Aserbaidschan marschiert in armenisches Staatsgebiet ein

Nach der Niederlage im Krieg um Bergkarabach musste Armenien aus weiten Teilen der Region abziehen, was die Länge der gemeinsamen Grenze zum östlichen Nachbarstaat Aserbaidschan vervielfachen konnte. An dieser neuen Grenze wähnen sich aserbaidschanische Kräfte weiterhin in der Siegeslust und dringen immer wieder über die bisher kaum markierte Grenze in Armenien ein, nur um es wenig später unter russischer Obhut zu verlassen. Am Mittwoch ist aber eine neue Stufe der Eskalation eingetreten, als aserbaidschanische Truppen drei Kilometer tief in Armenien eindrangen und dieses Territorium bis heute besetzt halten. Während Armenien zum ersten Mal den Bündnisfall mit Russland deswegen ausruft, trennen damit nur noch weniger als 30 Kilometer die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan mit dem Restterritorium Aserbaidschans und der Gefahr, Armenien zweizuteilen und noch weiter zu isolieren.

Die ersten Meldungen tauchten am 12. Mai auf, dass aserbaidschanische Truppen in der Umgebung des Sees Sev auf bis zu vier Kilometer vorgerückt sein. Offiziell befindet sich ein kleiner Teil des Sees nach der Niederlage in Bergkarabach in aserbaidschanischen Territorium, das schiitische Land selber betrachtet jedoch den ganzen See als Staatsgebiet. Das armenische Verteidigungsministerium bestätigte diesen Vorfall wenig später und sagte, dass derzeit Verhandlungen zwischen den beiden Seiten geführt werden. Aus einigen Regierungskreisen war zu hören, dass zu dem Zeitpunkt keinerlei Truppen in der Umgebung waren und Aserbaidschan dementsprechend einfach und widerstandslos eindringen konnte. Aktuell finden deswegen mit den russischen „Friedenstruppen“ statt, welche in Folge der Verhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan Grenzkonflikte entschärfen und lösen sollen.

Bis zu Flugmanövern durch armenische SU-30-Kampfjets über die Region kam es bisher zu keinen bewaffneten Auseinandersetzungen oder Scharmützeln, obwohl laut armenischen Verteidigungsministerium nach die Eroberung des Sees von aserbaidschanischer Seite erneut versucht wurde, vorzurücken, diesmal aber auf Widerstand trafen. Obwohl russische Diplomaten inzwischen wieder abgereist sind bleibt der Schicksal des Sees und der Umgebung weiterhin unklar, beide Seiten schickten in der angespannten Situation Verstärkung in die Region. Armenien aktivierte dabei auch erstmals den Bündnisfall der „Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit“, das von Russland angeführte Militärbündnis zwischen diversen ex-sowjetischen Staaten. International gab es Unterstützung für Armenien von Seiten der USA und des französischen Präsidenten Macron, auch wenn sich diese Hilfe nur auf einem verbalen Niveau beschränken wird.

Das betroffene Gebiet ist von dreierlei Bedeutung. Einerseits dient der See als wichtiges Bewässerungssystem für umliegende Kommunen und Dörfer, die auf Sev angewiesen sind. Zudem ist er nur wenige Kilometer von der nächstgrößten armenischen Stadt Verishen entfernt, welche damit in das Fadenkreuz zukünftiger aserbaidschanischer Angriffe und Offensive rücken könnte. Außerdem trennen genau in diesem Gebietsabschnitt nur rund 30 Kilometer die zwei aserbaidschanischen Territorien, die durch Armenien getrennt sind, ein Teil der Friedensverhandlungen aber den Bau einer Schiene zwischen diesen beiden Gebieten durch armenisches Staatsgebiet vorsah.

Diese ständigen Versuche Aserbaidschan in Armenien vorzurücken scheint dabei das strategische Kalkül zu verfolgen, aufgrund der bisher kaum gezogenen Frontlinien sich kleinere Vorteile herauszuarbeiten und die Gunst der Stunde zu nutzen. Dazu passend sind neue Drohgebärden aus Aserbaidschan nicht ungewöhnlich und an der Tagesordnung, regelmäßig werden Positionen in den staatlichen Medien verlautbart, die die Eroberung der armenischen Hauptstadt Jerewan oder die „Wiedervereinigung“ aserbaidschanischer Regionen fordern. Oftmals wird Armenien auch als letztes Puzzleteil in der Union eines pan-turkvölkisches Staates gesehen, welcher von der Türkei bis nach Xinjiang in China reicht. Solange Armenien weiterhin militärisch und politisch geschwächt ist, wird Aserbaidschan diese Chance auf Basis nationalistischer und chauvinistischer Basis zu nutzen wissen.

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