Der letzte Widerstand in Afghanistan

Hoch auf den Dächern des Panjshir-Tals weht die schwarz-rot-grüne Tricolor der afghanischen Regierung, direkt daneben die Flagge der sogenannten „Nördlichen Allianz“, einem losen Militärbündnis vieler verschiedener Organisationen, deren einziger gemeinsamer Nenner der Kampf gegen die Taliban vor über 20 Jahren war. Etwa hundert Kilometer nördlich der afghanischen Hauptstadt Kabul regt sich der letzte aktive Widerstand, ehemalige Warlords, Glaubenskrieger und Teile der afghanischen Armee sehen sich in der Kontinuität der zusammengebrochenen Regierung, ihr Anspruch durch die Führung des ehemaligen Vizepräsidenten Amrullah Saleh untermauert. Während sie internationales Interesse erregen und militärische Gewinne vorlegen können, gibt es jedoch erhebliche Zweifel an der Langfristigkeit und dem Erfolg dieses „Projektes“, welches auf tönernen Füßen steht.

Seit Jahrzehnten ist das Panjshir-Tal Rückzugsort von Widerstandskämpfern. Einst kämpften hier die Gotteskrieger gegen die sowjetischen Streitkräfte in Afghanistan, darauf folgte dann die Nördliche Allianz, das bereits erwähnte Anti-Taliban-Bündnis zur Jahrtausendwende. Besonders hilfreich dabei ist die strategische Lage, immerhin handelt es sich bei Panjshir um ein fruchtbares Tal mit mehrheitlich tadschikischer Bevölkerung, welches von Gebirgsketten umringt ist. Seit dem Kollabieren der afghanischen Regierung in allen Provinzhauptstädten des Landes und dem Verlust von Kabul zogen sich hierhin versprengte Einheiten der afghanischen Armee zurück zusammen mit einigen Vertretern der letzten Regierung in der Überzeugung, den Kampf weiterzuführen. Dort stießen sie auf die Milizen des hiesigen Warlords, Ahmad Massoud.

Massoud reiht sich in eine traditionsreiche Familie des Widerstandes ein, bereits sein Vater, Ahmad Shah Massoud, war als Guerillakämpfer gegen die Sowjetunion und die Taliban aktiv. Er hat eine westliche Bilderbuch-Karriere durchlebt und soll mit seinen rhetorischen Fähigkeiten über viel Rückhalt in seiner Heimatregion, dem Panshjir-Tal, verfügen. Eigentlich wartete auf ihn eine politische Karriere in Afghanistan, welche aber durch den schnellen Taliban-Sieg ein jähes Ende fand. Nichtsdestotrotz nimmt er derzeit die Rolle der militärischen Führung an, während Amrullah Saleh als ehemaliger Vizepräsident die politische Leitung übernimmt. Damit ist beiden Personen derzeit eine unblutige Synthese der Nordallianz und afghanischen Regierung gelungen, deren gemeinsame Nenner die anbahnende Gefahr eines totalen Taliban-Sieges ist.

Bisher sind der Widerstandsbewegung einige Achtungsfolge gelungen. Insgesamt sollen etwa 15.000 Soldaten bzw. Kämpfer in Panjshir aktiv sein, eine Überprüfung dieser Angaben ist aber unmöglich. Die Tendenz soll aber steigend sein, immer wieder sollen neue Konvois von Soldaten und Zivilisten in der Region Schutz suchen. Viele der nach Usbekistan desertierten Soldaten soll ebenfalls ihre Unterstützung angeboten haben. Südwestlich des Panshjir-Tals konnten die verbliebenen Truppen der afghanischen Armee die Stadt Charikar wiedererobern, nachdem sie einige Tage zuvor kampflos an die Taliban übergeben wurde. Es handelt sich um die Provinzhauptstadt der Region Parwan und zählte einst 100.000 Einwohner, sie findet sich lediglich 50 Kilometer von Kabul entfernt. Weiter nördlich konnte man nach wenigen Tagen weite Teile der Provinz Baghlan sichern, darunter die Distrikte Andarab, Pul-e-Hesar und De Salah. All diese Erfolge waren aber nicht das Ergebnis ernstzunehmender Kämpfe, sondern eines einfachen „Betretens“ verlassener Orte. Dort liegt auch aber auch die Gefahr:

Es gibt nämlich erhebliche Zweifel am Erfolg dieses selbsternannten „Zweiten Widerstandes“. Immerhin sieht sich ein kleines isoliertes Tal mit der Übermacht Rest-Afghanistans konfrontiert und einem Gegner, welcher in den letzten Wochen Unmengen an modernen amerikanischen Equipment, Waffen, Fahrzeugen und sogar Kampfjets und Helikoptern erbeuten konnte. Die nun in Panjshir stationierten Soldaten sind nicht für den Guerillakampf, welcher angesichts der derzeitigen Situation der regulären Kriegsführung vorzuziehen ist, ausgebildet oder trainiert, insofern sie überhaupt zu einem längeren Kampf in einem seit Jahrzehnten vom Krieg geschundenen Land bereit sind, weit weg von ihrer eigentlichen Heimat.

Bisher konnte sich der Widerstand militärisch noch nicht beweisen, zudem sollen sie einigen Gerüchten zufolge nur noch über recht wenig Waffen und Munition verfügen. Die Taliban-Kämpfer ziehen stattdessen einen immer enger werdenden Belagerungsring um das Panjshir-Tal, welches nahezu isoliert von der Außenwelt ist und die bestehende Knappheit verstärkt. Aktuell gibt es ein mehrstündiges Ultimatum der Taliban, welches zur freiwilligen Kapitulation auffordert. Beim Verstreichen der Frist werde man eine groß angelegte Offensive auf Panjshir starten, heißt es aus den militärischen Kreisen der Taliban. Da ist es wenig überrascht, dass z.B. der russische Botschafter Dimitri Zhirnov ihnen nur eine kurze Existenzzeit zuspricht.

Letzten Endes wird aber nur die Zeit sagen können, ob das Panshjir-Tal die Keimzelle eines neuen anti-islamistischen Widerstandes in einem Land wird, in dem ununterbrochen seit vier Jahrzehnten Krieg herrscht, oder ob es sich lediglich um einen Zwerg auf tönernen Füßen handelt, dessen internationale Anerkennung der größte Erfolg sein wird.

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