4 Angriffe in 24 Stunden: US-Soldaten im Irak in Gefahr

Erbil, Bagdad, al-Asad und al-Omar: In ganz Irak und Syrien sehen sich amerikanische Soldaten einer nie zuvor dagewesenen Menge und Qualität an Angriffen durch irakische Milizen gegenüber, die inzwischen mehrmals am Tag stattfinden. Mit modernen Raketenwerfern und Drohnen wird die Präsenz der US-Truppen in ihrem Heimatland attackiert, die zumindest in diesem Monat keine Reaktionen zeigen. Der amerikanische Präsident Joe Biden drohte vor kurzen den verschiedenen Widerstandsbewegungen im Irak mit Vergeltungsschlägen, sollten sie nicht ihre Angriffe auf das US-Militär beenden. Diese Warnung scheint aber eine kontraproduktive Wirkung gehabt zu haben, stattdessen sehen sich in dieser Abschreckungstaktik die schiitischen Organisationen bestärkt, mit iranischer Unterstützung ihren Kampf weiterzuführen.

Die neuesten Angriffe starteten am Dienstag, als lokale Behörden den Einsatz von Drohnen auf den Internationalen Flughafen von Erbil meldeten, welcher im kurdischen Autonomiegebiet in Nordirak liegt und partiell von amerikanischen Truppen als Stützpunkt genutzt wird. Bis zu zwei Kamikaze-Drohnen sollen in Erbil involviert gewesen sein, das amerikanische Verteidigungsministerium bestätigt den Einsatz einer Drohne, die aber keine personellen oder materiellen Verluste oder Schäden verursacht haben soll. Damit wurde der Erbil-Flughafen bisher drei Mal angegriffen und war der Schauplatz des ersten Drohneneinsatzes gegen die USA.

Parallel dazu kam es zu einem weiteren Drohnenangriff auf eine US-Militärbasis bei den al-Omar-Ölfeldern in Ostsyrien, nur wenige Kilometer von der irakischen Grenze entfernt. Die Drohne konnte aber erfolgreich eliminiert werden, wie es aus Militärkreisen heißt. Auch hier existieren keine Meldungen von Schäden oder ähnlichem. Am vierten Juli kam es möglicherweise zuletzt zu seiner Attacke auf die Ölfelder, trotz Meldungen mehrerer Explosionen behaupten verschiedene, involvierte Organisationen verschiedene Darstellungen. Laut den USA kam es zu keinem Angriff, während die lokalen Behörden das Gegenteil behaupteten und regionale Sicherheitskräfte hingegen eine Sprengstoffentschärfung vermeldeten.

In der letzten Nacht folgte ein neuer Granatenangriff auf die US-Botschaft im Zentrum Bagdads, der sogenannten „Green Zone“, die schwer gesichert ist. Seit Jahren ist die Botschaft in der Hauptstadt ein begehrtes Ziel von irakischen Widerstandsbewegungen, vor allem nachdem sie Anfang 2020 teilweise von Demonstranten gestürmt wurde und diese Aktion Einer der Auslöser für die Ermordung des iranischen Kommandanten Qassem Soleimani gewesen sein soll. Dementsprechend rüstete die amerikanische Armee auch ihre Botschaft auf und kann inzwischen auf unzählige Raketenabwehrsysteme setzen, die in diesem Falle auch alle potentiellen Gefahren vernichten konnten.

Im Kontrast dazu steht wohl der „erfolgreichste“ Raketenangriff auf die al-Asad-Basis in Zentralirak, eine der wichtigsten Militärstützpunkte für die USA im Land, welches gemeinsam mit den irakischen Streitkräften verwaltet und genutzt wird. Mindestens 14 Projektile trafen den US-Abschnitt der Basis, die bis zu drei Personen verletzt und mehrere Lagerhäuser beschädigt haben soll. Im nächstgelegenen Ort al-Baghdadi wurde der Startmechanismus für die Raketen gefunden, ein als LKW „verkleideter“ mobiler Raketenwerfer, der wohl nach einem Fehlstart der Raketen sich selbst zerstörte. Zu dem Vorfall bekannte sich die Gruppierung Thar al-Muhandis, welche in der Vergangenheit als Frontorganisation der wirklich wichtigen anti-amerikanischen Kräfte, wie z.B. Kataib Hisbollah oder Sayyid al-Shuhada, diente. Damit steigt die Anzahl an Militärschlagen durch schiitische Milizen seit Anfang Juni auf 13, vier davon innerhalb der letzten 24 Stunden.

Weshalb die Situation sich in den letzten Tagen derart zugespitzt hat ist nicht ganz ersichtlich, noch kurz zuvor kündigte US-Präsident Joe Biden in einer Rede an, weitere Angriffe auf US-Truppen als „rote Linie“ zu bezeichnen und man selbst dann zurückschlagen werde, wenn kein amerikanisches Personal verletzt oder getötet wurde, was der bisherigen Militärdoktrin im Irak widerspricht. Möglicherweise versuchen die pro-iranischen Milizen wie Kataib Hisbollah oder Sayyid al-Shuhada, welche oftmals an vorderster Front gegen die US-Präsenz in ihrem Heimatland kämpfen, nun die Geduld der USA zu testen und provozieren. Das ist beispielhaft an dem Angriff vom 7. Juli auf die al-Asad-Militärbasis bemerkbar, welche mitten am Tag mit einem relativ modernen und neuen Raketenwerfer stattfand. Bisher aber blieben US-Vergeltungsschläge in diesem Monat aus, auch wenn eine Reaktion nach derartig vielen Anschlägen zu erwarten ist.

Die Milizen Kataib Hisbollah und Sayyid al-Shuhada sind im Irak ein integraler Bestandteil der „Volksmobilisierungseinheiten“ (PMF/PMU), eine Teileinheit der irakischen Streitkräfte und genießen dementsprechend weitgehend Immunität gegenüber anti-amerikanischen Aktionen. Jedoch agieren sie auch teilweise in Syrien, welches im Kontrast zum Irak einen eher „rechtsfreien Raum“ darstellt, in dem die USA bedenkenlos agieren können, weshalb regelmäßige Vergeltungsschläge auch im westlichen Nachbarland und nicht im Ursprungsland Irak durchgeführt werden. Dort konnten sie mit anderen Milizen und Organisationen ein großes Netzwerk und eine wichtige Basis etablieren, welches primär der Unterstützung der syrischen Regierung und der Bekämpfung des Islamischen Staates gilt. Jedoch nutzt der Iran diese Gebiete auch, um seinen Einfluss weiter auszubauen und relativ problemlos Waffen bis an die Hisbollah im Libanon zu transportieren, so konnten sie beispielsweise einen eigenen Grenzübergang wenige Kilometer südlich vom Offiziellen errichten und nur für militärische Güter etc. nutzbar machen.

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