Israelisch-palästinensischer Krieg breitet sich auf die Nachbarländer aus

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3.000 Raketen und über 300 Tote: Der seit etwa einer Woche andauernde Konflikt zwischen israelischen und palästinensischen Kräften besitzt eine derartige Eskalationskraft, die selbst den letzten großen Krieg im Jahre 2014 übertrifft. Beide Seiten werden sowohl in ihrer Rhetorik, als auch in ihrem Verhalten aggressiver und intensivieren ihre gegenseitigen Angriffe, während der Konflikt sich in die Nachbarländer ausbreitet. Im Libanon, Syrien und Jordanien kommt es zu Übergriffen und Raketenangriffen auf israelische Sicherheitskräfte, die in dem Tode von mehreren Demonstranten mündeten. Während israelische Regierung und palästinensische Gruppierungen Friedensverhandlungen ablehnen, tritt der gesellschaftliche Spaltung zwischen israelischen Arabern und Juden immer stärker hervor, an vielen Orten kommt es zu gezielten Angriffen und Morden auf die jeweils andere Ethnie, wodurch radikalere Kräfte gestärkt hervorgehen können. Ein Ende ist dabei nicht in Sicht.

Der gegenseitige Beschuss hat in den vergangenen Tagen nicht abgenommen und sich sogar intensiviert, auch wenn Israel ihre Bombardements unter anderem auf die Raketenstartrampen und deren Bedienteams konzentriert. Insgesamt 3.000 Raketen wurden inzwischen auf Israel gefeuert, Tendenz steigend. Ein Großteil der Angriffe von palästinensischer Seite konzentriert sich auf Zentralisrael, aber auch auf die nur wenige Kilometer entfernt liegenden Städte Aschkelon und Aschdod, meistens nur mit mittelmäßigem Erfolg. Oftmals werden Häuser, Straßen oder Autos beschädigt, zuletzt aber auch wichtige Infrastruktur wie Öltanks, Elektrizitätswerke und Öl-Pipelines. Das israelische Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ kann zwar weite Teile der Projektile zerstören, ist aber bei der schieren Anzahl an eingesetzten Raketen oftmals überfordert. Eine Besonderheit waren zuletzt erste Angriffe in Richtung Jerusalem und vermehrte Operationen auf Tel Aviv, welches in den Jahren zuvor verschont wurde. 15 Raketen wurden in Richtung des Kernforschungszentrum Negev gefeuert, welches das Entwicklungslabor für das israelische Nuklearwaffenprogramm sein soll. Bereits vor einem Monat landete eine syrische Luftabwehrrakete in der Nähe, was aber wohl ein unabsichtlicher Akt war.

Israel hingegen reagiert und agiert mit verstärkten Luftangriffen und Bombardements auf den gesamten Gazastreifen, insbesondere Gebäude von hochrangigen Hamas-Mitgliedern und Hochhäuser werden gezielt attackiert. So wurden bereits mehrfach unter dem Vorwand, in oder unter diesen Wohnkomplexen befinden sich geheime Hamas-Basen oder Waffenlager, mehrmals Hochhäuser zerstört, die Dutzenden Menschen das Leben kosteten, fast 300 in Gaza alleine. Berühmtes Beispiel dafür ist die Zerstörung von al-Jalaa, einem Hochhaus welches Jahrzehnten von verschiedenen internationalen Medienhäuser genutzt wird, zuletzt von al-Jazeera und der Associated Press. Diese mussten ihre Büros evakuieren, da das Gebäude angeblich vom Hamas-Geheimdienst ebenfalls genutzt wird. An dieser offiziellen Darstellung gibt es jedoch erhebliche Zweifel, vielmehr versucht Israel die Berichterstattung vor Ort zu erschweren. Beweise von Seiten Israels existieren bisher zumindest nicht. Nichtsdestotrotz werden die Angriffe auf den Gazastreifen immer mehr ausgeweitet, inzwischen werden auch Bodeneinheiten wie Panzer oder Artillerie eingesetzt, Gaza selber aber nicht betreten.

Die Qassem-Brigade mit einer ihrer neuen Shehab-Kamikazedrohnen

Hamas veröffentlicht derzeit tagtäglich neue Waffen und Waffensysteme, nennenswert sind darunter neue oder verbesserte Raketen und den erstmaligen Einsatz von Drohnen bzw. Kamikazedrohnen gegen Israel. Beispielsweise stellten sie am Sonntag ihre neue IRAM-Rakete, die Qassem, vor. Diese für sehr kurze Strecken gedachte Rakete besitzt einen Sprengkopf von 400 Kilogramm und wird wahrscheinlich eher zur Verteidigung des Gazastreifens genutzt, sollte die israelische Armee eine Offensive starten. Die sogenannte „Shehab“-Drohne wurde von Hamas bzw. ihrem militärischen Arm, die Qassem-Brigaden, zum ersten Mal am Donnerstag veröffentlicht, nachdem sie gegen diverse Ziele in Israel eingesetzt wurde. Neben einer Chemiefabrik nur wenige Meter von Gaza entfernt wurden angeblich auch Förderplattformen vor der israelischen Küste attackiert, der Erfolg dieser Mission ist jedoch ungewiss. Israel konnte mindestens eine Shehab-Drohne erfolgreich aus der Luft mit einem Kampfjet zerstören, wie ein veröffentlichtes Video bestätigt. Die Drohne selber erinnert frappierend an bereits bestehende Modelle im Iran und Jemen, jeweils namentlich Abahil-2 und Qasef-2K. Während wohl die iranische Unterstützung für die Hamas kein Geheimnis ist, ist das genaue Ausmaß unklar. Möglich ist lediglich ein Wissenstransfer, der Schmuggel von einzelnen Bauteilen oder des gesamten Waffensystems, möglicherweise könnten die jemenitischen Houthi-Rebellen sogar auf eigener Faust mit Hamas handeln, welche seit ihrer Entstehung Israel als Rivalen ansehen und regelmäßig an palästinensische Bewegungen oder die Hisbollah Geld spenden. In jedem Fall zeigt sich, dass der Gazastreifen bei weitem nicht so blockiert ist, wie sich Israel es erhofft.

Vom Gaza in die Nachbarländer

Möglicherweise schwere Konsequenzen könnte der Zusammenstoß von libanesischen und palästinensischen Demonstranten und israelischen Sicherheitskräften an der gemeinsamen Landesgrenze haben. Diese sammelten sich zunächst und stürmten dann die sogenannte „Blaue Linie“, eine von den Vereinten Nationen geschaffene Demarkationslinie. Als Protestler den Grenzzaun überqueren wollten, startete die israelische Armee mit dem Einsatz von Tränengas, Gummigeschossen und sogar normalem Gewehrfeuer, wodurch ein Libanese getötet wurde. Später stellte sich heraus, dass es sich bei der Person um einen Hisbollah-Anhänger gehandelt haben soll, jedoch veröffentlichte die Organisation bisher keine Stellungnahme zu diesem Sachverhalt und scheint sich fernab der Organisation von Protesten aus dem gegenwärtigen Konflikt herauszuhalten. Bisher unbekannte Täter starteten mehrere Raketen vom Libanon auf Israel, welche aber allesamt im Mittelmeer landeten, es ist sehr unwahrscheinlich, dass dahinter die Hisbollah steckt. Zwei Tage später kam es an der libanesischen Grenze zu einem zweiten Zwischenfall, wobei ein vermeintlich israelisches Artillerigeschoss auf Demonstranten geschossen wurde, aber lediglich eine Grenzmauer traf und beschädigte.

Die Unruhen breiteten sich zudem auch auf das gesamte Westjordanland und Jordanien aus, wo auch der Anlass für die neueste Eskalation zu finden ist. An der Grenze, welche von israelischen Kräften kontrolliert wird, stürmten Hunderte Jordanier und Palästinenser die Grenze und überquerten diese, israelisches Sicherheitspersonal reagierte dabei mit dem Einsatz von Schusswaffen, die bisher zum Tod von zwölf Menschen führte. Insgesamt kippt die Stimmung im Westjordanland in Richtung Radikalisierung, die Bevölkerung fordert von der herrschenden Fatah-Partei den bewaffneten Kampf gegen die israelische Besatzungsmacht in der Region, die einen Großteil des Westjordanlands kontrollieren. Angeblich gibt es Berichte vom militärischen Arm der Fatah, die eine militärische Auseinandersetzung suchen, bisher hat sich dies aber noch nicht bewahrheitet.

Auch aus Syrien gab es den ersten Vorfall. Am Freitag vermeldete der Twitter-Account der israelischen Streitkräfte den Einsatz von drei Raketen, die von der syrischen Provinz Quneitra verschossen wurden. Eine davon soll in Syrien selbst abgestürzt sein, während die restlichen auf den nach internationaler Rechtsfassung von Israel besetzten Golanhöhen einschlugen. Bereits kurz darauf gab es mehrere Bekennerschreiben zu der Tat, welche jedoch beide recht unglaubwürdig sind. Zuerst erregte die irakische Gruppierung „Shabab al-Islam“ mit ihrer Bekenntnis die Aufmerksamkeit, die aber bisher nur mit Drohungen an Israel in Erscheinung traten und zudem es auch nicht bekannt ist, dass irakische Organisationen im syrisch-irakischen Grenzgebiet operieren. Die zweite Miliz war die „Palästinensische Befreiungsbrigade“, über die noch weniger bekannt ist. Letzten Endes wird der Fall wohl nie aufgeklärt werden, womöglich waren es lediglich unabhängig von Organisationsstrukturen operierende Kämpfer einer syrischen Miliz. Bisher reagierte Israel auch nicht mit Luftschlägen auf den Vorfall, was ungewöhnlich ist.

In der Nacht kommen die Pogrome

Auch weiterhin wird der Konflikt nicht nur an den Frontlinien ausgetragen, sondern auch bis tief in Israel hinein. Die ethnische Unruhen manifestieren sich in verschiedensten Formen, insbesondere aber durch gewaltbereite Mobs, die in der Nacht durch die Straßen ziehen und vermeintlich jüdisch oder arabisch aussehende Personen attackieren oder deren Häuser in Brand stecken. Besonders schwer davon betroffen ist die Stadt Lod, wo es über die letzten Nächte hinweg zu schweren Ausschreitungen zwischen jüdischen und arabischen Anwohnern gekommen ist. Arabische Bürger kontrollierten faktisch die Ortschaft, blockierten Straßen, schossen auf Sicherheitskräfte, beschädigten Fahrzeuge und Gebäude, vorübergehend musste nach dem Rückzug der Polizei sogar der Notstand ausgerufen werden; das erste Mal seit 1966. Anderswo gab es ähnliche Situationen, in Acre wurde ein jüdisches Restaurant in Brand gesteckt, in Tuba Al-Zangariya eine Polizeistation attackiert, in Haifa Straßenblockaden errichtet. Anderswo kam es zu ähnlichen Szenarien durch israelische Juden, wo beispielsweise in Ramala alle Autos attackiert und bedroht wurden, die von Arabern gefahren wurden. Rechtsextreme Juden liefen durch Haifa und verprügelten dabei mehrmals mehrere Personen fast zum Tode, während die Polizei untätig daneben stand. Insgesamt offenbart der neue Ausbruch des Konflikt die bestehenden Spannungen im Land, welche selbst bei Ende der bewaffneten Auseinandersetzung nicht verschwinden werden.

Anlass für die neueste Runde an Eskalationen waren Streitigkeiten über die Eigentumsverhältnisse mehrerer Häuser im Viertel Sheikh Jarrah, Ost-Jerusalem. In Folge der ständigen Kriege in der Region kam es zu ständigen Eigentumswechseln zwischen Arabern und Juden, bis die betreffenden Gebäude einer jüdischen Siedlerorganisation zugesprochen wurde. Diese versuchten bereits mehrmals die dort seit Jahrzehnten lebenden arabischen Flüchtlinge zu vertreiben, was letzten Endes am sechsten Mai zu Ausschreitungen zwischen Arabern und den Siedlern führte. Diese Unruhen breiteten sich bis zur im Islam heiligen al-Aqsa-Moschee aus, die kurz daraufhin am neunten Mai von Polizeistreitkräften gestürmt und sämtliche Versammlungen und Gebete mit Tränengas und Gummigeschossen brutal aufgelöst wurden. Die Besetzung der al-Aqsa-Moschee wurde dann von Hamas und anderen Organisationen als Legitimation benutzt, wiederum eigene Angriffe auf Israel durchzuführen.

Ein kurzfristiges Ende des neuen Gewaltausbruches ist nicht in Sicht, gemessen an den gegenseitigen Drohungen scheinen sowohl die palästinensischen Kräfte, als auch die israelische Regierung fest entschlossen den Konflikt zu suchen und diesen dann auch zu gewinnen. Bisher gelang der Hamas bzw. allen Gruppierungen in Gaza ein Achtungserfolg mit dem erfolgreichen Durchdringen des israelischen Abwehrschirms und den damit verbundenen Schäden in israelischen Orten. Einige Beobachter sehen für Israel nur noch die Möglichkeit, die Situation mithilfe einer Bodenoffensive in Gaza zu befrieden, welche wiederum zu einer neuen Eskalation führen wird, in der die Hisbollah im Libanon und der Iran nicht tatenlos zuschauen werden. Insbesondere die entstandene Eigendynamik von ethnischen Auseinandersetzungen an Orten wie Lod oder Ramala könnte ein dunkles Licht auf zukünftige Entwicklungen in Israel werfen; Menschen die zuvor noch Nachbarn waren, bekämpfen sich nun gegenseitig.

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