Kein Frieden für Südsyrien in Sicht

Ende Juli brachen in der südsyrischen Provinz Daraa erstmals seit drei Jahren schwere Gefechte zwischen der syrischen Regierung und Aufständischen in einer Region aus, welche zwar offiziell unter der Kontrolle der Armee steht, faktisch aber ex-oppositionelle Gruppierungen weitgehende Autonomierechte besitzen. Nach einem kurzen militärischen Fiasko erklärten sich beide Seiten zu Gesprächen über eine Waffenruhe bereit, die aber im Sande verlaufen sind. Dadurch sind nun neue Kämpfe ausgebrochen, in denen es um Macht und Einfluss in einer strategisch wichtigen Region geht, in der auch ausländische Partner wie der Iran oder Russland eine unrühmliche Rolle spielen. Bis heute ist kein Ende der Spannungen in Sicht, die Fronten sind weiterhin verhärtet.

Eigentlich gab es in den ersten Tagen des Augusts noch Optimismus auf eine länger anhaltende Waffenruhe, beide Seiten schienen bei den Verhandlungen unter russischer Ägide zumindest ein strategisches Interesse daran zu besitzen. Immer wieder gab es Berichte über eine Einigung, manchmal eine Befriedung des Areals durch „neutrale Kräfte“ wie dem von Russland ausgebildeten und unterstützen 5. Korps oder eine Rückkehr zum Status Quo. Nach drei Tagen aber wurden die Gespräche abrupt abgebrochen, stattdessen hielt ein Frieden in Daraa ein, der von ständigen Scharmützeln geprägt war. Zumindest aber soll das jordanisch-syrische Grenzübergang bei Jassim wiedereröffnet worden sein.

Größtes Kopfzerbrechen sorgt derzeit die südliche Hälfte der gleichnamigen Provinzhauptstadt, auch als Daraa al-Balad bekannt. Dort zerstören Aufständische regelmäßig im Schutze der Nacht militärische Kontrollpunkte, während das syrische Militär mit dem Einsatz von Schusswaffen und Mörsern darauf reagiert. Dafür gibt es dort aber auch Hoffnung auf einen Frieden, angeblich sollen sich alle involvierten Fraktionen auf eine mögliche gemeinsame Verwaltung und Administration von Daraa al-Balad geeinigt haben, zuvor konnten syrische Streitkräfte das Gebiet nicht betreten bzw. dort patrouillieren. Jedoch soll es noch Uneinigkeit darüber geben, welche Ex-Rebellen freies Geleit in die letzte, noch von Islamisten kontrollierte Provinz in Nordsyrien erhalten.

Während der Osten Südsyriens eine „reguläre Kapitulation“ akzeptieren musste (sprich: Generalamnestie für alle Kämpfer, Freiwillige können nach Idlib transportiert werden und die Regierung kehrt als Administrator zurück), sah es westlich von Daraa wesentlich besser für die Opposition aus: Auf Intervention Russlands konnte man einen sehr großzügigen Frieden schließen. Die Regierung wird zunächst nur rudimentär in die Region zurückkehren, Ex-Rebellen werden weiterhin die Verwaltung der Gebiete übernehmen und können sogar weiterhin ihre Waffen behalten. Ebenso wird die syrische Armee nicht zurückkehren, lediglich die russische Militärpolizei wird sporadisch Patrouillen fahren. Wie man heute weiß, war diese zugesprochene Autonomie verheerend für die gesamte Region.

Denn seit Jahren dauert der Konflikt zwischen Ex-Rebellen, die sich teils eigenständig und teils unter der russischen Schirmherrschaft innerhalb des „5. Korps“ organisieren, und dem syrischem Militär an. Aufständische sorgen regelmäßig für Attentate und Angriffe auf isolierte Kontrollpunkte oder Militärkonvois, meist kann der Eingriff Russlands schlimmeres verhindern. Langsam aber endet auch die Geduld der russischen Präsenz im Land, denn die ehemaligen Rebellen verschaffen sich selbst immer mehr Autonomie, rekrutieren eigenhändig Kämpfer und handeln mit Waffen. Mit dieser Zuspitzung ist selbst Russland unzufrieden, die bisher ihre schützende Hand über sie gelegt hatten.

Dara’a gilt als  der Geburtsort der „Revolution“ und versteht sich damit auch als Hochburg des Widerstandes gegen die syrische Regierung, während andere Landesteile fest unter Regierungskontrolle stehen und es dort fast nie zum erwähnenswerten Widerstand kommt. Der wohl primäre Grund des Aufstandes ist neben der regulären Unzufriedenheit aber in den Friedensverhandlungen zu finden, die nach der erfolgreichen Offensive der syrischen Armee durchgeführt wurden um weiteres Blutvergießen aus dieser für die Opposition aussichtslosen Situation zu vermeiden. Diese Operation spaltete das Territorium der Aufständischen in zwei Teile: Einen völlig umkreisten Ostteil rund um Dara’a und weiter westlich die Provinz Quneitra, die bisher nahezu unberührt von den Gefechten war und zumindest teilweise von Israel unterstützt wurden.

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