Wie der Islamische Staat Boko Haram vernichtet hat

Über mehrere Jahre hinweg kann sich der Islamische Staat als ernstzunehmende Kraft in den verschiedensten westafrikanischen Staaten etablieren, nun scheint der große Coup in Nigeria gelungen zu sein: Der „Islamische Staat in Westafrika“ (ISWA) konnte weite Teile der größten rivalisierenden Organisation, Boko Haram, nach dem Tode ihres Anführers in sich integrieren und somit die relevanten dschihadistischen Gruppen des Landes in sich vereinen, nachdem die nigerianische Regierung immer mehr Gebiete im Norden an die Terrormiliz abtreten muss. Bereits heute profitiert der IS in Nigeria von Steuerzahlungen im sechsstelligen Bereich. Mit den neuesten Erfolgen droht sich das Irak-Szenario zu wiederholen, in der der Islamische Staat große Territorien ohne nennenswerten Widerstand überrennen und ein Kalifat etablieren konnte.

Vor zwei Tagen veröffentlichte die zentrale Nachrichtenagentur des Islamischen Staates ein 14-minütiges Video der ISWA, das erste Videomaterial seit Dezember von diesem regionalen Ableger. Dieser kurze Film konzentriert sich auf die letzten Gefechte gegen die nigerianische Armee und Regierung, widmet den größten Teil aber dem „Sieg“ gegenüber Boko Haram bzw. der Ermordung des Anführers Abubakar Shekau bei Gefechten zwischen Shekau-Anhängern und ISWA-Kämpfern in den bewaldeten Sambisa-Sümpfen im Nordosten des Landes. Bisherigen Meldungen zufolge kam er im Mai bei Gefechten um, nachdem er mit seinen Leibwächtern umzingelt wurde und sich selber mit einer Sprengstoffweste tötete. Zentraler Bestandteil des Video ist dabei die „Wiedereingliederung“ der nun führungslosen Boko-Haram-Mitglieder, die zu Hunderten und Tausenden unter der Flagge des IS ihre Treue der ISWA und ihrem Kalifen Abu Ibrahim al-Hashimi al-Qurashi, nachdem Abu Bakr al-Baghdadi 2019 in Syrien getötet wurde, schworen. Damit wird nach außen ein geeintes und gestärktes Bild erweckt, nachdem es zwischen den zwei Gruppierungen jahrelang zu Konflikten gekommen ist (mehr dazu am Ende).

Nichtsdestotrotz wird Boko Haram in ihrer bisherigem Form zunächst weiter existieren, wenn auch nur stark abgeschwächt. Einige ranghohe Kommandanten werden wohl zunächst noch den Kampf alleine suchen, aber wohl der Übermacht von ISWA und der nigerianischen Armee zu Opfer fallen und letzten Endes in die Irrelevanz verschwinden. Bereits in den letzten Tagen von Shekau gab es Berichte von mehreren Desertierenden und einem Führungskern, welcher seine Chancen eher bei dem Islamischen Staat von Westafrika sieht. Einigen Berichten zufolge konnte ISWA vor der Schlacht in den Sambisa-Sümpfen 70% der militärischen Führungsschicht sichern. Das erklärt auch, warum der IS erst mit einer einmonatigen Verspätung sich zur Ermordung von Shekau bekannte, da im Hintergrund wahrscheinlich bereits Verträge und neue Bündnisschlüsse ausgehandelt wurden. Eine darauf aufbauende Integration bestehender Strukturen von Boko Haram sollte dementsprechend einfach ausfallen, auch da es ideologisch nur wenige Unterschiede gab.

Abubakar Shekau aus dem Jahre 2016. In den letzten Jahren hat er sich kaum gezeigt, immer wieder gab es Gerüchte von seinem Tod.

Konkret bedeutet die „Wiedervereinigung“ der beiden Organisationen für ISWA der Zugang zu weiteren Gebieten im Nordosten Nigerias und Anrainerstaaten, sowie zu den riesigen Waffen- und Munitionslagern von Boko Haram, die resultierend aus der Paranoia von Abubakar Shekau überall errichtet wurden. Alleine über al-Qaida soll Boko Haram 50 Millionen Dollar an Militärmitteln erhalten haben. Mit dem Nordosten erhält ISWA wichtige Rückzugsgebiete, z.B. die bereits erwähnten Sambisa-Sümpfe oder die Gwoza- und Mandara-Gebirgsketten, ganz zu schweigen von höheren Steuereinnahmen und Kontrollgebieten. ISWA soll durch Steuerabgaben nach bisherigem Stand bis zu 600.000 US-Dollar einnehmen, welche zum Teil durch ständige Überfälle und Drohungen von Boko Haram nochmals vermindert wurden. Shekau besaß zudem viele Anhänger in den Nachbarländern Tschad, Niger und Kamerun, die sich nun auch dem IS anschließen könnten.

Das Beziehungsdreieck zwischen ISWA, Boko Haram und dem „originalen“ Islamischen Staat ist äußerst komplex und immer wieder von veränderten Verhältnissen geprägt. Im Jahre 2014 schwor Boko Haram dem Islamischen Staat bzw. ihrem Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi die Treue. Jedoch kam es relativ früh bereits zu Zerwürfnissen zwischen IS und Boko Haram, da Letztere von der IS-Führung als „zu radikal“ unter ihrem Anführer Abubakar Shekau angesehen wurden, unter anderem durch die exzessive Rekrutierung von Kindern oder regelmäßigen Anschlägen und Angriffe auf Muslime bzw. Sunniten, was unweigerlich zu einer fehlenden Unterstützung innerhalb der Bevölkerung führte. In Folge dessen spaltete sich zwei Jahre später der „Islamische Staat in Westafrika“ von Boko Haram unter Abu Musab al-Barnawi, welcher wiederum der Sohn des ursprünglichen Boko-Haram-Gründers Mohammed Yusuf ist und bis heute die Führungsrolle innerhalb von ISWA inne hat, wenn auch nur protokollarisch.

Die zentrale IS-Führung unterstützt weiterhin offiziell und direkt den westafrikanischen Ableger, der auch in anderen Staaten wie den Tschad, Niger oder Burkina Faso aktiv ist. Boko Haram sieht sich aber dennoch weiterhin als Teil des IS-Kalifats, diese Betrachtung wird aber nicht vom IS selber geteilt. Dies führte immer wieder zu Kämpfen zwischen den zwei Organisationen, auch wenn sie in anderen Bereichen wiederum kooperierten oder sich zumindest tolerierten. Aufgrund dieser Konstellation wurde Boko Haram zunehmend von der internationalen dschihadistischen Bewegung isoliert und führte letzten Endes dazu, dass einzig ein gewisser „Personenkult“ um Shekau die Organisation vor dem Abfall in die Irrelevanz schützte, bis dieser Faktor ebenfalls verwand.

Nun sieht sich Nigeria und die gesamte Region mit einer gestärkten, radikalen Terrormiliz konfrontiert, die nun keine ernstzunehmenden Rivalen innerhalb den eigenen Reihen besitzt und im Gegensatz zu Boko Haram in ihren Territorien eine Politik verfolgt, die langfristige Unterstützung und Sympathien innerhalb der Bevölkerung sichern soll. Zusammen mit den Zugang zu neuen Gebieten ergeben sich neue Transitrouten in Nordafrika, die z.B. von IS-Kämpfern in Libyen oder Tunesien genutzt werden können und das Dschihadistennetzwerk damit auf dem Kontinent erweitert. All das geschieht in einer Zeit, in der das Militär von Kamerun, Tschad und Nigeria mit interner Korruption, Rebellionen und Aufständen konfrontiert wird und in weiten Teilen kaum etwas gegen einer supranationalen Bewegung wie dem Islamischen Staat entgegen zu setzen hat.

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