Desaster für die syrische Armee in Südsyrien

Die Situation in der südsyrischen Provinz Daraa eskalierte in den letzten zwei Tagen zunehmend, nachdem die syrische Armee eine Offensive zur Eroberung der letzten oppositionellen Exklaven in der Region startete, die in Folge von Friedensverhandlungen unter russischer Schirmherrschaft zwischen den zwei Seiten entstanden sind und seit jeher ein Dorn im Auge der syrischen Regierung ist, auch da es neben dem regelmäßigen Schmuggel zu Anschlägen und Attentaten durch Aufständische kommt. Als Reaktion auf die Militäroperation starteten die „Ex-Rebellen“ einen Gegenschlag und konnten prompt mehrere Kontrollpunkte und Städte überrennen, eine Militärbasis erobern, den Grenzübergang zu Jordanien sichern, Kampfpanzer erbeuten und dabei über 50 Soldaten gefangen nehmen. Von diesen offensiven Kapazitäten überrascht, kehren beide Seiten zum Verhandlungstisch zurück.

Schwerpunkt des aktuellen Geschehens ist die südliche Hälfte der gleichnamigen Provinzhauptstadt Daraa, größtenteils als „Daraa al-Balad“ bekannt, wo sich die verfeindeten Kräfte gegenseitig Feuergefechte mit Artillerie und Raketen bieten. Aufgrund dessen sollen auf beide Seiten die Anzahl der Verluste innerhalb eines so kurzen Zeitraumes relativ hoch sein, jeweils 20 Soldaten und Kämpfer starben demnach bisher. Darunter auch Moaz al-Zoubi, Anführer und wichtige Figur innerhalb der syrischen Opposition, nachdem er seit 2012 die Gruppierung Jaish al-Thawra in Südsyrien anführte. Auch mehrere Zivilisten wurden getötet, wobei nähere Details nicht existieren.

Besondere Aufmerksamkeit erlangten die überraschenden Angriffe der Aufständischen, die im Umkreis von Daraa ihre Schläferzellen aktivierten, sich gemeinsam konsolidierten, koordinierten und daraufhin etliche Stellungen und Kontrollpunkte der syrischen Streitkräfte überfielen und auch sicherten. Dadurch ist nicht nur die wichtige M5-Autobahn nach Damaskus gekappt, sondern auch eine Militärbasis nahe dem Ort Zayzoun überrannt worden. Außerdem wurde der Grenzübergang zu Jordanien blockiert. Dabei erbeuteten sie neben Munition und Waffen auch einige Pick-Ups und mindestens einen T-55-Kampfpanzer. Die meisten Gebiete konnten von den Aufständischen kampflos erobert werden, offenbar überrascht kapitulierten vielerorts einfach die Soldaten, Einige desertierten. Angeblich wurden insgesamt 70 Soldaten gefangen genommen, die nun in den derzeit andauernden Friedensgesprächen als Verhandlungsmasse genutzt werden.

Denn auf wohl russischem Druck erklärten sich beide Seiten zu einer Rückkehr an den Verhandlungstisch bereit. Die syrische Regierung erklärte ein Ende des seit drei Jahren andauernden „Experiments“ in Südsyrien, in denen die Aufständischen weitgehende Autonomie genießen und weiterhin ihre Waffen behalten konnten. Die Opposition hingegen fordert den friedlichen Abzug eigener Mitglieder in die von islamistischen Kräften kontrollierten Provinz Idlib in Nordsyrien und weiterhin bestehende Autonomie ohne die Präsenz der syrischen Regierung in ihren Gebieten. Dafür wurde bis Samstag eine Waffenruhe ausgerufen, welche bereits vereinzelt gebrochen wurde. Dadurch kontrolliert die Opposition nun weite Teile der Region Daraa/Horan, darunter die Städte Jaism, Inkhil, Taybeh, Tasil, Bakkar, Shaham al-Jawlan, Mleiha al-Gharbiya oder Tal Shihab, zudem sind viele Versorgungsstraße blockiert.

Während der Osten Südsyriens eine „reguläre Kapitulation“ akzeptieren musste (sprich: Generalamnestie für alle Kämpfer, Freiwillige können nach Idlib transportiert werden und die Regierung kehrt als Administrator zurück), sah es westlich von Daraa wesentlich besser für die Opposition aus: Auf Intervention Russlands konnte man einen sehr großzügigen Frieden schließen. Die Regierung wird zunächst nur rudimentär in die Region zurückkehren, Ex-Rebellen werden weiterhin die Verwaltung der Gebiete übernehmen und können sogar weiterhin ihre Waffen behalten. Ebenso wird die syrische Armee nicht zurückkehren, lediglich die russische Militärpolizei wird sporadisch Patrouillen fahren. Wie man heute weiß, war diese zugesprochene Autonomie verheerend für die gesamte Region.

Denn seit Jahren dauert der Konflikt zwischen Ex-Rebellen, die sich teils eigenständig und teils unter der russischen Schirmherrschaft innerhalb des „5. Korps“ organisieren, und dem syrischem Militär an. Aufständische sorgen regelmäßig für Attentate und Angriffe auf isolierte Kontrollpunkte oder Militärkonvois, meist kann der Eingriff Russlands schlimmeres verhindern. Langsam aber endet auch die Geduld der russischen Präsenz im Land, denn die ehemaligen Rebellen verschaffen sich selbst immer mehr Autonomie, rekrutieren eigenhändig Kämpfer und handeln mit Waffen. Mit dieser Zuspitzung ist selbst Russland unzufrieden, die bisher ihre schützende Hand über sie gelegt hatten.

Dara’a gilt als  der Geburtsort der „Revolution“ und versteht sich damit auch als Hochburg des Widerstandes gegen die syrische Regierung, während andere Landesteile fest unter Regierungskontrolle stehen und es dort fast nie zum erwähnenswerten Widerstand kommt. Der wohl primäre Grund des Aufstandes ist neben der regulären Unzufriedenheit aber in den Friedensverhandlungen zu finden, die nach der erfolgreichen Offensive der syrischen Armee durchgeführt wurden um weiteres Blutvergießen aus dieser für die Opposition aussichtslosen Situation zu vermeiden. Diese Operation spaltete das Territorium der Aufständischen in zwei Teile: Einen völlig umkreisten Ostteil rund um Dara’a und weiter westlich die Provinz Quneitra, die bisher nahezu unberührt von den Gefechten war und zumindest teilweise von Israel unterstützt wurden.

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