Aserbaidschan hält armenisches Gebiet seit 2 Wochen besetzt

Fast zwei Wochen seit der Besetzung armenischen Territoriums durch aserbaidschanische Truppen hat sich die Lage nur weiter zugespitzt: Neben Scharmützeln zwischen Armenien und Aserbaidschan mit mehreren Verletzten rückt die Regierung aus Baku auch in anderen Gebieten Armeniens vor und schafft damit Tatsachen gegen die vermeintlich „unklaren Gebietsverhältnisse“ zwischen den zwei Staaten. Während Armenien zum ersten Mal den Bündnisfall mit Russland deswegen ausruft, trennen damit nur noch weniger als 30 Kilometer die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan mit dem Restterritorium Aserbaidschans und der Gefahr, Armenien zweizuteilen und noch weiter zu isolieren. Nach der Niederlage im Karabachkrieg ist die armenische Regierung unfähig, die neu entstandenen Grenzgebiete ausreichend zu schützen, sodass insgesamt 500 aserbaidschanische Soldaten sich in Armenien befinden.

Von allen involvierten Fraktionen ist inzwischen die vollständige Einnahme der Sees Sev durch die aserbaidschanische Armee bestätigt. Laut offiziellen Grenzverläufen kontrolliert Aserbaidschan nur 30% von Sev, dessen Tatsache aber am 12. Mai durch den Einmarsch hunderter aserbaidschanischer Soldaten geändert wurde und bis zu zwei Kilometer in Armenien vorrückten und erste armenische Dörfer bedrohten. Die Situation ist weiterhin äußerst angespannt, trotz diplomatischer Bemühungen von armenischer Seite und der damit verbundenen Involvierung von Russland konnte bisher keine Lösung gefunden werden. Am 20. Mai kam es zu Prügeleien zwischen aserbaidschanischen und armenischen Soldaten, die zumindest auf armenischer Seite bei zehn Verletzten endeten.

 Obwohl russische Diplomaten inzwischen wieder abgereist sind bleibt der Schicksal des Sees und der Umgebung weiterhin unklar, beide Seiten schickten in der angespannten Situation Verstärkung in die Region. Armenien aktivierte dabei auch erstmals den Bündnisfall der „Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit“, das von Russland angeführte Militärbündnis zwischen diversen ex-sowjetischen Staaten. Jedoch kam es vom Bündnis selber noch keine genaueren Aussagen und Zusagen bezüglich eines Verteidigungsfalls, weswegen sich Russland weiterhin als neutraler Vermittler zwischen beiden Ländern porträtiert. International gab es Unterstützung für Armenien von Seiten der USA und des französischen Präsidenten Macron, auch wenn sich diese Hilfe nur auf einem verbalen Niveau beschränken wird.

Auch weiter nördlich des Sees sollen aserbaidschanische Kräfte einen kleinen Teil Armeniens besetzt halten, unweit des Dorfes Kut hält der schiitische Nachbar mehrere strategisch relevante Hügel unter ihrer Kontrolle, die die Region überblicken. Dort kam es zu vereinzelten Feuergefechten, die jedoch nicht weiter eskalierten und Keiner zu schaden kam. Die betroffenen Gebiete sind von dreierlei Bedeutung. Einerseits dient der See als wichtiges Bewässerungssystem für umliegende Kommunen und Dörfer, die auf Sev angewiesen sind. Zudem ist er nur wenige Kilometer von der nächstgrößten armenischen Stadt Verishen entfernt, welche damit in das Fadenkreuz zukünftiger aserbaidschanischer Angriffe und Offensive rücken könnte. Außerdem trennen genau in diesem Gebietsabschnitt nur rund 30 Kilometer die zwei aserbaidschanischen Territorien, die durch Armenien getrennt sind, ein Teil der Friedensverhandlungen aber den Bau einer Schiene zwischen diesen beiden Gebieten durch armenisches Staatsgebiet vorsah. Zudem verläuft unweit davon der Lachin-Korridor, der letzte Weg der Armenien mit dem Überbleibsel von Bergkarabach verbindet und dabei durch Aserbaidschan verläuft.

Diese ständigen Versuche Aserbaidschan in Armenien vorzurücken scheint dabei das strategische Kalkül zu verfolgen, aufgrund der bisher kaum gezogenen Frontlinien sich kleinere Vorteile herauszuarbeiten und die Gunst der Stunde zu nutzen. Dazu passend sind neue Drohgebärden aus Aserbaidschan nicht ungewöhnlich und an der Tagesordnung, regelmäßig werden Positionen in den staatlichen Medien verlautbart, die die Eroberung der armenischen Hauptstadt Jerewan oder die „Wiedervereinigung“ aserbaidschanischer Regionen fordern. Oftmals wird Armenien auch als letztes Puzzleteil in der Union eines pan-turkvölkisches Staates gesehen, welcher von der Türkei bis nach Xinjiang in China reicht. Solange Armenien weiterhin militärisch und politisch geschwächt ist, wird Aserbaidschan diese Chance auf Basis nationalistischer und chauvinistischer Basis zu nutzen wissen.

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