zufolge über 100.000 Zivilisten aus der Region. Diese Schreckensherrschaft fand 2018 ein jähes Ende, als die USA ihn in einem Luftschlag töteten, während die Taliban die Provinz Jawzjan in einer langwierigen Bodenoffensive wiedereroberten.

Eine ähnliche Kooperation soll es ebenfalls zuletzt am Flughafen von Kabul gegeben haben, demnach gaben die Taliban Geheimdienstinformationen bevorstehender Terroranschläge weiter, wie das Pentagon bestätigte. Es wäre nicht überraschend, wenn es zukünftig weitere Zusammenarbeiten zwischen den noch vor kurzem verfeindeten Regierungen geben könnte. Während die Taliban über weitreichende Informationsnetzwerke im Afghanistan verfügen, bieten die USA die nötige Feuerkraft zur Vernichtung von IS-Stellungen und deren Verstecken an. Damit profitiert Amerika in der Bekämpfung des internationalen Dschihadismus, während die Taliban damit ihren Gewaltmonopol sichern und sich als verlässliche und vertrauenswürdige Partner inszenieren können.

Nichtsdestotrotz bleibt die ISKP eine ernsthafte Gefahr für die Situation in Afghanistan. Die von ihnen kontrollierten Regionen verfügen neben den regulären Steuereinnahmen auch über riesige Vorkommen an etlichen Ressourcen. Neben Edelsteinen wie Diamanten und Smaragden gibt es große Mengen an Uranium und Erdöl, die Halima Sadaf zufolge, einem Mitglied des provinzialen Rates von Jawzjan, vom Islamischen Staat ausgebeutet werden können. In dem unter der Kontrolle des IS stehenden Bezirk Darzab gibt es insgesamt 18 Minen, die höchste Anzahl in ganz Afghanistan. Außerdem sollen sie Zugang zu mehreren Kulturstätten besitzen, der Schmuggel von Kulturgütern war bereits in Syrien und dem Irak äußerst lukrativ und stellt sich Jahre nach dem Ableben des Islamischen Staates in der Region weiterhin als Problem heraus.

Auch international erhält die ISKP Zuwachs. Es gibt vermehrt Berichte und Zeugenaussagen von mehreren internationalen Kämpfern aus Europa, Afrika und Asien. Mehrere französische IS-Kämpfer sollen sich vom Irak nach Nordafghanistan begeben haben. Hinzu kommen algerische, tschetschenische und usbekische IS-Kämpfer, darunter zwei Frauen. Unklar ist die genaue Anzahl an Kämpfern, auch wenn sie im dreistelligen Bereich liegen sollte. Bewohner des Dorfes Bibi Mariam berichten von 200 Ausländern, die in der Nähe ein Trainingslager errichtet haben. Auch wenn die Attraktivität für ausländische Islamisten zunehmen sollte wird sie wohl kein Niveau wie Syrien & Irak erreichen, allein schon wegen der Entfernung und fehlenden Infrastruktur. Dennoch wird die Anzahl an internationaler Unterstützung wohl zunehmen, nachdem sie jetzt in der ganzen Welt mit den Anschlägen auf den Kabuler Flughafen in Erscheinung getreten sind.

Der „Islamische Staat – Provinz Khorasan“ konnte seine Präsenz in dem vom jahrzehntelangen Krieg zerrüttenden Land immer weiter ausbauen und zählt inzwischen zu den mächtigsten Landesablegern der Terrormiliz. Neben einer (ehemaligen) Basis im Norden kontrolliert er weiterhin größere Gebiete im Osten des Landes, unweit der pakistanischen Grenze. Dort konnte er seit Jahren den Angriffen der afghanischen Armee und NATO widerstehen und seinen Machtbereich ausbauen. Die Taliban und der Islamische Staat sind seit jeher erbitterte Feinde im Kampf um religiöse Deutungshoheit und afghanischen Boden, Desertierende auf beiden Seiten führten teilweise zu einem Gleichgewicht der Macht in einigen Regionen. Inzwischen aber sind die Taliban die klar dominierende Kraft in Afghanistan und werden weiterhin das Ziel verfolgen den IS zu vernichten, wie sie es beispielsweise die Exekutionen an gefangenen IS-Kämpfern nach der Eroberung der ehemaligen Regierungsgefängnisse zeigten.

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