Dschihadistische Gruppierung erweitert ihren Einfluss in Syrien

In der letzten, noch von islamistischen Kräften kontrollierten Provinz Idlib dominiert seit Jahren die dschihadistische Organisation „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS) das Geschehen, mit türkischer Unterstützung konnten sie ihr Einflussgebiet erheblich ausweiten und z.B. den gesamten Wirtschaftssektor der Region kontrollieren. Seit neuestem versucht der ehemalige al-Qaida-Ableger aber, seine Geltung auf andere oppositionelle Territorien in Syrien auszuweiten und damit in direkter Konkurrenz zu türkischen Stellvertretern zu treten, die mit schrumpfenden Einfluss aufgrund ausbleibender Bezahlungen durch die Türkei zu kämpfen haben. Diese Maßnahme ist Bestandteil des neuen Reformprogramms von Tahrir al-Sham, in dem man sich unter anderem auch als „moderate Kraft“ innerhalb der Opposition inszenieren und dadurch vom Westen Unterstützung erfahren möchte.

Vor einem halben Monat gründete sich in den Gebieten von Azaz und Afrin eine neue Gruppierung: Jaish al-Qaqa unter ihrem Anführer Abu Mutasim Bi-Allah Zabadani. Die Region wird seit der türkischen Militärintervention gegen den Islamischen Staat und der kurdischen Autonomieadministration von der sogenannten „Syrischen Nationalarmee“ (SNA) kontrolliert, ein loses Bündnis verschiedener Milizen, dessen gemeinsamer Nenner die Unterstützung von und für die Türkei ist. Die SNA besteht zugleich aus vielen Exilanten und Gruppen, die in Folge oppositionsinterner Kämpfe mit Tahrir al-Sham aus Idlib flohen und sich erneut zu etablieren versuchten. Nun versucht HTS ihren Einfluss ebenfalls dorthin auszuweiten, wie geheime Sprachnachrichten von Abu Zabadani offenbaren. Demnach ist Jaish al-Qaqa eine von HTS erstellte Stellvertreterorganisation, die auf indirektem Wege den Einfluss der Dschihadisten in der Region sichern soll. Ihr Anführer Zabadani selber stammt ursprünglich aus dem Großraum von Damaskus und war bereits in den Anfangsjahren von Tahrir al-Sham (damals noch Jabhat al-Nusra) als Kämpfer aktiv. Vor dem Krieg wurde er 2006 festgenommen, nachdem er einen Christen getötet hatte.

Bisher soll Jaish al-Qaqa nur wenige hundert Mitglieder zählen, jedoch ist eine positive Entwicklung erwartbar. In den letzten Monaten gibt es Unmut in den Reihen der Syrischen Nationalarmee, nachdem die Türkei bzw. die Fraktion selber bei vielen Mitgliedern Lohnzahlungen aussetzten. Viele der SNA-Kämpfer sind nur aufgrund der (für syrische Verhältnisse) üppigen Bezahlung aktiv, weshalb Hunderte und Tausende als Söldner von der Türkei in Libyen oder Aserbaidschan eingesetzt wurden. Ohne diesen Anreiz könnten viele zu Jaish al-Qaqa wechseln, welche wirtschaftlich gut aufgestellt sind, da Tahrir al-Sham den gesamten Warenverkehr in Idlib kontrollieren und auch bestehende Schmuggelringe in die Türkei und zu Restsyrien existieren. Damit verfolgt HTS nun auch an einer anderen Front einen Kampf um Macht und Einfluss, der sich bereits in den Monaten zuvor durch eine veränderte Selbstinszenierung nach innen und außen ausdrückte.

Es ist ein expliziter Wille von Tahrir al-Sham, sich als moderater zu präsentieren als man in Wirklichkeit ist in der Hoffnung, international so Anklang und zumindest partielle Unterstützung zu erhalten. Das begann bereits mit der offiziellen Loslösung von al-Qaida im Jahre 2016, welche aber im gegenseitigen Einvernehmen erfolgt ist und bis auf personelle Wechsel kaum zu ideologischen und strategischen Veränderungen geführt hat. Einzige Ausnahme: Statt eines betont internationalen Dschihads orientierte man sich eher am Vorbild der Taliban oder anderer syrischer Islamisten, die „lediglich“ einen Dschihad auf nationaler Ebene kommunizieren, auch wenn ihre Ziele womöglich woanders liegen. Diese Richtungsveränderung sorgte zumindest bei der Türkei auf Zustimmung, die Beziehungen zwischen den zwei Fraktionen intensivierten sich und führten letzten Endes dazu, dass türkische Truppen das Kontrollgebiet von Tahrir al-Sham betreten und somit einen „Schutzring“ um die letzte, noch von Oppositionellen gehaltene Provinz Idlib errichten konnten, der bis heute andauert.

Viele sehen im Verhältnis zwischen der Türkei und HTS bzw. al-Julani eine ähnliche Beziehung wie zwischen Russland und dem tschetschenischen Präsidenten Kadyrow oder der USA und dem ehemaligen somalischen Präsidenten Ahmed: Staatliche Unterstützung und weitgehende Autonomie im Tausch dafür, dass radikalere Kräfte in Schach gehalten werden. Zwar kann al-Julani auf erfolgreiche Kontakte in Richtung der Türkei und diverser Golfstaaten blicken, der bisherige Plan sich dem Westen anzunähern ging bisher aber nicht auf. Trotz Bemühungen verschiedener Think-Tanks wie dem „Middle East Institute“, al-Qaida und Tahrir al-Sham voneinander abzuheben, stuft die USA weiterhin HTS als terroristische Organisation ein, wie der arabischsprachige Twitter-Account des „Rewards for Justice Program“ des amerikanischen Außenministeriums vor wenigen Tagen erst wieder mitteilte. Stattdessen bekräftigte man die Haltung, dass trotz seines neuen modernen Auftretens ein Kopfgeld von 10 Millionen Dollar auf al-Julani ausgesetzt ist.

Damit stimmen die Denkfabriken in einen Narrativ ein, den man in letzter Zeit immer öfters gehört hat, erst vor einem Monat wurde die sogar noch radikalere Islamische Turkestan-Partei von der Terrorliste entfernt, welche sich aus chinesischen Uiguren aus der Region Xinjiang rekrutieren und mehrmals für Terroranschläge in China und anderen Ländern verantwortlich waren. Vor einem Jahrzehnt bekämpfte die USA die Gruppierung noch aktiv, als sie in Afghanistan präsent waren. Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges konnten sie sich in Syrien etablieren und besitzen dort mehrere Rekrutierungslager für Kindersoldaten. Warum die amerikanische Regierung sich für diesen Schritt nun entschieden hat, bleibt ein Rätsel und könnte ein Ausblick auf den kommenden Umgang mit Tahrir al-Sham sein.

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